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04. Januar 06

Back in Japan

von Thomas

Jetzt muss ich doch auch noch mal meinen ganz persönlichen Senf zu unserem Trip nach Deutschland abgeben... Was ich allerdings abschließend von der Reise halten soll, weiß ich immer noch nicht so recht. Am Anfang dachte ich noch, dass mir gar nichts gefallen wird, inzwischen hat sich das etwas gelegt und ich würde sagen, manches war ganz schön. Wobei man zwischen zwei Dingen unterscheiden muss. Das eine ist die Tatsache, einfach nur wieder in Deutschland zu sein, das andere sind die persönlichen Dinge, das Treffen mit der Familie, mit Freunden, usw.

Letzteres war natürlich schön, es war sehr angenehm, sich einfach mal wieder so auf Deutsch mit jemandem zu unterhalten (was hier ja nur mit Gunda geht, so schön das auch ist...), bestimmte Dinge zu Hause zu essen, herum zu bummeln an bekannten Orten und Erinnerungen aufzufrischen. Das alles ist sehr schön, viel einfacher als hier in Japan und macht natürlich auch viel Spaß. Gunda hat das ja auch schon gut beschrieben, da brauch ich auch gar nicht mehr zu sagen.

Das in Deutschland sein, Deutschland erleben, über den privaten Tellerrand hinaus, ist dagegen was ganz anderes. Symbolisch dafür war das vielleicht das Wetter. Wir haben Japan bei strahlendem Sonnenschein verlassen und sind im Deutschland im nasskalten Winter mit seinem ständig grauen, wolkenverhangenen Himmel angekommen. Entsprechend trübe war meine Stimmung am Anfang. Erst das winterlich verschneite Berlin hat mich dann etwas aufgeheitert.

Was ist so toll in Deutschland? Das die erste S-Bahn, die man nimmt, 25 Minuten Verspätung hat, die Scheiben zerkratzt, die Sitze bemalt oder zerschnitten sind? Das man in Bussen und Bahnen ständig das überlaute Gerede seiner Mitfahrer mit anhören muss, die, vor allem wenn sie jünger sind, immer weniger der deutschen Sprache mächtig sind (was war das heute wieder für eine himmlische Ruhe, als ich heute mit dem Bus zur Arbeit fuhr...)? Das man friedlich mit einem Freund bei Starbucks in Berlin sitzt und hilflos mit ansehen muss, wie dem ein Rucksack mit teurer Kamera und Fotoausrüstung geklaut wird? Das in der Buslinie, die wir damals in Berlin immer benutzt haben, letztens jemand erschossen wurde (das man in Berlin gerne auf Busse schießt, gabs allerdings auch schon, als wir dort noch wohnten)? Das man sich ständig gegenseitig ermahnen muss, auf seine Habseligkeiten aufzupassen? Das innerhalb eines Jahres sich die Anzahl der Shoppingsender im Kabelnetz verdoppelt hat und inzwischen jeder fünfte Sender nur noch den Leuten mit Ramsch das Geld aus den Taschen ziehen will? Soll ich mich freuen, dass die einzig brauchbare Sendung, die ich gesehen habe, eine 25 Jahre alte garantiert Knopp-freie Geschichtsdoku war, die irgendwann nach Mitternacht lief, als auf einem anderen Sender sich die halbnackten Moderatorinnen sich gegenseitig an am Busen streichelten? Meine Erinnerung war schon nicht gut, der kurze Einblick in die aktuelle Wirklichkeit nicht besser. Die c't feiert den technischen Fortschritt in Deutschland: "Das Internet wird mobil". Sagen wir lieber, "das Internet wird in Deutschland mobil", denn in anderen Ländern ist es das schon längst... Das das teuerste Internetangebot in Deutschland immer noch 30mal langsamer ist als hier das 08/15-Angebot von der Stange, lässt einem das Herz natürlich auch höher schlagen. Schön ist natürlich der Wiederkennungswert: So manche Autobahnbaustelle gabs schon vor anderthalb Jahren! Und überall dieser Service: Am Samstag haben tatsächlich einige Geschäfte bis 18:00 Uhr oder gar bis 20:00 Uhr auf! Wenn man dann aber um ein Uhr Nachts mal was zu trinken haben will, während man auf einen Bus oder eine Bahn wartet, Fehlanzeige. Na ja, dafür vergeht einem dann der Appetit, wenn man im ankommenden Zug vollgekotzte Leute sitzen sieht. Wer braucht da noch was im Magen? Warum sagt mir Gunda eigentlich in Japan nie, dass ich jemanden nicht so anschauen soll, weil es sonst sein könnte, dass der mich daraufhin verprügelt? Ich liebe dieses friedliche Land...

Hmm, vielleicht etwas ungerecht und einseitig das Ganze? Ja vielleicht, aber von Außen betrachtet, ist halt vieles nicht so toll in Deutschland, und vieles, was mir in Deutschland nicht gefällt, gefällt mir nur gerade in Japan eben sehr gut und im direkten Vergleich, werden mir die Schattenseiten um so bewusster. Viel Schatten gibt es natürlich auch in Japan, aber hier kann ich ihn besser ausblenden, betrifft er mich nicht so, während ich in Deutschland direkt mit dem Kopf drauf gestoßen werde. Und nach so langer Zeit hier in Japan sowieso. Auch wenn wir in nicht mehr ganz einem dreiviertel Jahr wieder dort sein werden, wird es einfach nicht mehr dasselbe sein. Das Leben hier hat mir gezeigt, dass viele Dinge auch anders sein könnten, wenn man nur wollte, und das es kein Gott gegebenes "damit muss man halt leben" gibt. Leben in Deutschland wird nach den 2 Jahren nicht mehr so sein, wie vorher, wird sich messen lassen müssen, mit dem Leben hier, das Land und die Leute werden gut begründen müssen, warum dies und jenes angeblich so sein muss, es wird sehr viel Überzeugungskraft brauchen, bis es mich wieder von sich einnimmt, einfach nur wieder da zu sein, wird nicht mehr reichen...

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Kommentare

Gunda

Eigentlich hast Du ja recht. Jedes Ding hat eben seine (mindestens) zwei Seiten.
Du hast mal gesagt, daß der Preis für die Ordnung in Japan eben das Aufgeben der persönlichen Freiheit ist, und daß der Preis der persönlichen Freiheit des Einzelnen in Deutschland auch Zerstörung und schlechtes Benehmen ist. Dem habe ich zugestimmt und würde das wieder tun.
Ich glaube, daß Berlin auch ein ziemlich extremer Hammer vor den Kopf ist, wenn man aus Japan kommt. Das muß in anderen Städten (z.B. im kuscheligen Bonn) nicht unbedingt genauso krass erscheinen.
Ich hoffe nur, daß wir es schaffen werden, in und an Deutschland nicht dauerhaft zu verzweifeln. Ich für meinen Teil möchte lieber in Japan lernen, wie es besser geht, um dann im Kleinen, in meinem Umfeld, vielleicht irgendetwas verbessern zu können.
Alles in allem zählt der bessere persönliche Kontakt, das Soziale Leben, in Deutschland für mich. Den Rest muß ich dann eben mitnehmen. Im Prinzip ist das für mich hier in Japan auch nicht anders. Hier gefällt mir manches auch nicht, und ich bin trotzdem gerne hier.

Enrico

Hallo Gunda und Thomas, Danke fuer diesen Bericht und den Kommentar, habe beides mit Intresse gelesen.

Nach einen Urlaub in Japan hatte ich, sehr aehnliche Erfahrungen in Deutschland gemacht wie Thomas.

Seid April 2005 lebe ich in Japan und bin schon sehr gespannt auf meinen ersten Urlaub in Deutschland. Sicher durch eigene Erfahrung schon gezeichnet, wird es mir schwer fallen die alte Heimat ohne gewisse Vorurteile zu besuchen.

Denke aber das Gunda sicher recht hat und man im kleinen Kreis versuchen kann etwas zuaendern. Mit so manchen schlechten Sachen aber sicher auch wieder Leben lernen muss.

Beste Gruesse aus Chigasaki Enrico

Thomas

Danke für den Kommentar :)

Ja, es stimmt schon, man kann sicher sich im kleinen Kreis überall ein angenehmes Leben machen, aber hat das nicht was von innerer Immigration und damit von EIngeständniss einer Niederlage?

Hinzukommt, was Gunda auch schon erwähnt hatte: Dieses Gefühl von anderen (in Deutschland) als eine Art Kuriosum wahrgenommen zu werden. Es ist manchmal zum verzweifeln, wie schwer es ist, zu vermitteln, was eigentlich das schöne an Japan ist. Da ist so eine unendliche dickes Brett vor dem Kopf vieler Leute, das es ihnen anscheind unmöglich macht, Japan als etwas anderes als ein Kuriosum zu sehen,, weil es einfach so anders ist, als ihre kleine deutsche Welt.

Wenn man mal eine Weile weg war, dann merkt man erstmal, wie eng die Welt zu Hause ist, wie schematisch und festgelegt die Denkmuster sind und wie weit ausserhalb des Vorstellungsvermögens andere Kulturen als ernstzunehmnede Alternativen zur gewohnten Lebensweise sind.

Oder ist es nur die eigene Unfähigkeit, ein richtiges Bild, in unserem Fall von Japan, zu vermittelen?

Enrico

Hallo Thomas, in der Tat ein schwieriges Gebiet auf dem wir uns bewegen. Anderen Menschen die Welt in der wir leben richtig zu vermitteln und begreiflich zu machen (das es auch noch etwas weiter geht als ueber den eigenen Tellerrand).

Es ist gewiss ein Misschung aus beiden einmal die Fehlende Vorstellungskarft und auf der anderen Seite auch bescheidene Moeglichkeiten Menschen die andere Welt (unsere Welt) zueroeffnen.

Eine Blog oder Webseite ist ein guter Start in die richtige Richtung. Es ist nicht leicht etwas zu veraendern, dennoch sollten wir uns nicht entmutigen lassen und weiter machen.

Auch bei kleinen Erfog, hat sich die Muehe gelohnt.

Gunda

Ich konnte in Deutschland auch ohne Japan schon oft meine Welt nur wenigen verstaendlich machen. Deshalb finde ich das jetzt gar nicht so besonders, dass es jetzt wieder so ist. So ist das eben manchmal. - Mit oder ohne Japan. Dann sucht man sich zum Druebersprechen eben Gleichgesinnte, wenn man sie will und braucht.
Und: Kann ich den Japanern ein "richtiges" Bild von Deutschland vermitteln? Ist das nicht fuer jeden anders, das Bild? Und wird mich wirklich jeder Japaner verstehen, wenn ich ueber Wurst, Bier und Neuschwanstein hinausgehe?
Was ich damit sagen will: Wer aus Unsicherheit Stereotypen braucht, um Laender und Menschen einschaetzen zu koennen, dem werde auch ich nicht helfen koennen. Auch, wenn ich noch so gerne wollte...

Alex

Guter Artikel! Endlich mal jemand, der sich nicht immer nur beschwert, sondern auch mal die positiven Seiten des Landes realistisch beschreibt. Gibt es leider nur viel zu selten (häufig sind das nur die Touris, die für 2 Wochen hier sind, a la "Die Japaner sind alle soooo gastfreundlich", aber diejenigen die länger hier sind, haben meist eine extrem negative Attitüde). Auch wenn ich Deutschland als meine Heimat betrachte, so gibt es doch eine Vielzahl von Aspekten, wo sich unser Land von Japan was abschauen kann...

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