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10. März 06

Regelwerke

von Gunda

Im Prinzip bin ich ja den meisten Verhaltensregeln hier in Japan nicht abgeneigt, weil sie das menschliche Miteinander ungemein erleichtern. Über merkwürdige Regeln haben wir trotzdem auch schon öfter berichtet. Im schulischen Kontext scheint sich das Absurde aber zu häufen:

Davon habe ich auch schonmal was geschrieben; Linda erweitert das jetzt durch ihre Erzählungen enorm. Erst wurde sie immerwieder von anderen Lehrern angesprochen, sie solle sich doch mal besser anziehen, jetzt steht die Abschlussfeier an. "Dress like for a funeral." lautete die Vorschrift. Aber nicht einfach nur schwarz. Nein, mit Rock und Absätzen und Perlenkette (!), aber am nächsten Tag doch die Info, daß sie helle Strumpfhosen und ein nicht-schwarzes Oberteil anziehen muß. In den letzten Tagen war Probe für die Feier. Vier Kontrollehrer standen an der Tür, um die Kleidung der Schüler zu checken. (Zwei für unten, zwei für oben.) Die "Guten" durften in die Halle, die "Schlechten" mußten in einen extra Raum, wo es vom Schulleiter einen wütenden Vortrag über Kleidung gab. "Wir sind Japaner und müssen stolz darauf sein und nicht so schlampig rumlaufen, wie die Ausländer." Pech, wenn die Japanisch können. Linda verließ wütend den Raum. Am Ende des Tages wurde sie dann noch gefragt, warum sie nicht ihre Sachen auch mit zur Kontrolle gebracht hat...

Dabei sind wir diejenigen, die sich hier ganz schön oft über irgendwelche Outfits wundern. (Andrea: "Die haben hier schon einen ganz eigenen Style.") Farb- und Musterkombinationen, die in westlichen Ländern als "unschön" gelten würden, finden sich auch in traditioneller Kleidung und Kimonos wieder, es werden Schnitte und Stile kombiniert, wie man es z.B. in Europa oder Amerika nicht machen würde. Und dann die Schuhe; wirklich ein Thema für sich: Runtergetretene Hacken oder Schlaufen, X-beiniges Schlurfen mit oder ohne High Heels (mit denen viele Frauen ganz offensichtlich eigentlich nicht laufen können), Kniestrümpfe zum Kostüm, Joggingschuhe zum Anzug und Strümpfe aller Farben zum schwarzen Anzug, wenn es regnet gerne auch mal Gummistiefel. (Und das ist immerhin alles "westliche" Kleidung...)

Kleidung scheint also auch mal wieder eines dieser kulturellen Mißverständnisse zu sein.

20. Januar 06

Raetsel der Menschheit

von Gunda

Also, als erstes muss ich mal diesen Super-Abschied an dieser klasse Schule beschreiben. (Das ist noch kein Raetsel im eigentlichen Sinne.) Es fing schon morgens damit an, dass ich Suessigkeiten fuer die Lehrer ausgeteilt habe. Ich hatte sogar was aus Deutschland im Supermarkt gefunden, was natuerlich

19. Januar 06

Jungs und Maedels

von Gunda

Wo ich in Deutschland schon mehr als mir lieb ist gesehen habe, dass trotz (oder wegen?) des ganzen Gleichstellungswahns Jungen und Mädchen in der Schule unterschiedlich behandelt werden, ist das hier erfrischend anders. Klar, die Interessen gehen auch hier auseinander, aber eben nicht so stark. Da laufen auch schonmal Jungen mit rosa Klamotten durch die Gegend, mögen Glitzer und fragen mich als erstes, welche Blume ich gerne mag. Es wird auf dem Schulhof in gemischten Gruppen gespielt, und so manches Mädchen steckt die Jungen beim Klettern in die Tasche. Ich habe den Eindruck, dass vorallem die Jungen anders sind als in Deutschland. Sie lehnen sich aneinander an, wenn sie Nähe brauchen und streiten sich kaum. Ich habe noch nie eine deutsche Klasse erlebt, in der die Hälfte der Jungen als Traumberuf "Koch" angegeben hätte und Kochen als erstes Hobby nennt. Und von den japanischen Jungen würde auch keiner auf die Idee kommen, sich zu weigern, Flötespielen zu lernen aus Angst, davon homosexuell zu werden. (So geschehen in Berlin-Neukoelln.) Ich führe das, neben der Erziehung, auch ein Stück weit auf die kulturellen Ursprünge zurück. Lange Zeit waren die Künste und Meditationstechniken Maennerdomaene, und die traditionelle Kleidung ist auch von der grundsätzlichen Art her für Männer und Frauen ähnlich. (Vielleicht komme ich irgendwann nochmal ausführlicher darauf zurück.) Jedenfalls fällt auch im Straßenbild Japans auf, dass (optisch und vom Verhalten her) so etwas wie Macho-Gehabe ganz fehlt. Ist Japan deshalb emanzipierter als andere Länder? - Ich würde das sofort mit "Nein." beantworten. Doch dazu später mehr...

18. Januar 06

Sprachübungen

von Gunda

Wenn man den Tag über so interessante Sätze, wie "Shit down." oder "He go to the toiletto." hört, muss man doch zumindest mal mit den Schülern harte Endungen (t, p, k ...) und "sch" üben. Gesagt, getan. Und abends hatte ich verschleimte Brillengläser... ;-)

In der Kaelte des Gefechts

von Gunda

...trage ich: ein Unterhemd, ein langes Unterhemd, zwei Rollkragenpullover, Pulswaermer (kann man notfalls über die Hände ziehen), eine lange Unterhose, eine Hose, drei Paar Strümpfe und Turnschuhe mit Fusswaermepads. So trete ich oft Klassen gegenüber, deren Schüler zur Hälfte kurze Hosen tragen. Die Beine, die da rausgucken sind eher blau und vom Frieren fleckig. Kalte Hände sind im Winter einfach normal. Lehrer, die vom Schulhof reinkommen, gurgeln erstmal mit Wasser, weil das angeblich vor Erkältung schützen soll. (Rotzen und geräuschvoll Ausspucken sind natürlich inbegriffen.) Ich bin auch schon mehrfach gefragt worden, ob es an deutschen Schulen den wärmer sei. Die beste Reaktion auf mein "Ja." war: "Warum?" Wahrscheinlich, damit man es nicht merkwürdig findet, dass es draußen so warm ist, wenn man nachmittags die Schule verlässt... Im Lehrerzimmer ist es zumindest vormittags warm. Dann wird gelüftet und die Heizung bleibt hinterher aus. Wenn ich nachmittags aus der Schule komme, habe ich das Gefühl, jeder einzelne Muskel sei verkrampft. Da hilft oft noch nichtmal ein heißes Bad. Naja, ab Freitagabend kann ich meine Wärme größtenteils wieder selber beeinflussen.

17. Januar 06

Pädagogische Konzepte

von Gunda

Klar. Erstmal denkt man an Einfügen, Pauken, Strammstehen... Einiges kann ich bestätigen, anderes kommt erst in der Oberschule. Was es in der japanischen Grundschule kaum oder gar nicht gibt sind Sitzenbleiben, Sonderschule, Strafen, Leistungsdruck, Außenseiter, Koerperkontakt mit dem Lehrer, Lehrer, die den Schülern zwanghaft überlegen sein wollen, binnendifferenzierter Unterricht... Ja, der Unterricht ist größtenteils frontal, zu Lernendes wird im Chor nachgesprochen, es gibt Marschieren und Strammstehen und wenn man das Lehrerzimmer betritt oder verlässt muss man sich lautstark dafür entschuldigen. Aber wenn das nicht klappt, linkisch wirkt oder aus versehen ausbleibt, geht die Welt auch nicht unter. Für die Kinder ist die Schule, vielleicht im Gegensatz zu der sonstigen Erwachsenenwelt, ein Ort, an dem sie alle Regeln kennen. Vielleicht wissen sie manchmal nicht, warum es die eine oder andere Regel gibt, aber kein Kind macht hier den Eindruck, zu etwas gezwungen zu werden. Es scheint vielmehr wie ein Spiel zu sein, dessen Hauptgewinn irgendwo im Unsichtbaren Harmonie im Miteinander schaffen kann. Einem "westlichen" Pädagogen mag das zu schwammig erscheinen. In Deutschland wäre dasselbe System zum Scheitern verurteilt. Aber hier funktioniert es. Wahrscheinlich kann es nur ganz an der Wurzel so etwas wie ein allgemeingueltiges Konzept geben. Und an das Nachsprechen im Chor gewöhnt man sich auch und kann die Fehler raushören.

Künftige Botschafter

von Gunda

...kommen vielleicht aus Oyama. JA! Es gibt tatsächlich an der einen Grundschule ein paar Lehrer, die nicht nur selber Englisch können, sondern auch um die typischen Aussprachefehler wissen. Und nicht nur das; sie können sie sogar einprägsam korrigieren. Noch ist Japan also nicht verloren...

16. Januar 06

School Lunch

von Gunda

... wiederholt sich wöchentlich und bedeutet für mich, dass ich im Lehrerzimmer von zwei Schülern abgeholt und in deren Klassenraum eskortiert werde, wo ich dann auf einem winzigen Stuhl an einem ebenso winzigen Tisch ein inzwischen kalt gewordenes Essen einnehme.
Neben den Dingen, die ich früher schon dazu geschrieben habe, gehört dazu, dass den Kindern vorher eingeschärft wurde, mit mir Smalltalk zu machen. Also: Die Hälfte des Essens schüchtern gucken und kichern, die zweite Hälfte erst Vokabeln rauskramen, einen finden, der nicht "Nein." sagen kann und ihn dann dazu zwingen, mir Fragen, wie "What color / fruit / sport / animal do you like?" zu stellen. (Interessanterweise in jeder Klassenstufe die gleichen Fragen.) Sinnvollerweise natürlich gerade dann, wenn ich den Mund besonders voll habe...

Kartoffeln auf Tonband

von Gunda

Na also! Es geht auch entspannter, sauberer, lustiger und kreativer. Heute bin ich, nach einem entspannenden Wochenende mit Thomas, in der kreativen Murmel-Schule.
Die fangen morgens ihre Konferenz mit "Bibbeldi Babbeldi Buh" auf Japanisch an, haben ne Menge englischer Kinderbücher und -CDs und sind auch sonst viel offener. Heute Nachmittag darf ich an einer hausinternen Tonbandaufnahme für den weiteren Unterricht teilhaben. Und den größten japanischen Kulturirrtum habe ich auch schon aufgeklärt: (Irgendwer muss ja den Anfang machen.) Die Dinger heißen nur in Japan "potato". - Auf Englisch sagt man "french fries". (Ich hab ja damals in London für die Bestellung von "Pommes frites" auch nur fragende Blicke bekommen...)

13. Januar 06

Chefsache

von Gunda

Eben hatte ich noch ein großartig skurriles Erlebnis: Die Schulleiterin ist mit in den Unterricht gekommen. Erst dachte ich, sie wollte mich mal begutachten, fühlte mich aber gar nicht beobachtet. Dann dachte ich, es ginge um die Lehrerin. Oder hat sie Schüler beobachtet? Jedenfalls stand sie die ganze Zeit am Ofen, fing irgendwann an, mit den Augendeckeln zu flimmern und war dann einfach für den Rest der Stunde eingeschlafen. Was bei deutschen Schülern für tagelange Erheiterung gesorgt hätte, wurde hier einfach ignoriert. (Dabei stand sie direkt vor der Klasse.) Ich weiß noch, was es in meiner Oberschule für ein Spektakel gab, weil unser Schulleiter gerne gelegentlich bei Veranstaltungen einschlief. - Die Witze zogen sich über Jahre...

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