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10. März 06

Regelwerke

von Gunda

Im Prinzip bin ich ja den meisten Verhaltensregeln hier in Japan nicht abgeneigt, weil sie das menschliche Miteinander ungemein erleichtern. Über merkwürdige Regeln haben wir trotzdem auch schon öfter berichtet. Im schulischen Kontext scheint sich das Absurde aber zu häufen:

Davon habe ich auch schonmal was geschrieben; Linda erweitert das jetzt durch ihre Erzählungen enorm. Erst wurde sie immerwieder von anderen Lehrern angesprochen, sie solle sich doch mal besser anziehen, jetzt steht die Abschlussfeier an. "Dress like for a funeral." lautete die Vorschrift. Aber nicht einfach nur schwarz. Nein, mit Rock und Absätzen und Perlenkette (!), aber am nächsten Tag doch die Info, daß sie helle Strumpfhosen und ein nicht-schwarzes Oberteil anziehen muß. In den letzten Tagen war Probe für die Feier. Vier Kontrollehrer standen an der Tür, um die Kleidung der Schüler zu checken. (Zwei für unten, zwei für oben.) Die "Guten" durften in die Halle, die "Schlechten" mußten in einen extra Raum, wo es vom Schulleiter einen wütenden Vortrag über Kleidung gab. "Wir sind Japaner und müssen stolz darauf sein und nicht so schlampig rumlaufen, wie die Ausländer." Pech, wenn die Japanisch können. Linda verließ wütend den Raum. Am Ende des Tages wurde sie dann noch gefragt, warum sie nicht ihre Sachen auch mit zur Kontrolle gebracht hat...

Dabei sind wir diejenigen, die sich hier ganz schön oft über irgendwelche Outfits wundern. (Andrea: "Die haben hier schon einen ganz eigenen Style.") Farb- und Musterkombinationen, die in westlichen Ländern als "unschön" gelten würden, finden sich auch in traditioneller Kleidung und Kimonos wieder, es werden Schnitte und Stile kombiniert, wie man es z.B. in Europa oder Amerika nicht machen würde. Und dann die Schuhe; wirklich ein Thema für sich: Runtergetretene Hacken oder Schlaufen, X-beiniges Schlurfen mit oder ohne High Heels (mit denen viele Frauen ganz offensichtlich eigentlich nicht laufen können), Kniestrümpfe zum Kostüm, Joggingschuhe zum Anzug und Strümpfe aller Farben zum schwarzen Anzug, wenn es regnet gerne auch mal Gummistiefel. (Und das ist immerhin alles "westliche" Kleidung...)

Kleidung scheint also auch mal wieder eines dieser kulturellen Mißverständnisse zu sein.

20. Januar 06

Raetsel der Menschheit

von Gunda

Also, als erstes muss ich mal diesen Super-Abschied an dieser klasse Schule beschreiben. (Das ist noch kein Raetsel im eigentlichen Sinne.) Es fing schon morgens damit an, dass ich Suessigkeiten fuer die Lehrer ausgeteilt habe. Ich hatte sogar was aus Deutschland im Supermarkt gefunden, was natuerlich

19. Januar 06

Jungs und Maedels

von Gunda

Wo ich in Deutschland schon mehr als mir lieb ist gesehen habe, dass trotz (oder wegen?) des ganzen Gleichstellungswahns Jungen und Mädchen in der Schule unterschiedlich behandelt werden, ist das hier erfrischend anders. Klar, die Interessen gehen auch hier auseinander, aber eben nicht so stark. Da laufen auch schonmal Jungen mit rosa Klamotten durch die Gegend, mögen Glitzer und fragen mich als erstes, welche Blume ich gerne mag. Es wird auf dem Schulhof in gemischten Gruppen gespielt, und so manches Mädchen steckt die Jungen beim Klettern in die Tasche. Ich habe den Eindruck, dass vorallem die Jungen anders sind als in Deutschland. Sie lehnen sich aneinander an, wenn sie Nähe brauchen und streiten sich kaum. Ich habe noch nie eine deutsche Klasse erlebt, in der die Hälfte der Jungen als Traumberuf "Koch" angegeben hätte und Kochen als erstes Hobby nennt. Und von den japanischen Jungen würde auch keiner auf die Idee kommen, sich zu weigern, Flötespielen zu lernen aus Angst, davon homosexuell zu werden. (So geschehen in Berlin-Neukoelln.) Ich führe das, neben der Erziehung, auch ein Stück weit auf die kulturellen Ursprünge zurück. Lange Zeit waren die Künste und Meditationstechniken Maennerdomaene, und die traditionelle Kleidung ist auch von der grundsätzlichen Art her für Männer und Frauen ähnlich. (Vielleicht komme ich irgendwann nochmal ausführlicher darauf zurück.) Jedenfalls fällt auch im Straßenbild Japans auf, dass (optisch und vom Verhalten her) so etwas wie Macho-Gehabe ganz fehlt. Ist Japan deshalb emanzipierter als andere Länder? - Ich würde das sofort mit "Nein." beantworten. Doch dazu später mehr...

18. Januar 06

Sprachübungen

von Gunda

Wenn man den Tag über so interessante Sätze, wie "Shit down." oder "He go to the toiletto." hört, muss man doch zumindest mal mit den Schülern harte Endungen (t, p, k ...) und "sch" üben. Gesagt, getan. Und abends hatte ich verschleimte Brillengläser... ;-)

In der Kaelte des Gefechts

von Gunda

...trage ich: ein Unterhemd, ein langes Unterhemd, zwei Rollkragenpullover, Pulswaermer (kann man notfalls über die Hände ziehen), eine lange Unterhose, eine Hose, drei Paar Strümpfe und Turnschuhe mit Fusswaermepads. So trete ich oft Klassen gegenüber, deren Schüler zur Hälfte kurze Hosen tragen. Die Beine, die da rausgucken sind eher blau und vom Frieren fleckig. Kalte Hände sind im Winter einfach normal. Lehrer, die vom Schulhof reinkommen, gurgeln erstmal mit Wasser, weil das angeblich vor Erkältung schützen soll. (Rotzen und geräuschvoll Ausspucken sind natürlich inbegriffen.) Ich bin auch schon mehrfach gefragt worden, ob es an deutschen Schulen den wärmer sei. Die beste Reaktion auf mein "Ja." war: "Warum?" Wahrscheinlich, damit man es nicht merkwürdig findet, dass es draußen so warm ist, wenn man nachmittags die Schule verlässt... Im Lehrerzimmer ist es zumindest vormittags warm. Dann wird gelüftet und die Heizung bleibt hinterher aus. Wenn ich nachmittags aus der Schule komme, habe ich das Gefühl, jeder einzelne Muskel sei verkrampft. Da hilft oft noch nichtmal ein heißes Bad. Naja, ab Freitagabend kann ich meine Wärme größtenteils wieder selber beeinflussen.

17. Januar 06

Pädagogische Konzepte

von Gunda

Klar. Erstmal denkt man an Einfügen, Pauken, Strammstehen... Einiges kann ich bestätigen, anderes kommt erst in der Oberschule. Was es in der japanischen Grundschule kaum oder gar nicht gibt sind Sitzenbleiben, Sonderschule, Strafen, Leistungsdruck, Außenseiter, Koerperkontakt mit dem Lehrer, Lehrer, die den Schülern zwanghaft überlegen sein wollen, binnendifferenzierter Unterricht... Ja, der Unterricht ist größtenteils frontal, zu Lernendes wird im Chor nachgesprochen, es gibt Marschieren und Strammstehen und wenn man das Lehrerzimmer betritt oder verlässt muss man sich lautstark dafür entschuldigen. Aber wenn das nicht klappt, linkisch wirkt oder aus versehen ausbleibt, geht die Welt auch nicht unter. Für die Kinder ist die Schule, vielleicht im Gegensatz zu der sonstigen Erwachsenenwelt, ein Ort, an dem sie alle Regeln kennen. Vielleicht wissen sie manchmal nicht, warum es die eine oder andere Regel gibt, aber kein Kind macht hier den Eindruck, zu etwas gezwungen zu werden. Es scheint vielmehr wie ein Spiel zu sein, dessen Hauptgewinn irgendwo im Unsichtbaren Harmonie im Miteinander schaffen kann. Einem "westlichen" Pädagogen mag das zu schwammig erscheinen. In Deutschland wäre dasselbe System zum Scheitern verurteilt. Aber hier funktioniert es. Wahrscheinlich kann es nur ganz an der Wurzel so etwas wie ein allgemeingueltiges Konzept geben. Und an das Nachsprechen im Chor gewöhnt man sich auch und kann die Fehler raushören.

Künftige Botschafter

von Gunda

...kommen vielleicht aus Oyama. JA! Es gibt tatsächlich an der einen Grundschule ein paar Lehrer, die nicht nur selber Englisch können, sondern auch um die typischen Aussprachefehler wissen. Und nicht nur das; sie können sie sogar einprägsam korrigieren. Noch ist Japan also nicht verloren...

16. Januar 06

School Lunch

von Gunda

... wiederholt sich wöchentlich und bedeutet für mich, dass ich im Lehrerzimmer von zwei Schülern abgeholt und in deren Klassenraum eskortiert werde, wo ich dann auf einem winzigen Stuhl an einem ebenso winzigen Tisch ein inzwischen kalt gewordenes Essen einnehme.
Neben den Dingen, die ich früher schon dazu geschrieben habe, gehört dazu, dass den Kindern vorher eingeschärft wurde, mit mir Smalltalk zu machen. Also: Die Hälfte des Essens schüchtern gucken und kichern, die zweite Hälfte erst Vokabeln rauskramen, einen finden, der nicht "Nein." sagen kann und ihn dann dazu zwingen, mir Fragen, wie "What color / fruit / sport / animal do you like?" zu stellen. (Interessanterweise in jeder Klassenstufe die gleichen Fragen.) Sinnvollerweise natürlich gerade dann, wenn ich den Mund besonders voll habe...

Kartoffeln auf Tonband

von Gunda

Na also! Es geht auch entspannter, sauberer, lustiger und kreativer. Heute bin ich, nach einem entspannenden Wochenende mit Thomas, in der kreativen Murmel-Schule.
Die fangen morgens ihre Konferenz mit "Bibbeldi Babbeldi Buh" auf Japanisch an, haben ne Menge englischer Kinderbücher und -CDs und sind auch sonst viel offener. Heute Nachmittag darf ich an einer hausinternen Tonbandaufnahme für den weiteren Unterricht teilhaben. Und den größten japanischen Kulturirrtum habe ich auch schon aufgeklärt: (Irgendwer muss ja den Anfang machen.) Die Dinger heißen nur in Japan "potato". - Auf Englisch sagt man "french fries". (Ich hab ja damals in London für die Bestellung von "Pommes frites" auch nur fragende Blicke bekommen...)

13. Januar 06

Chefsache

von Gunda

Eben hatte ich noch ein großartig skurriles Erlebnis: Die Schulleiterin ist mit in den Unterricht gekommen. Erst dachte ich, sie wollte mich mal begutachten, fühlte mich aber gar nicht beobachtet. Dann dachte ich, es ginge um die Lehrerin. Oder hat sie Schüler beobachtet? Jedenfalls stand sie die ganze Zeit am Ofen, fing irgendwann an, mit den Augendeckeln zu flimmern und war dann einfach für den Rest der Stunde eingeschlafen. Was bei deutschen Schülern für tagelange Erheiterung gesorgt hätte, wurde hier einfach ignoriert. (Dabei stand sie direkt vor der Klasse.) Ich weiß noch, was es in meiner Oberschule für ein Spektakel gab, weil unser Schulleiter gerne gelegentlich bei Veranstaltungen einschlief. - Die Witze zogen sich über Jahre...

Schule. Nix fuer Frostbeulen

von Gunda

Die Schulen werden hier quasi gar nicht geheizt. In fast jedem Raum ist ein Ofen (elektrisch oder mit Gas), der mich an Omas Erzählungen erinnert, wo jeder noch Kohle mit zur Schule bringen musste. Oft sind diese Öfen aber gar nicht in Betrieb. Die Schüler sitzen manchmal in Jacke, oft genug aber auch in kurzen Hosen in der Klasse. Grad macht die ganze Schule halbnackt auf dem Schulhof Gymnastik. Da wundert es mich gar nicht mehr, wenn die Japaner es normal finden, im Winter im ungeheizten Tempel auf Strümpfen rumzulaufen... Da ich als Kind nicht derartig abgehärtet wurde, friere ich hier ständig und habe mir eine Erkältung eingefangen. Netterweise habe ich im Lehrerzimmer an meinem Platz einen extra Heizlüfter hingestellt bekommen. :-)

Andererseits werde ich immer gefragt, ob es nicht zu kalt sei, morgens mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen. Ich finde das weniger schlimm, als in nem kalten Raum zu sitzen...

Wenn man mittags nach draußen kommt, ist es dort deutlich wärmer als drin. Deshalb bin ich skeptisch, ob sich bei dem für naechste Woche vorhergesagten Wetter drin etwas ändern wird.

12. Januar 06

Sumolehrer und Winterspiele

von Gunda

Morgens strömen die Schüler in der Schule an Linien auf dem Boden entlang wie Autos in der Rush Hour. Das klappt alles reibungslos. Wie bei den Erwachsenen in Tokyo. Und wer Jungs in der Klasse hat, die nicht immer sofort auf Reibungslosigkeit aus sind, bekommt den Schulhelfer im Sumo-Format eine Stunde lang ausgeliehen. Die meisten sind aber von ganz alleine angepasst. Einfach, weil es so am bequemsten ist. Die sehen gar keinen Sinn darin, sich danebenzubenehmen. Und dass Kämpfe aus Mangas und Fernsehen nicht ins Leben gehören, finden sie auch ganz klar. Da braucht auch kein Sumoringer zu winken oder ein Lehrer zu schimpfen... Außerdem habe ich heute noch gelernt, was japanische Kinder im Winter spielen. Doch dazu später mehr.

p.s.: In jeder Schule gibt es einen Krankenraum mit Krankenschwester, eine Schulküche mit Kochteam und natürlich das, was wir auch kennen. - Hausmeister und Sekretärin. Manchmal gibts noch jemanden, der Hausmeister und Sekretärin unterstützt.

11. Januar 06

Frustlust

von Gunda

Heute hatte ich eine ganz prima Lehrerin, die es vorher nicht nötig gehabt hatte, mit mir ihre Stunde zu besprechen. Wie auch? Sie konnte ja kein Englisch. Aber dafür hatte sie ein schickes rosa Hello-Kitty-Wörterbuch... Jedenfalls stellte sie mich vor die Klasse, so nach dem Motto: "Teach!" Später wollte sie dann doch was Bestimmtes, was sie mir dann in schnellem schwallartigem Japanisch erklärte. Auf die Idee, einfach mal langsamer und in einfacheren Worten zu sprechen, kam sie auch beim dritten Anlauf nicht. Außerdem hat sie für alles Englische Katakana benutzt, weshalb sie und dann auch die Schüler natürlich alles falsch ausgesprochen haben. Da war echt nix mehr zu retten. Vorallem, weil ich nur einen Tag da war. Nach dem Schulessen war für mich Schluss. Da ich aber noch bis 16.30h bezahlt wurde, musste ich in die Lehrerzentrale und sinnvollerweise meine Zeit dort einfach absitzen. Vier Stunden! Und ich hatte noch nichtmal ein Buch mit! Also habe ich erstmal auf dem einzigen Computer des Grossraumbueros nach Mails geguckt. "Für die einen ist es ein Arbeitsgerät, für die anderen ist es das langsamste Kommunikationsmittel der Welt." Dazu war die Tastatur noch so dreckig, dass ich hinterher schwarze Finger hatte. (Zeugt nicht gerade von reger Nutzung.) - Soweit zum Thema "high tech in Japan"...

Später trudelten noch die ganzen anderen Englischlehrer (ALTs) ein, die auch alle ihre Zeit absitzen mussten. Mittwochs, erfuhr ich dann, ist immer Lehrerfortbildung. Die verbleibenden drei Stunden waren dann noch recht kurzweilig. Erst wurde ich etwas über Deutschland ausgefragt und glücklicherweise überhaupt nicht mit irgendwelchen Stereotypen konfrontiert. Dann wurde ich gefragt, ob alle Deutschen so gut Englisch können, wie ich.:-) "I dream of a german car. May you get one for me?" - "I dream of a kangaroo. May you get one for me?" Als ich von der Geschichte mit der Murmel erzählte griff ein Lehrer grinsend in seinen Rucksack, holte eine handvoll Murmeln raus und sagte, er hätte da ein Jahr gearbeitet... Ansonsten war in diesem Raum bis auf zwei Leute geballter Frust versammelt: ALTs werden kontrolliert bis zum Gehtnichtmehr, werden links liegengelassen, als Störfaktor oder Zootier betrachtet, benutzt und dann abgeschoben. Niemand nimmt sie ernst oder will wirklich mit ihnen zusammenarbeiten. Das schafft Frust, über den wohl meistens Mittwochnachmittag geredet wird. Dabei kann man sich natürlich prima gegenseitig hochschaukeln, was auch heute passiert ist. Dazu kommt noch, dass die meisten den Anschein machen, in ihrer Heimat nicht gut zurechtgekommen oder vor etwas geflohen zu sein. Wenn man mit sich selbst nicht im reinen ist, kann so ein Auslandsaufenthalt schnell schief gehen. Trotzdem war ich hinterher noch mit einigen Eis essen. "Ich weiß, dass ich mich verkaufe. Mein Problem ist, dass die nicht so viel zahlen, wie ich wert bin."

p.s.: Ich glaube, am meisten geschockt war ich heute als mich der Kanadier fragte, was damals eigentlich der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gewesen sei...

10. Januar 06

Meine heutige Vorstellungstour

von Gunda

Meine heutige Vorstellungstour durch die drei Schulen ist erstmal beendet. Die letzte Schule war innen im Vergleich zu den anderen richtig bunt und kreativ. Dort fragte mich die Schulleiterin zum Abschied mit einem verschmitzten Lächeln: "Are you a good teacher?" Ich entschied mich spontan für "Yes.", um meine Chefin nicht in Verlegenheit zu bringen und bekam ein Glas voll Murmeln hingehalten. "Then you can choose one. I made them. But it's a secret." Jetzt hab ich ne blaue Murmel in der Hosentasche, die bunt schillert und innen wie mit Granulat gefüllt aussieht. Außerdem hab ich heute noch was über "japanese manners" gelernt: Wenn man reinkommt soll man (lt. meiner Chefin) sofort den Schal abmachen. Jackeanbehalten ist aber offenbar kein Problem. Irgendwie schwer nachvollziehbar...

Strammstehen bei null Grad

von Gunda

Heute hat das neue Trimester in den Schulen angefangen, und ich durfte Zeuge der Eröffnungszeremonie an einer kleinen Schule in Oyama sein. Ein recht ungewohntes Ereignis: 100 Schüler mit einer handvoll Lehrern auf dem kalten Boden der ungeheizten Turnhalle sitzend. Jeder Atemzug dampft vor sich hin. Dann wird aufgestanden, in Reih und Glied an den Markierungen. Die Nationalhymne wird gesungen, begleitet vom Schulorchester, das hauptsächlich aus acht Akkordeon spielenden Schülerinnen besteht. Dirigiert wird von einer Schülerin auf einem Podest, die die ganze Zeit auf den Boden guckt. Dann folgen mehrere Ansprachen verschiedener Lehrer und eines Schülers. Wer immer die etwas höher gelegene Bühne betritt, verbeugt sich zuerst vor der dort hängenden japanischen Fahne. Beim Runtergehen wird sich nochmal vor der Fahne verbeugt, anschließend vor dem Schulleiter, einem älteren Herrn mit schuetterer Zottelfrisur, abgetragenem Anzug und verlatschten Turnschuhen.

Ich habe zwar als Einzige einen Stuhl bekommen, musste aber trotzdem fast die ganze Zeit stehen. Zum Schluss wurde noch das Schul-Lied gesungen, wobei die Lehrer durch die Reihen gegangen sind und geprüft haben, ob etwa jemand nicht laut genug singt. Der Unterricht lief bisher wie in der anderen Schule. Ich sollte nur diesmal erzählen, was die Deutschen zu Silvester machen. (Nein, es gibt keine Mochis.) Geheizt wird im Lehrerzimmer ausreichend, in den Klassenräumen eher maessig. Alles mit alten Gasöfen mit Heizplatte und Schornstein. So, wie man das aus Omas Erzählungen und alten Filmen auch von deutschen Klassenräumen kennt. "Meine" Wohnung ist auch o.k. und um Längen besser als meine andere Unterkunft damals.

09. Januar 06

Back in Cockroach City

von Gunda

Es gibt mit Sicherheit neben den Erdbeerfeldern auch noch andere schöne, kakerlakenfreie, unstressige und saubere Plätze in Oyama. Mein Problem liegt wahrscheinlich nur darin, dass ich diese Plätze beim letzten Mal nicht gesehen habe. Ich fahre also gerade wieder nach Oyama, um zwei Wochen lang die Lücke zwischen zwei Englischlehrern zu füllen. (Einer geht, der andere kommt später.) Ich bekomme eine Wohnung kostenlos zur Verfügung gestellt, die mit einem Futon und einer Klimaanlage ausgestattet ist. Keine weiteren Möbel oder Zubehör. Das ist für die kurze Zeit ja nicht weiter schlimm, hätte ich diese Info nicht meinem Arbeitgeber mühsam abringen müssen. Genauso wie den Umgebungsplan der beiden Schulen, womit ich aber immernoch keine zusammenhängende Orientierung habe. Wo die Wohnung ist, weiß ich nicht. Da werde ich gleich im Dunkeln hingefahren und muss dann morgen früh mit dem Fahrrad zu der Lehrerzentrale fahren, von der ich auch nicht weiß, wo sie ist. Auf die Idee, mir einen Stadtplan anzubieten, ist bisher niemand gekommen. Genauso konnte mir keiner sagen, ob die Wohnung kakerlakenfrei ist und ob die Schule geheizt ist. (Das ist in Grundschulen nicht selbstverständlich, wurde mir beim letzten mal gesagt...) Naja, wir werden sehen. Ich freu mich nicht grad auf dieses Abenteuer. Aber ich hab nen Haufen warme Klamotten und Waermepads mit und will das Beste draus machen.

09. September 05

Sprachsumpf

von Gunda

Nachdem ich fast eine Woche in ebensolchem gewatet bin, wird mir langsam klar, weshalb man in Japan mit Englisch oft nicht verstanden wird. Ich konnte dabei zwei Arten von Gründen ausmachen:
Zu den verständlichen Gründen zählen für mich, daß Japaner Englisch mit nichts Bekanntem assoziieren können, ihnen die Schrift anfangs fremd ist und sie keine Laute damit verbinden können und dass es im Englischen viele Laute gibt, die sie nicht voneinander unterscheiden können, weil ihr Gehör diese Laute nicht voneinander trennen kann, da die japanische Sprache mit weniger unterschiedlichen Lauten auskommt.
Zu den mir unverständlichen Gründen gehört allerdings, daß die meisten Lehrer zur Vermittlung von Englisch eben diese japanischen Laute in Gestalt der japanischen Silbenschrift benutzen. So entsteht eine Sprache, die klingt wie Japanisch, aber von den Schülern als Englisch gelernt wird. Die meisten Lehrer können selbst wenig bis gar kein Englisch. Auch, wenn sie dieses Fach unterrichten. Das tun sie dann, indem sie sich an vorgefertigte Stundenentwürfe mit CD halten. Allerdings kontrolliert niemand ihre Aussprache.
Und zum Schluß wäre noch anzumerken, daß die Schüler natürlich sehr wohl gemerkt haben, daß ihr sonst so hochgeachteter Lehrer sich mit mir nicht verständigen kann, aber ja trotzdem einen angesehenen Beruf und sogar studiert hat. Wozu muß man also Englisch lernen?
Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Bedingung zur Immatrikulation fürs Lehramtsstudium nachweisen mußte, daß ich mindestens zwei Fremdsprachen spreche. Und das, was mir als Jugendliche den Kick zum Sprachenlernen verpaßt hat, internationale Treffen, Schüleraustausch, Brieffreundschaften etc., ist in einer japanischen Schule nirgends vorgesehen. Nicht für Schüler, nicht für Lehrer. Und auch sonst keine Fortbildungen in dieser Richtung.
Wen wundert es da, daß manche Japaner lieber die Flucht vor Ausländern ergreifen, statt mit ihnen Englisch zu sprechen?

Mehr Fotos zu Schulen in Japan gibt es von einem Amerikaner.

Dauerlächeln

von Gunda

Nachdem ich gestern dank der Gleichschaltung schon neunmal mit verschiedenen Erstklässlern das gleiche Lied gesungen habe und zwecks Übung jedem Schüler mindestens zweimal die Hand schütteln mußte, konnte ich mir bei meinem heutigen Auftritt in der letzten ersten Klasse das Grinsen nicht mehr verkneifen. Die Schulhelferin hatte das jetzt schon genauso oft gemacht, war aber offenbar immernoch begeistert bei der Sache oder schon völlig abgestumpft. Ich habe mich zum Schluss mit der Vorstellung über Wasser gehalten, daß berühmte Leute sowas ein halbes Leben lang machen müssen.
Fahnenappelle gibt's hier doch. Hab ich nur nicht mitbekommen. Gerade wird auf dem Schulhof eine Parade für ein Sportfest geübt:

Download CIMG8657.AVI

Auf die Frage einer Lehrerin, ob es das in Deutschland auch gebe, habe ich nach kurzem Zögern dann doch erklärt, warum die Deutschen sich eher von Uniformen undCimg8658_small Militaristischem fernhalten. Nachdem sich die Lehrerin versichert hatte, daß keiner zuhört, sagte sie mir, sie fände eine freiheitliche Erziehung auch besser.
Gerade wurde noch der am besten Englisch sprechende Lehrer ausgelost und vorgeschickt, um mit mir den Plan für die vierten Klassen durchzusprechen.

07. September 05

Nachschlag

von GundaCimg8629_small

Weil grad Mittagessen war, muss ich darüber unbedingt noch was schreiben: Erst kommt das Essen aus der Schulküche auf Wagen ins Lehrerzimmer und in die Klassen. Dann ziehen einige Kinder weiße Kittel, Mützen und einen Mundschutz an und verteilen das Essen in Schälchen und auf Tabletts, wobei sie erstaunlich wenig kleckern. Anschließend stopfen die Austeiler ihre Kittel usw. in einen weißen Turnbeutel, der an einen Haken gehängt wird. Dann gehen ein oder zwei Kinder nach vorne und rufen zu einer Art stillem Tischgebet auf. Es wird "Guten Appetit!" gesagt Cimg8631_smallund dann gemeinsam angefangen. Vorher sind noch zwei größere Schüler im Ansage-Raum des LehrerzimmersCimg8662_small verschwunden, von wo aus sie erst über die Details des Essens (was es ist, woraus es besteht, dass es gesund ist und woher die Zutaten kommen) aufklären und dann Kinderlieder und ein kurzes Hörspiel einspielen. Das ist alles ziemlich laut. Vielleicht essen die Kinder auch deshalb schnell und schweigend... Danach werden Müll und Geschirr Cimg8630_smalleingesammelt. Ach ja, und vorher wischen die Schüler sich Mund und Hände mit einem mitgebrachten feuchten Tuch ab. Da wir im Randbereich eines Taifuns stecken, hat gerade ein Schüler die japanische Fahne eingeholt und im Lehrerzimmer sorgfältig in einem Karton verstaut. Fahnenappelle gibt es hier keine. Auch keine Uniformen (bis auf Mützen und Schultaschen). Das kommt erst in der Oberschule.Cimg8632_small
Cimg8615_small

Bach und Besen

von Gunda

Ein normaler Tag an dieser Schule läuft ab wie folgt: 8h treffen sich alle Lehrer imCimg8584_small Lehrerzimmer (= Klassenraum für Lehrer). 8.10h stehen alle Lehrer auf, und es wird eine kurze Ansprache vom stellv. Schulleiter gehalten. Kurz innehalten, hinsetzen, 15 Min. Ansagen verschiedener Leute. 8.25h Unterrichtsbeginn. Das heißt für mich, dass ich von zwei Schülern der entsprechenden Klasse abgeholt und in den Klassenraum eskortiert werde. Um 12.30h gibt es Mittagessen, das mit der Klasse, bzw. im Lehrerzimmer eingenommen wird. Danach ist Putzen angesagt, was aber nur heißt, dass alle mal ein bischen zu Klängen von Bach mit dem Besen rumwursteln. Sogar die Schulleiterin. Nur ich nicht. ;-) Das Lehrerzimmer wird von Schülern gefegt. Und trotzdem (und obwohl man dieCimg8593_small Schuhe am Eingang gegen Hausschuhe tauschen muss) ist das ein feuchtes, schmuddeliges Gemäuer, das muffig riecht. Trotzdem ist es ganz angenehm hier. Manchmal komme ich mir vor, wie ein umsorgtes Zootier, manchmal, wie einCimg8589_small rumgereichtes Englisch sprechendes Stück Fleisch... Aber jetzt reden die Lehrer auch mal zwischendurch ganz normal mit mir. Um 16.55h hab ich Schluss. Bis dahin bin ich, zusammen mit dem Material, pro Tag durch alle Klassen einer Klassenstufe gereicht worden, habe also fünfmal genau das gleiche vorgegebene Zeug von Cimg8590_smallmir gegeben. Es kommt auf den Lehrer an; aber manchmal bin ich nur so eine Art lebendes Tonband, dem die Kinder im Chor nachsprechen sollen. Die Kinder sind aber alle ganz begeistert und nett (und oft schüchtern). Die mögen michCimg8587_small alle. Die Lehrer eigentlich auch. Aber ich staune immerwieder, wie schlecht Englisch selbst die Englischlehrer sprechen. So gesehen ist es eine gute Idee, "Muttersprachler" hinzuzuziehen. Nur schade, dass das nötig ist...

06. September 05

Graduated only!

von Gunda

Dass man in Japan schonmal für nen Babysitter-Job nach seinem Uni-Abschluß gefragtCimg8666_small wird fand ich ja schon bemerkenswert. Aber für das, was ich hier gerade mache, braucht man auch eigentlich zwingend einen. Woraus diese intellektuelle Arbeit besteht? Ich stehe vor sechs verschiedenen Klassen, hebe meine linke Hand hoch und sage: "left hand up". Dann kommt die andere Hand dran. Das geht die Hälfte der Stunde so. Die andere Hälfte kommen "nose, mouth und eye" dazu...
Ich bin froh, daß ich das nur eine Woche lang machen muß. So gesehen ist es ganz gut, daß ich damals vor drei Jahren genau diesen Job wegen meines nicht vorhandenen Uni-Abschlusses nicht bekommen habe.
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05. September 05

Non-touristisch unterwegs

von Gunda

Jetzt fahre ich also ganz spontan mal nach Oyama. Da soll ich bis Freitag Englisch unterrichten und einen ALT (Assistant Language Teacher) vertreten, der plötzlich in sein Heimatland zurückgegangen ist. Und weil das von uns aus etwas weit weg ist, schlafe ich da bei einer Lehrerin. Ich bin schon gespannt, wie eine japanische Schule so ist. Mehr davon später.

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