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09. Juni 06

Internationale Vergleiche

von Gunda

Nachem ich das jetzt schon zweinmal gehört habe, muß ich einfach was dazu schreiben:

Irgendwie scheinen Deutsche, die schon lange in Japan leben, dazu zu neigen, die zahnmedizinische Versorgung ihres Gastlandes zu idealisieren. Anders kann ich mir die Bemerkungen, in Deutschland seien Zahnärzte zum Fürchten und Zahnbehandlungen immer schmerzhaft, nicht vorstellen. Oder war das vielleicht noch so, als besagte Erzähler aus Deutschland weggegangen sind? Und jetzt erfahren sie hier die weltweit fortgeschrittene Technik als "toll japanisch sanft"? Ich habe hier jedenfalls letztes Jahr genau die umgekehrte Erfahrung gemacht...

Eigentlich ist mir total egal, was irgendwelche Leute über deutsche oder japanische Zahnärzte denken und dann auch noch verbreiten. Aber einem Schüler, der demnächst zwei Jahre in Deutschland leben soll, zu sagen, dort wäre ein Zahnarztbesuch total schmerzhaft, finde ich einfach ... um ehrlich zu sein ... total bescheuert. Der läßt sich glatt zwei Jahre lang das Gebiß wegfaulen, bevor er sich nem "deutschen Schlächter" anvertraut.

Vielen Dank für ein weiteres Kapitel im Sammelband "Mutmachen für Deutschlandaufenthalte"!

23. März 06

Joban Bahnhofstoilettenführer

von Gunda

Ja, liebe Japaner, die Ihr mit mir am Dienstag in dem vollbesetzten Zug mitten im Berufsverkehr gesessen habt, ich oute mich hiermit: Ich war es, die das Abteil vollgekotzt hat, weil die Station nicht rechtzeitig kam. Und danke für die Fragen, ob auch alles klar wäre. - Das hatte ich so nicht erwartet.

Angefangen hatte es schon im Shinkansen nach Tokyo. Aber da gab es ja ein Klo.
Nachdem Thomas nach seiner kurzen aber heftigen Magen-Darm-Geschichte noch etwas wacklig war, fing es bei mir an. Nur schlimmer. Alles mußte raus (oben und unten), und das möglichst noch unterwegs. Auf dem Weg von Tokyo nach Hause mußte ich ungefähr an jeder zweiten Station rausstürzen. Dabei habe ich intensiv die von mir so verhaßten Bahnhostoiletten besser kennengelernt. (Wer vorher nicht würgen konnte, kann es dann bestimmt.)

Am coolsten kam die Aktion: Auf die Schienen brechen bis Thomas schreit "Da kommt ein Zug!", dann am gegenüberliegenden Gleis weitermachen, bis er wieder anfängt zu rufen.
Zum Schluß hat sich Thomas einen Spaß daraus gemacht, anhand des Fahrplanes auszurechnen, wie viel Zeit ich an jeder Station fürs Klo hätte. ;-)

Irgendwann haben wir dann einen Zug mit Klo erwischt, auf dem ich bis Arakawaoki einfach sitzengeblieben bin.
Dann haben wir ein Taxi genommen und damit den Fahrer verärgert, der uns gefragt hat, warum wir für die kurze Strecke ein Auto gebraucht hätten. Aber wir hatten keine Zeit für Erklärungen; ich mußte ja aufs Klo...
Die Nacht war wirklich schrecklich. Aber, wie bei Thomas, am nächsten Tag war es schonwieder weitestgehend o.k.
Cimg2030_medium
Da wir die Reise über immer sehr unterschiedliche Dinge gegessen hatten, hänge ich im Moment der Theorie an, daß wir uns im Ryokan irgendwo infiziert haben. Bei unserer Suche nach Rustikalität waren wir ja fündig geworden. Allerdings hauste in der einen Hälfte des Eingangsbereiches (drin) ein Kettenhund, der seine Geschäfte auf großen Papiermatten erledigte. Da ging auch oft was dran vorbei, und die Matten wurden wirklich sehr selten gewechselt. Wer weiß, was da so entstanden ist...

27. Januar 06

Hightech in Japan

von Gunda

Wie wir ja schon öfter angemerkt haben, ist es in Japan mit den technischen Errungenschaften längst nicht so weit her, wie man sich das in Europa immer so vorstellt. Klar, es gibt hier Unmengen an Technik zu kaufen. Aber letztlich läuft das doch alles eher unter der Kategorie "Spielzeug". - In kaum einer Institution werden diese Geräte ernsthaft zur Arbeitserleichterung eingesetzt. Dort sind die Leute meist, wie Kilian schonmal in einem seiner Podcasts angemerkt hatte, auf dem Stand des Faxgeraetes als maximal nützliches technisches Gerät stehengeblieben. Warum ich darüber gerade jetzt schreibe? - Ich sitze im Krankenhaus, um mir ein Rezept abzuholen. Das mache ich seit einem Jahr einmal im Monat. Ich habe eine Kundenkarte mit Magnetstreifen, die jedesmal in den Computer im Empfangsbereich geschoben wird. Ich habe keine Ahnung, womit meine Datei bestückt ist. Folgendes enthält sie jedoch offenbar nicht: Was ich für eine Versicherung habe, dass ich regelmäßig komme und nur ein Rezept abholen will, wie meine Krankheit heißt und wie meine Medikamente heißen. Das werde ich nämlich JEDES MAL auf die umstaendlichste aller möglichen Arten gefragt. Manchmal unter Zuhilfenahme eines "englischsprechenden" Verwaltungsmenschen, der extra geholt wird. Heute hat es mir dann gereicht, und ich habe gefragt, ob man die Antwort auf diese Fragen nicht für die kommenden Male im Computer speichern könnte. Kurze Zeit später bekam ich einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem meine ganzen Daten in Japanisch stehen. Den sollte ich bitte beim naechsten mal vorzeigen, wenn die Fragen kommen. Es lebe die Technik!!!

28. November 05

Frau Schmidt hilft.

von Gunda

Ungefähr die Hälfte der Leute, die ich kenne, hat sich schonmal den Weisheitszahn rausnehmen lassen und damit keinerlei Probleme gehabt. Aber da ich ja Komplikationen sammle, mußte es auch in diesem Fall dazu kommen.
Hier der Verlauf in Kurzform:

Montag:
Weisheitszahn rausnehmen lassen. Wegen Platzmangel hat er ein Viertel einer sauteuren Krone einfach weggebohrt. (Hätte man da nicht lieber den Zahn anbohren können, der eh raus soll?) Ich bekam Schmerzmittel für diesen Tag und dann noch was nicht genauer Erklärtes für die nächsten drei Tage. - Vermutlich für Wundheilung und gegen Entzündung. ("Wenn morgen noch was weh tut, holen Sie sich Schmerzmittel in der Drogerie.")
Kühlen zu Hause. War mehr ein Instinkt, keine Empfehlung des Arztes.

Dienstag:
Nochmal zum Nachgucken. Tat immernoch ziemlich weh, mußte aber wohl so sein. - Drei Tage zu erwarten.

Mittwoch:
Feiertag. Noch immer keine Besserung. Mit Eisbeutel und Schmerzmitteln im Gepäck ins Aquarium nach Oarai. Alle zwei Stunden Pillen schlucken, weil die aus der Drogerie zu schwach für den Terror im Kiefer sind. Abends dann das Unausweichliche: Der Magen macht nicht mehr mit. Immerhin habe ich gerade noch Bahn und Bürgersteig geschont und erst zu Hause alles von mir gegeben.

Donnerstag:
Wieder zum Zahnarzt. So geht das ja nicht weiter. Drei Tage sind ja auch um. Drei Nächte nicht geschlafen, zwei Tage gekotzt. Vielleicht ist da was faul? Der Zahnarzt lächelt milde, sagt, die Übelkeit käme von den Tabletten, ich solle da etwas aufpassen. Lokalanästhetikum draufgeschmiert und fertig.

Freitag:
Neenee, jetzt hab ich vier Nächte nicht geschlafen und die Kotzeritis hat trotz Tablettenstop nicht aufgehört. Also wieder (vorsichtshalber mit Plastiktüte im Bus) zum Arzt. Jetzt kam es ihm auch komisch vor. Er hat den Zahn geröngt und festgestellt, daß ich beim Ziehen zu wenig geblutet habe. Normalerweise füllt das Blut wohl die Stelle des Zahns aus und baut sich langsam ab. In meinem Fall liegt der Knochen trocken, was wohl wehtut. (Ich hatte mich schon gewundert, woher er das Wort "knochentrocken" kennt...) Kann man nix machen; das geht irgendwann weg. Na klasse!
Und die Übelkeit? Wohl auch...
Lokalanästhetikum drauf, fertig.

Als Thomas abends nach Hause kommt, vegetiere ich wie schon seit Tagen im Bett rum und renne ständig zum Klo. Nichtmal ein Schluck Wasser bleibt mehr drin. Diesmal ist es anders, da krieg ich kaum noch was mit und hab noch dazu heftige Migräne. Thomas ergreift also die Gelegenheit, daß ich mich kaum noch wehren kann, um unter unseren deutschen Bekannten mit fließendem Japanisch rumzutelefonieren, wer uns im Krankenhaus helfen könnte oder uns zumindest eins nennen kann, das nachts auf hat. Leider sitzt nunmal nicht jeder am Freitagabend neben dem Telefon falls ein Notfall reinkommt. Zum Schluß bekommen wir von Edith die Telefonnummer einer uns unbekannten Frau Schmidt, die im Nachbarort wohnt. Die holt uns kurz darauf samt aufgewecktem Kind (Takao Thomas) von zu Hause ab und fährt uns ins Krankenhaus.

Interessante Frage gleich zu Anfang: "War das ein Zahnarzt, der Ihnen den Zahn rausgenommen hat?"  (Wäre ich besser drauf gewesen; ich hätte geantwortet: "Nein, wissen Sie, in Deutschland holt man sich eine Zange im Baumarkt und ruft den kräftigsten seiner Bekannten an...") Dann kam der Magenspezialist, der erstmal mit Ultraschall eine Magenschädigung ausschließen wollte. Anschließend bekam ich zwei Stunden lang eine Infusion, die vorallem dazu da war, meinen Flüssigkeits- und Nährstoffverlust der letzten Tage auszugleichen. Ne Spritze gegen Migräne und Tabletten gegen Übelkeit und für den Magen. (Da hab ich auch noch welche für drei Tage mitbekommen.) Ob ich das Wochenende über dableiben will? Ist das ein Witz? - Natürlich nicht!
Um 2h waren wir per Taxi wieder zu Hause. Ich bin ins Bett gegangen, und Thomas hat sich noch was zu essen gemacht. Wie ich am nächsten Morgen festgestellt habe, war er so durcheinander, daß er den Herd angelassen hatte...

Samstag:
Immernoch Zahn- und Kopfschmerzen. (Wenigstens hab ich wieder Hunger, und alles bleibt drin...) Kühle alles ganz tapfer. Thomas macht Weihnachtseinkäufe, ich vegetiere noch ein bischen...

Sonntag:
Schon alles viel besser, also komm ich mal mit Thomas kurz in die Stadt. - Schwerer Fehler! Am Abend ist alles wieder Mist.

Montag (also heute):
Laaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaaaaaam ist Besserung in Sicht. (Ich kann sogar wieder kurz vorm Computer sitzen oder zwei Seiten am Stück in nem Buch lesen.) Noch etwas Kopfschmerzen und ziemliche Zahn-Phantomschmerzen. Aber es geht aufwärts.

Morgen werden die Fäden gezogen und ich muß unterrichten. - Halleluja!

Eins muß ich an dieser Stelle noch anmerken: Thomas ist der tollste und beste Krankenpfleger, der mir je über den Weg gelaufen ist! Ein ganz ganz großes DANKESCHÖN an ihn!!! (Auch, wenn ihn die Sorge fast mit krank gemacht hat...)

21. November 05

Matschbacke

von Gunda

Im Moment sitze ich mit Eisbeutel, Matschbacke und einem Weisheitszahn weniger vor dem Rechner.Cimg0389_small

Fazit:

- Beim Zahnarzt zieht man hinter der Tür die Schuhe aus und schlüpft in vorgewärmte Latschen aus der Heizvitrine. (Vielleicht werden die da auch UV-desinfiziert...)
- Im Behandlungsraum steht die Kasse für die Bahandlungskosten. (Wie im Supermarkt...)
- Wenn man mit nur einer Sache kommt, geht man mit zwei anderen noch nötigen Dingen wieder nach Hause.
- Zahnziehen hat was Martialisches. (Ich durfte das Teil mitnehmen!)
- Das Lätzchen ist aus Stoff, der Mundausspülbecher aus Metall.
- Manchmal kommt es teurer als man denkt. (Aber längst nicht so teuer wie in Deutschland.)
- Alles herrlich unbürokratisch.
Cimg0390_small- Eisbeutel aus dem 100-Yen-Shop sind toll, aber man kann sie nicht wiederverwenden.
- Japaner scheinen ihren Schmerz nicht so zu zeigen. Jedenfalls waren alle erschreckt über meine Reaktionen.
- Toll: Ich muß nicht leiden, weil hier lieber einmal zu viel als einmal zu wenig Schmerzmittel genommen wird.

"Mein" Zahnarzt ist einer meiner Deutsch-Schüler. Ich habe ihm gedroht, daß ich ihm falsches Deutsch beibringe, wenn was schiefgeht.  ;-)  Aber das hier scheint einfach der ganz normale Wahnsinn zu sein...

01. August 05

Krankenhaus

von Thomas

Heute war mein erster Arbeitstag nach dem einwöchigen Urlaub und was habe ich gemacht, ich war im Krankenhaus. Nicht wegen eines akuten Notfalls, sondern mal wieder zum 'health checkup'. Diesmal aber nicht von meiner Arbeit aus, sondern einem Angebot meiner japanischen Krankenkasse folgend, die einmal jährlich eine kostenlose Generaluntersuchung anbietet. Sowas finde ich recht gut und da man direkt von der Krankenkasse angesprochen wird, nimmt man es vielleicht auch eher an (in Deutschland gibt es bestimmt auch sowas, aber ich kann mich nicht dran erinnern, jemals von meiner Kasse darauf hingewiesen worden zu sein). Irgendwie finde ich schon, dass man in Gesundheitsdingen hier in Japan mehr getriezt wird, was zu machen, sei es der Arbeitgeber, der einem zum Arzt schickt, sei es, wie in diesem Fall die Krankenkasse. Dafür zahle ich einen im Vergleich zu Deutschland lächerlich geringen Versicherungsbeitrag, muss aber 30% der Behandlungskosten selbst tragen, was sich bisher aber in jedem Fall für rechnet, denn die Behandlungskosten sind ebenfalls sehr niedrig. Dafür ist das System hier nicht so individuell. Einen Hausarzt in unserem Sinne kennt man hier nicht, man geht halt ins Krankenhaus und bekommt dann in der Regel nach Zufallsprinzip einen der zuständigen Ärzte zugewiesen. Allerdings kann man auch Wünsche äussern, so ist Gunda wegen ihrer Migränemittel immer zu einer ganz bestimmten Ärztin gegangen. Wieviel Einfluß man auf die Arztwahl im Allgemeinen hat, wissen wir allerdings nicht, für den Durchschnittsjapaner stellt sich diese Frage aber auch nicht, weder ist an so etwas gewöhnt und erwartet es daher, noch ist der japanische Patient von der Mentalität her jemand, der viel von seinem Arzt einfordert, sondern man macht halt, was der Doktor sagt, denn der wird es schon wissen.

Daneben hatte der Besuch im Krankenhaus für uns auch noch eine etwas sentimentale Note. Gunda hat mich heute begleitet, um mir die Wartezeiten etwas zu verkürzen und ist mit mir tapfer durch die Sommerhitze geradelt und als wir etwas müde und abgekämpft am Krankenhaus ankamen, mussten wir beide dran denken, wie es war, als wir auf den Tag genau vor 10 Monaten schonmal hier waren. Wir waren gerade in Japan gelandet und in Tsukuba beim AIST angekommen, als Gunda beim ersten Beine vertreten gleich böse mit dem Fuß umgeknickt ist und erstmal in eben dieses Krankenhaus, in dem wir heute wieder waren, gebracht werden musste. Der gute Matsuura-san hatte uns hingefahren und beim Warten hatten wir damals Linda kennengelernt, mit der und ihrem Mann Peter wir uns inzwischen ganz gut angefreundet haben...

25. April 05

Erdbeben und Medikamente

von Gunda

Nachdem es heute morgen hier das kleinste Erdbeben gegeben hat, was ich überhaupt mitbekommen habe, kam danach gleich der Briefträger mit meinen Medikamenten. (Juchhu!) Die erste Sendung war vom Zoll zur Firma zurückgeschickt worden, was wir uns schon gedacht hatten, nachdem ich ewig darauf gewartet habe. Die zweite Bestellung hatten wir uns als "Geschenk" verzollen lassen. Netterweise haben die gleich die erste Bestellung noch mit ins Päckchen getan, sodaß für uns kein Verlust entstanden ist. Fazit: Als "Geschenk" darf man fast alles nach Japan einführen.

13. April 05

Krankes Japan

von Gunda

Das nur vorweg bemerkt: Die meisten Japaner sind unglaublich stolz auf ihre hochentwickelte Medizin mit allem, was dazugehört. Trotzdem boomt hier die "Self-medication", und fast jede Drogerie hat eine Apotheken-Abteilung mit frei verkäuflichen Medikamenten. Außerdem kann man im Convinience-Store alle möglichen Fläschchen mit dopingähnlichen Wässerchen kaufen, die stark aufputschen und dem Körper suggerieren, er sei gesund.
Trotzdem gehört Japan zu den Ländern mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung...

Wie schon in der Vergangenheit beschrieben, brauchte ich hier einen Arzt, der mir meine Medikamente gegen Migräne weiter verschreibt, weil meine deutsche Krankenkasse im Moment nur Rechnungen aus Japan akzeptiert. Kein Problem, meinte mein Arzt in Deutschland, meine Medikamente gäbe es da auch. Also hatte ich beim Umzug nach Japan eine Sorge weniger.

Nach und nach sind mir dann natürlich die Medikamente ausgegangen, obwohl ich schon einen ganzen Haufen (Zoll sei Dank) mit hierher gebracht hatte. Zuerst die Medikamente für einen konkreten Migräneanfall.
Als das Zeug zur Neige ging, hat Thomas für mich in der Ausländer-Mailingliste nach einem geeigneten Krankenhaus geforscht. Denn hier gibt es keine speziellen Arztpraxen, keinen ausgesuchten persönlichen Arzt, sondern nur (meist private) Krankenhäuser, die einfach vormittags Sprechstunde haben.

Der Mailingliste hatte Thomas den Namen und den Wirkungsort einer Englisch sprechenden Neurologin abgerungen. Also bin ich in das "Tsukuba Memorial Hospital" ("Tsukuba Kinen Byoin") gefahren. Der Bus, in den ich umsteigen mußte, fuhr nur einmal in der Stunde, und so hatte ich die Ärztin knapp verpaßt. Einen Tag später bin ich in aller Frühe aufgebrochen, um es noch einmal zu versuchen.

Wer sich jetzt vorstellt, daß man sich da irgendwo anmeldet, dann ein bischen wartet, drankommt und wieder rausgeht, ist von Deutschland ziemlich verwöhnt. (Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich mal schreiben würde, daß man in Deutschland verwaltungstechnisch verwöhnt werden würde!)
Nein, das ist doch etwas komplizierter:
Erst das Aufnahmeverfahren. Natürlich konnte keiner Englisch. Nach einer Weile war ein Angestellter gefunden, der von sich behauptete, Englisch zu können. Der radebrechte mir dann eins über die Aufnahme und organisierte einen Aufnahmebogen in Englisch, den ich ausfüllen mußte. Dann nahm er den Bogen, brachte ihn, mit mir im Schlepptau, zu der entsprechenden Abteilung und erzählte der dortigen Organisationsfrau, ich könne kein Japanisch. Japaner gelten ja allgemeinhin als zurückhaltend, was Gefühlsausbrüche angeht; aber davon hatte die Dame wohl noch nichts gehört, denn sie verdrehte die Augen nach oben und stöhnte hörbar. - Vielen Dank! Da fühlt man sich doch gleich willkommen...
Dann mußte ich eine Stunde auf dem mir zugewiesenen Platz warten, bis mein Name ("Gunda-sama!") aufgerufen wurde. Ich kam aber nicht etwa zur Ärztin, sondern durfte nur in den Bereich vor dem Sprechzimmer der Ärztin aufrücken. Da habe ich dann nochmal eine halbe Stunde gewartet und kam endlich dran.

Cimg531Die Ärztin bekam von mir artig meine Krankengeschichte erzählt. Dann legte ich ihr das englische Schreiben meines Arztes in Deutschland vor und sagte ihr, daß ich gerne die Anfalls-Medikamente verschrieben bekommen würde. Wenn sie Fragen zu der Medikation hätte, könnte sie ja gerne meinem Arzt eine Mail nach Deutschland schicken.
Da ich wußte, daß mein Verhalten für eine japanische Ärztin sehr Patienten-untypisch erscheinen mußte, war ich in Folge auf so ziemlich alles gefaßt. Der japanische Durchschnittspatient geht nämlich zum Arzt, sagt "Sensei, mir geht's nicht gut; machen Sie mich gesund." und den Rest muß der Arzt besorgen. Da werden keine fertigen Diagnosen auf den Tisch gelegt, keine Medikamente gewünscht und schon gar nicht das angezweifelt, was der Arzt sagt oder verschreibt. Zu Medikamenten gibt es keine Beipackzettel (außer mit Anweisungen), und immerhin wollen inzwischen schon 40% der japanischen Patienten es wirklich wissen, wenn sie z.B. Krebs haben...
Die Ärztin guckte lange auf das Schreiben meines Arztes, holte einmal tief Luft und meinte dann, diese Medikamente würde sie nicht kennen und müßte erst die Medikamenten-Abteilung anrufen. Sie verzichtete also darauf, mich in irgendeiner Weise zu untersuchen und rief in besagter Abteilung an, woraufhin sie mir sagte, daß es diese Medikamente in Japan nicht gebe. Ich war schon ganz verzweifelt; aber sie hatte mir in der Zwischenzeit eine Alternative auf ein Rezept geschrieben. - Ein Medikament, das ich kannte und das ich aus guten Gründen abgesetzt hatte. (Ich bekomme davon manchmal noch mehr Kopfschmerzen.) Entnervt verzog ich mich mit dem Rezept.

Dann holte ich meine Unterlagen von der Verwaltung ab, brachte sie zur Kasse, wo ich nochmal eine Stunde warten mußte, bis ich das Geld für die Behandlung bar auf den Thresen legen konnte. Aber damit war es nicht genug, denn meine Krankenkasse kann kein Japanisch; also brauchte ich eine Rechnung auf Englisch.
Das verstand natürlich wieder keiner. Also wurde der Angestellte geholt, der mir schon bei der Anmeldung geholfen hatte. Nach fünf Minuten hin und her hatte er endlich verstanden und verschwand. ("Other will do.") Dann wartete ich nochmal ungefähr eine Stunde, bis ein Anzugträger mir stolz seine selbstgefertigte Übersetzung präsentierte. Das haute mich fast vom Stuhl: Der Mann hatte EINE Stunde für die Übersetzung von DREI Wörtern gebraucht! Und war darauf auch noch ganz offensichtlich stolz!

Völlig genervt verließ ich das Krankenhaus und machte mir schon Pläne, was ich beim nächsten Mal tun würde, um das Ganze angenehmer zu gestalten.

Da waren die Leute in der Apotheke doch irgendwie angenehmer und pfiffiger. Ein älteres Ehepaar bei uns am Bahnhof, das mich wohl genauso nett fand, wie ich sie süß. Die konnten zwar auch kaum Englisch, hatten aber immerhin das hier doch seltene Talent zur Improvisation und Abstraktion. Am nächste Tag konnte ich meine Medikamente abholen, und sie hatten sogar einen Zettel auf Englisch vorbereitet, wo alles draufstand, was sie mir sagen wollten. - Ich war gerührt.
Als ich neulich mal etwas abgeholt habe und Thomas vor der Tür mit den Fahrrädern gewartet hat, ist die Frau mir unter einem Vorwand sogar extra noch hinterhergekommen, um Thomas anzugucken...

Tja, von dem Medikament bekam ich tatsächlich mehr Kopfschmerzen und stand deshalb bald wieder beim Krankenhaus auf der Matte. Vorher hatte ich mich mit meinem Arzt in Deutschland per Mail über mögliche alternative Medikamente ausgetauscht und kam also wieder mit einem Vorschlag an, was bei der Ärztin ein Stirnrunzeln erzeugte. Sie rief wieder in der Medikamenten-Abteilung an und teilte mir dann mit, dieses Medikament sei in Japan ganz neu. (In Deutschland gibt es das schon länger, und überhaupt gibt es dort nicht nur drei, sondern wesentlich mehr Medikamente dieser Sorte.) Sie zögerte noch ein bischen, weil sie es nicht kannte, verschrieb es mir dann aber doch und tauschte sogar das andere Medikament auf meinen Wunsch gegen ein anderes aus. - Mann, war ich mutig!

Die Verwaltungsprozedur hatte sich auch erheblich vereinfacht, weil ich seit dem letzten Mal eine Plastikkarte mit Magnetstreifen hatte, die man einfach nur in einen Automaten schieben......
und dann hilflos gucken mußte, weil alles auf Japanisch war. Toll einfach! Das änderte allerdings nichts an dem Aufenthaltsminimum von zwei Stunden. Nur, daß ich eine Rechnung auf Englisch brauchte, das mußte ich wieder ganz von vorne erkämpfen. - Offensichtlich konnte sich daran niemand mehr erinnern. Also habe ich bei einem meiner folgenden Aufenthalte gefragt, ob man das nicht irgendwo im Computer speichern könnte. Das hatte einen riesigen Aufruhr und weitere zwei Stunden Wartezeit zur Folge. (Was machen eigentlich Leute, die arbeiten UND chronisch krank sind? Nehmen die sich dann nen Urlaubstag? - Super Urlaub!)

Ab da lief soweit alles ganz glatt. Wären...
ja, wären mir nicht meine täglich einzunehmenden prophylaktischen Medikamente nicht auch langsam zur Neige gegangen. Naiv, wie ich war, dachte ich, ich könnte das noch schnell vor dem Urlaub erledigen. Also bin ich wieder mal ins Krankenhaus gefahren, wo ich nach der üblichen einstündigen Wartezeit von der Ärztin erfahren durfte, daß es in Japan kein Magnesium zum Einnehmen gibt und Vitamin B2 in meiner hohen Dosierung in Japan verboten sei. (Gut, in Deutschland mußte das auch extra für mich in Kapseln verpackt werden; aber es war immerhin nicht verboten.) Wieder mal rutschte mir kurzzeitig das Herz in die Hose. Würde ich diese Medikamente nicht bekommen, würden sich meine Migräneanfälle wohl verdoppeln.
Ich wandelte meine Verzweiflung schnell in Konstruktivität um und versuchte, zusammen mit der Ärztin eine Lösung zu finden. Das war für die arme Frau wohl zuviel der Kooperation, denn plötzlich wurde sie ganz weiß im Gesicht und schrie mich an, ich solle mir doch einen anderen Arzt suchen, wenn mir das nicht passen würde!
Für diesen professionellen Rat drückte ich an der Kasse ca. 20 Euro ab und verschwand in den Urlaub.

Auf dem Weg nach Hause überlegte ich mir, was ich tun könnte. Zu mehreren Ärzten und mir jeweils so viel verschreiben lassen, wie möglich? Aber dann müßte ich auch zu verschiedenen Apotheken. Und immer zwei Stunden warten und alle Behandlungs- und Fahrtkosten erstmal selber bezahlen... Nee. Zu aufwendig. Und Magnesium aus Deutschland schicken lassen? Bischen teuer...

Daß ich die Medikamente nicht hatte, rächte sich im Urlaub schon ganz gewaltig...

Als wir zurück waren, schrieb ich dem Arzt in Deutschland wieder eine Chaos-Mail. (Ich entschuldige mich hiermit ganz offiziell!) Die Lösung war überraschend einfach. - Daß ich da nicht selber drauf gekommen bin...
Bestellung per Internet! Bei meiner Recherche war ich doch sehr erstaunt, was für Sachen in den USA so frei verkäuflich sind. (Bei Pizza Hut USA konnte man sogar Pizza mit "added Nutrition" per Internet bestellen. "Eine Pizza Hawaii mit extra Vitamin C, Q10 und Vitamin B12, bitte!")
Jedenfalls habe ich dort das gefunden, was ich brauchte. (Liebe Gertrud, lieber Timo, bitte weglesen!) Das war alles unglaublich viel billiger als in einer deutschen Apotheke. Schnell war geklärt, daß mein deutscher Arzt das Präparat befürwortet und sie die Sachen auch nach Japan schicken. (Natürlich müssen wir das aus eigener Tasche bezahlen.) Also haben wir erstmal eine Packung bestellt, auf die ich nun schon zwei Wochen warte und mir langsam Sorgen mache, ob sie nicht vielleicht doch beim Zoll hängengeblieben sind.

Blieb nur noch das Problem mit dem neuen Arzt ungelöst.
Also bin ich heute ins "Tsukuba Medical Center" gefahren, das mir von Linda empfohlen wurde. (Mein drittes Krankenhaus seit wir hier angekommen sind.) Das war dann ja doch schon was anderes. Erstmal habe ich gleich zu Beginn die für das Serviceland Japan angemessene Anzahl von Leuten (3-4) beschäftigt, die sich um meine Aufnahme und den richtigen Arzt gekümmert haben. Unheimlich nette Leute, die fast Englisch konnten und unglaublich rührend bemüht waren. Zufrieden machte ich es mir im Wartebereich bequem, als der Verwaltungsmensch von der Aufnahme nochmal ankam um mir zu sagen, ich müßte wahrscheinlich ca. 40 Minuten warten. Von dem Umsorgen schon ganz eingelullt, sagte ich, das mache gar nichts und versank wieder in meinen Gedanken. Naja, unter einer Stunde...
Ich kam dann sogar schon nach 20 Minuten dran. Cimg532
Der junge Arzt konnte ziemlich gut Englisch und wußte sogar was über Migräne. Sollte ich diesmal endlich Glück gehabt haben?
Doch dann wurde ich plötzlich hellwach: Hm, ja, also, dieses Medikament, das würde er nicht kennen, da müßte er mal in der Medikamenten-Abteilung... - Seufz!!! Zum Glück hatte ich mein Apotheken-Tütchen dabei, mit dem ich beweisen konnte, daß das Medikament in Japan existierte. Jaja, sagte der Arzt höflich, er müsse aber erstmal klären, ob dieses Krankenhaus dieses Medikament überhaupt verschreiben dürfe. Waaaaaaaaaaaas??? Habe ich das richtig verstanden? Es gibt Medikamente, die ein Krankenhaus verschreiben darf und ein anderes nicht??? ("Authorisiertes Aspirin-Krankenhaus"...) - Das behielt ich natürlich erstmal für mich und versuchte es zur Abwechslung mal mit der japanischen Variante: Pokerface.
Verständnisvoll nickte ich und wurde dann vom Arzt vor die Tür geschickt. - Das könnte ungefähr 2-3 Stunden dauern. (Ich bin ja wirklich selten froh, daß ich hier noch keinen Job habe. Aber angesichts dieser Wartezeiten...) Zum Glück dauerte es nur eine halbe Stunde, bis mir der Arzt sichtlich erleichtert verkünden konnte, das Rezept läge schon bereit. Uff! Nochmal gutgegangen.
An der Kasse erwartete mich dann der nächste Schreck: Dieses Krankenhaus war fast viermal teurer als das andere! (Naja, ich hab ja auch anfangs viermal so viel Leute beschäftigt...) Und außerdem meinte der Mann an der Kasse, ich dürfte das Rezept nur in der krankenhauszugehörigen Apotheke nebenan einlösen. Ich erklärte ihm, daß ich das nicht könnte, weil ich nicht genug Geld dabeihätte und daß ich das Rezept gerne bei mir um die Ecke einlösen würde, weil das vielleicht bestellt werden müßte. Daraufhin rief der Herr bei meiner Apotheke an, ob sie das Medikament denn hätten oder bestellen könnten. (Schön, wie hier den Patienten geglaubt wird...) Ich bekam mein O.k. und zog mit dem Rezept (und einer problemlosen Rechnung auf Englisch) ab.

Was wohl nächstes Mal passieren wird? Und ob meine Internetbestellung irgendwann mal hier ankommt?

p.s.: Ich bedanke mich hiermit ganz offiziell bei Herrn Professor Göbel für seine engagierte Katastrophenhilfe per Mail!!! - Ohne Sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Wer mehr zu Migräne, dem Professor oder der dazugehörigen Klinik wissen will, findet hier alles, was das Patienten- und Angehörigenherz begehrt:

www.schmerzklinik.de

www.migraene-schule.de

21. Februar 05

"No problem!"

von Thomas

Nachdem ich letzte Woche bei der medizinischen Untersuchung hier am AIST war, musst ich heute wieder hin, um mir das Ergebnis abzuholen. Erstmal hieß es dann warten... Auch  das AIST Krankenhaus sieht, wenn es auch recht klein ist, aus, wie jedes andere japanische Krankenhaus, d.h. im Wartezimmer steht ein großer Fernseher und die Patienten sitzen davor und warten, dass sie aufgerufen werden. Sinnigerweise lief im Fernsehen gerade eine japanische Aerzteserie, mit viel Blut und weinenden Menschen...

Eine halbe Stunde musste ich etwa warten, dann erschallte auch schon der Ruf "Thomas-san" (Ja, auch hier bevorzugt man mal wieder meinen Vornamen ;) ). Da Kollege Lee mich gewarnt hatte, dass der Arzt nur Japanisch spricht, ging ich mit etwas gemischten Gefühlen los. Der Arzt, ein kleiner, rundlicher  Japaner , schon etwas älter,Cimg3807 saß auf einem Stuhl und zeigte gleich auf das Röntgenbild meiner Lunge neben sich und meinte "No problem!". Puh, dass fing ja gut an. Dann deute er an, ich sollte mich oben rum freimachen und da ich etwas langsam war, zog er dann schon selber etwas an meinem T-Shirt. Aber ok, endlich war alles frei und er fing an, mich abzuhören. Nach ein paar mal tief Ein- und Ausatmen war er dann zufrieden und meinte wieder "No problem!". Dann zeigte er noch auf eine Art Untersuchungsbericht und meinte wieder "No problem!". Das war's dann auch schon, ich konnte gehen, sollte aber noch kurz warten, was aber nicht lange dauerte, dann bekam ich meine Krankenakte und das Röntgenbild in die Hand gedrückt und sollte vorne zur Rezeption gehen. Ich also dorthin. Die Dame gab mir dann das Röntgenbild und den Untersuchungsbericht und dann hatte ich es geschafft.

Zusammenfassend kann man zum kleinen Abenteuer "Thomas beim Betriebsarzt" sagen:

"No problem!" *lach*

17. Februar 05

health checkup

von Thomas

Jeder Mitarbeiter des AIST muss einmal jährlich einen 'health checkup', also eine allgemeine ärztliche Untersuchung, über sich ergehen lassen, so also auch ich. Heute Morgen war es soweit, ich musste mit meinem Kollegen Lee in das kleine AIST-Krankenhaus hier auf dem Gelände. Volles Programm: Sehtest, Hörtest, einmal Oberkoerper röntgen, Ausmessen und Wiegen, Blutdruck und Puls und eine Abnahme sämtlicher Körperflüssigkeiten.

Nun ja, hört sich viel an, aber die ganze Sache machte dann doch einen oberflächlichen Eindruck. Das schönste war der Sehtest. Roland, mein Kollege aus Frankreich hatte ja schon gespottet, dass das nach dem Motto abläuft: "Sie können die Wand dort sehen? Gut, ihre Augen sind in Ordnung". Ganz so schlimm war es nicht, aber doch recht albern. Zunächst ohne Brille und mit jeweils einem verdeckten Auge musste ich auf eine Tafel mit Kreisen schauen, die jeweils eine kleine Lücke hatten. Die Aufgabe bestand dann darin, anzugeben, wo die Lücke von dem Kreis war, auf den die Ärztin oder Arzthelferin zeigte. Hmmm, ohne Brille habe ich weder die Kreise, noch irgendwelche Lücken gesehen... Ich durfte dann solange vortreten, bis ich beim größten Kreis eine Lücke erkennen konnte, was dann eifrig notiert wurde. Dann das ganze nochmal mit Brille. Da habe ich dann natürlich alles gesehen, die Brille ist ja auch ganz neu, welch Wunder also...

So dolle war das nicht, aber Montag muss ich nochmal hin, dann erfahre ich, wie gesund oder krank ich bin, vorausgesetzt, dass ich den Arzt überhaupt verstehe :)

Aber eine Erkenntnis gab's auf jeden Fall schon: Ich bin größer als ich dachte! Und zwar exakt 188,9 cm! Schau' einer an...

29. Dezember 04

medizinische Versorgung

von Gunda

Also konnte ich in der verbleibenden Zeit noch meine „Vorsätze für’s alte Jahr“ einlösen und mich endlich mal darum kümmern, auch hier in Japan meine Migräne versorgt zu wissen.

Durch die Ausländer-Mailingliste hatte ich den Namen einer Neurologin erfahren, die Englisch sprechen sollte. Aber bis dahin war es ein weiter Weg, denn in dem dazugehörigen Krankenhaus sprach bis auf die Ärztin wohl sonst niemand Englisch. Zum Glück haben die Leute von der Aufnahme dann irgendwo ein englisches Aufnahme-Formular rausgekramt und sich ansonsten mit Hilfe von diversen Zetteln und meinem Wörterbuch verständigt. Dann hat mich die Frau von der Aufnahme in den Wartebereich verfrachtet und meine Unterlagen einer anderen Frau übergeben, der sie gesagt hat, daß ich kein Japanisch spreche, worauf diese dann genervt die Augen verdreht hat. (Da fühlt man sich doch gleich gut aufgehoben…) Während ich da so gewartet habe, bekam ein kleines Mädchen mir gegenüber plötzlich heftiges Nasenbluten. Die Mutter hat ihm dann, um schlimmere Beschmutzung zu verhindern, schnell die Nase zugehalten, weshalb sie natürlich nicht mehr weg konnte, um Taschentücher zu organisieren. Also habe ich ihr schnell eine Packung rübergegeben und sie hat sich ungefähr zweitausendmal bedankt.

Dann kam ich endlich zu der Ärztin, die etwas erstaunt darüber war, daß ich direkt nach ihr gefragt hatte, sie mich aber nicht kannte. Ich habe versucht, ihr zu erzählen, worüber sie mir empfohlen wurde; aber ihr Englisch funktionierte nur in medizinischen Dingen gut. Also beließ ich es bei „a friend told me“. Tja, und dann hat ihr ganz offensichtlich die englische Bestätigung meines Arztes in Deutschland schon ausgereicht, um mir das zu verschreiben, was ich haben wollte. – Das fand ich ja dann auch wieder merkwürdig, daß sie mich so gar nicht untersucht hat… Aber naja, ich hatte ja hier auch keine Heilerin, sondern nur jemanden gesucht, der mir meine Medikamente verschreibt.

Als ich dann darauf gewartet habe, meine Behandlung bezahlen zu können (das passiert hier an der Krankenhauskasse in bar), hat dann noch die Mutter von dem Nasenbluten-Mädchen selbiges dazu gezwungen, sich nochmal persönlich bei mir für die Taschentücher zu bedanken. – Für uns beide eine gleichermaßen peinliche Situation.

Anschließend hatte ich Mühe, der Kassiererin zu erklären, daß ich eine englische Rechnung für meine Versicherung brauche. (Und das, obwohl genau dieser Satz in meinem Sprachführer stand, den ich ihr unter die Nase gehalten habe.) Dann mußte ich nochmal warten und konnte in aller Seelenruhe die Aufruhr hinter dem Schalter betrachten, die mein Wunsch ausgelöst hatte. Ein junger Mann brachte meine Rechnung weg und nach einer Stunde (Es waren DREI Wörter auf der Rechnung!) kam ein sichtlich stolzer Anzugträger mit meiner englischen Rechnung wieder und drückte ihr penibel einen Stempel auf.

Als ich nach draußen kam, war das Wetter fast wie im Frühling. Und weil ich noch eine halbe Stunde Zeit hatte bis mein Bus kam, habe ich mir etwas zum Trinken geholt und in der Sonne sitzend die vielen alten Leute beobachtet, die auf den Gartenmöbeln vor dem Krankenhaus in Grüppchen gepicknickt haben.

Zu Hause bin ich dann zur kleinen Apotheke am Bahnhof gegangen, die von einem alten Ehepaar betrieben wird. Es hat ungefähr eine halbe Stunde und einige Telefonate gebraucht, bis sie mir erklärt hatten, daß sie die Medikamente erst zum nächsten Tag bestellen könnten. Trotzdem ich ihnen gesagt habe, daß das nicht schlimm sei (Ich hatte es sogar erwartet; war in Berlin ja auch nicht anders.), haben sie sich natürlich x-mal entschuldigt. – Als ich am nächsten Tag die Sachen abgeholt habe, hatte der Mann einen „Fragebogen“ auf Englisch vorbereitet, den ich auch brav beantwortet habe.

17. November 04

nächtliche Katastrophe

von Gunda

Wir wollten uns gleich nach dem Einzug erkundigen, wo hier das nächste Krankenhaus ist, das nachts offen hat. Die meisten sind nämlich privat und ab abends zu. Egal, ob man einen Notfall hat, oder nicht. Und nen Notarzt, den man rufen kann, gibts offenbar auch nicht.

Ich hatte also einen richtig starken Migräneanfall, der einfach nicht weggegangen ist und war ganz schön verzweifelt. Vorallem, weil ich am folgenden Tag eigentlich einen Termin zum Vorstellungsgespräch hatte. Als wir schon in Jacke und Schuhen rumstanden, um uns vors nächste Taxi zu werfen, fielen mir noch die krassen Schmerztabletten ein, die ich nach der Venen-OP bekommen hatte. Die wollte ich dann doch lieber erst ausprobieren, statt mich dem ganzen Streß auszusetzen, was das Ganze ja noch schlimmer gemacht hätte. Tja, das hat dann auch geholfen, und Thomas hat am nächsten Tag mal bei der Arbeit nach nem Krankenhaus gefragt. Fürs nächste Mal, das hoffentlich nicht so bald sein wird. Na, jedenfalls mußte ich das Vorstellungsgespräch verschieben. Der Typ hat am Telefon unheimlich rumgeeiert und was von "anderen Kandidaten" erzählt, um mir letztlich zu sagen, er würde seinen Zeitplan checken und mir dann ne Mail schreiben. Weil Leute schlechte Nachrichten ungerne am Telefon überbringen und er vorher immer angerufen hatte, sehe ich da wenig Chancen, daß ich noch was kriege.

Dann habe ich mich noch bei einer großen Sprachenschule, die Deutsch anbietet, beworben und warte noch auf eine Antwort.

Inzwischen sind wir, dank der Alien-Mailingliste, bzgl. Krankenhäusern auch etwas schlauer. Fast jedes Krankenhaus hat einen Emergency-Room, der auch nachts offen ist. Es scheint noch mehr Leute zu geben, die öfter mal nachts ins Krankenhaus müssen. Jedenfalls scheint eins hier in relativer Nähe zu uns recht gut für sowas zu sein.

14. Oktober 04

gesund werden, Wohnen planen

von Gunda

Kein Regen, bedeckter Himmel und schon seit Tagen immer gleiche Temperaturen.

Trotzdem ist der Unterschied zwischen Tag und Nacht von den Temperaturen her sehr groß. (Es wird so ab ca. 17 h dunkel.) Mit den Klimaanlagen, dem kalten Appartment hier und dem vielen Rein-und-raus neben der Regen-Verdunstungskälte ist der ideale Grundstein für eine Erkältung gelegt.

Am Morgen hatte ich meinen letzten Termin im Krankenhaus und wurde vom Arzt mit einem Grinsen und den Worten „Did you take your medicine?“ begrüßt. Ja, ich wollte keine Tabletten und hab die Krücken einfach weggelassen. Aber nachdem er mir das Zeug dann aufgenötigt hatte, war ich auch ganz brav. (Daran hatte der Arzt offensichtlich so seine Zweifel.) Hat ja auch geholfen. Auf jeden Fall kündigte er mir dann an, mein „treatment“ zu „finishen“, was mich natürlich sehr beglückt hat, meinen Fuß aber leider nicht schlagartig gesund machte. (Wenigstens erspare ich ihm jetzt den langen Weg ins Krankenhaus.) Der Arzt meinte, ich müßte noch 1-2 Wochen warten. (Wahrscheinlich wußte er einfach nicht, was ich noch vorhatte, die nächsten Tage anzustellen.)

Nach dieser „Blitz-Heilung“ bin ich dann erstmal frohen Mutes losgestiefelt, um zu einem Möbel-Second-Hand-Laden zu laufen. – Leider hatte ich den Weg ungefähr um das ca. 20-fache kürzer in Erinnerung (2 Stunden Fußmarsch)… Nachdem der Laden ohnehin nicht so toll war (nicht Lindas Empfehlung!), hatte ich erstmal genug Sport für den Tag.

02. Oktober 04

Wo sind wir eigentlich?

von Gunda

Sonne bei ca. 26°C.

Mit dem Taxi ins Krankenhaus. Jetzt geht’s schon ganz ohne Einheimischen; die Prozedur ist ja klar. Thomas fährt mich in einer gekonnten Rollstuhl-Rallaye zum Orthopädie-Schalter. Inzwischen kennen mich die Leute im Krankenhaus schon. – Ich bin die einzige Ausländerin. Zum Glück kann der Arzt etwas Englisch; aber auf Fragen von Patienten scheint er nicht so eingestellt zu sein. Keine neuen Erkenntnisse, nur ein neues Rezept und Krücken, von denen man unter den Armen blaue Flecke bekommt und mit denen ich mich fühle, wie ein amerikanischer Kriegsveteran. (Auch davon gibt es Fotos…)

In einem Anfall von Leichtsinn (und um die Haltbarkeit der Schiene zu testen) fahren wir in die Innenstadt von Tsukuba, um endlich zu sehen, wo wir hier eigentlich gelandet sind.

Eine kleinere Stadt im amerikanischen Reiß(s?)brett-Stil. – Ganz gut für den Anfang. Tokyo hätte uns vielleicht erstmal überfordert.

Im Gästehaus haben wir ein kleines Appartment mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad und begehbarem Kleiderschrank (s.Fotos). Ziemlich groß; aber wir wollen doch irgendwann eine eigene Wohnung. (Vorallem die Küche finde ich hier etwas eklig…)

Fazit des Tages: Die Schiene hält nix aus, und morgen muß es ohne Krücken gehen!

01. Oktober 04

Ankommen

von Gunda

Als noch halb Deutschland tief und fest schlief (es war so ca. 0.20 h dort), kamen wir um ca. 7.20 h Ortszeit in Narita (bei Tokyo) an und hatten den Tag vor uns. Einen sonnigen Tag übrigens, der uns bei ca. 26°C in unseren herbstlichen Klamotten ordentlich schwitzen ließ.

Wir fuhren mit dem Bus nach Tsukuba, Thomas’ zukünftiger Arbeitsstätte, und wurden sehr freundlich empfangen. Da wir noch recht viel Zeit bis zum Einchecken im Gästehaus des Instituts hatten, beschlossen wir, uns die Stadt anzusehen.

Weit sind wir leider nicht gekommen, denn noch auf dem Gelände bin ich am (abgesenkten!) Bordstein einer Einfahrt umgeknickt und habe mir am rechten Fuß ein Außenband gerissen. (Nach gerade mal ZWEI Stunden in Japan!) Der restliche Ausflug führte dann tatsächlich noch in die Stadt. Allerdings nicht per Bus und mit Kaufhausbummel, sondern mit dem Auto ins Krankenhaus… Zum Glück hatten wir den Instituts-Assistenten, Herrn Matsuura, dabei, ohne den ich wohl kaum das Anmeldeformular hätte ausfüllen können.

In der Notaufnahme geriet ich dann an einen … ähm, „Magenarzt“, wie er sich bezeichnete. Der Orthopäde war in einer OP und sollte erst am nächsten Tag wieder Zeit haben. Also bekam ich eine Schiene (, was auf Japanisch auch wirklich „Schiene“ heißt!) und Pflaster mit abschwellender, schmerzstillender Wirkung verschrieben. Beim Warten auf das Röntgen habe ich dann gleich eine andere Researcher-Frau kennengelernt, die Kanadierin ist und deren Mann auch bei Thomas auf dem Gelände arbeitet.

So ein Krankenhausbesuch wirft einen dann doch gleich in den Landesalltag, und im Nachhinein ist das kein so schlechter Start gewesen, wie ich natürlich zuerst empfunden habe. Die weitere Prozedur war dann: Krankenhaus-Kundenkarte machen lassen, Unterlagen an der Kasse abgeben, Kassierer davon überzeugen, daß man eine englische Rechnung braucht, bar bezahlen, Termin und Kundenkarte kriegen, zur Apotheke gehen (s.Fotos), Rezept abgeben, Wartenummer bekommen, aufgerufen werden, abgezählte Medizin erhalten, englische Rechnung haben wollen, bar bezahlen, wegfahren, im Gästehaus das Bein hochlegen und andere das Gepäck reinschleppen lassen.

Ganz schön viel für den ersten Tag… - Die Fotos dazu gibt’s in der Fotogalerie.

Entdeckung: Gingko-Früchte sehen aus, wie Mirabellen (und stinken nach ein paar Tagen Rumliegen wie Hundedreck).

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