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04. September 06

Fliegender Wechsel

von Gunda

Es gibt ungefähr zwei Sorten (zumindest akustisch) Zikaden in Japan. Die dicken schnarrenden, die ein tapsiges Flugverhalten an den Tag gelegt und einen öfter mal angeflogen haben (Uärks!), scheinen langsam auszusterben. Es liegen viele tote Exemplare rum. Übrig bleiben die kleinen klingenden schwarzen, deren Klang man schon eher mit dem "deutscher" Grillen vergleichen kann und die oft zusammen mit Windglöckchen verkauft werden, die ähnliche Toene machen. (Falls es mal windstill ist?)

01. September 06

Tsunami im Aquarium

von Gunda

Gestern gab es ein kleines Erdbeben, das ich interessanterweise im neunten Stock eines Hochhauses erleben durfte.
Gerade als ich die Familie meiner Schülerin verlassen wollte. Interessant war es deshalb, weil der neunte Stock einfach länger nachschwingt und es mehr schaukelt als bebt. Das Aquarium schwappte fast über, weil sich die Wellen beim gleichmäßigen Schaukeln addierten, der fünfjährige Bruder meiner Schülerin lag schreiend auf dem Sofa, weil er Aufmerksamkeit wollte, meine Schülerin lief zum Türrahmen und hielt das Klavier fest (warum auch immer...), und ich unterhielt mich mit der Mutter über Erdbeben in Hochhäusern.

Und noch ein kurzer Wetterbericht:
Heute sind bei Regen 26-28°C, und ich friere schon fast. Wir scheinen uns doch ziemlich an die Temperaturen gewöhnt zu haben. Wenn wir Ende September aus einem sommerlich-heißen Japan ins herbstliche Deutschland kommen, wird uns das wahrscheinlich wie Winter vorkommen...

18. August 06

Der vorletzte Besucher

von Thomas

Eigentlich hatten wir ja nur noch mit einem Besucher aus Deutschland gerechnet, naemlich mit Manfred (dem Hauptschuldigen an unserem Aufenthalt hier in Japan). In der naechsten Woche sind wir naemlich in Kyoto, fuer mich eine Dienstreise wegen einer Konferenze, fuer Gunda und mich zusammen aber auch der letzte grosse Urlaub hier in Japan, und dort treffen wir viele alte Bekannte, z.B. meine beiden Exkollegen aus Japan, Roland und Lee (inklusive naturlich Rolands Freundin Petra und der Familie von Lee) und meine gesamte Exarbeitsgruppe aus Berlin, naemlich Manfred, Takuya, der ja wieder in Japan ist und Dhuong, der ebenfalls wieder in seinem Heimatland, in Vietnam, ist. Manfred faehrt dann nach der Konferenz noch nach Tokyo und kommt natuerlich auch zu uns, nach Tsukuba.

Soweit der erwartete Ablauf. Jetzt hat sich allerdings noch ein weiterer Kollege aus Berlin dazwischen geschoben, der hier in Tsukuba zu einem Workshop eingeladen war. Das haben wir erst am Montag erfahren und am Mittwoch war er dann auch schon da. Gunda und ich sind dann am Abend mit ihm essen gegangen und heute war ich nochmal hier bei der Arbeit mit zum Essen in der Cafeteria.

Das interessantes an solchen Besuchen ist es ja immer, zu erfahren, wie Japan auf die Leute wirkt, vor allem, wenn sie, wie auch in diesem Fall, vorher noch nie hier waren und sich auch gar nicht naeher damit beschaeftigt haben.

Was ist ihm aufgefallen? Zunaechst einmal die grosse Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit, was mir wieder bewusst macht, wie sehr wir uns schon daran gewoehnt haben. Klar, mir ist es auch zu warm und zu feucht, aber ich empfinde den Sommer doch eher als kuehler, denn im letzten Jahr, was vor allem an dem vielen Regen liegt. Es ist nachts bei weitem nicht so drueckend, wie im letzten Jahr und eigentlich, empfinde ich den Sommer, weil es eben so oft regnet, eher als Reinfall...

Was noch? Natuerlich viele "Standards"... Die extreme Hoefflichkeit, die hohe Zuverlaessigkeit, die wesentlich weniger aggressive Atmosphere, Ruecksichtnahme im direkten Umgang miteinander, die hohe Qualitaet des Essens bei vergleichsweise geringem Preis, die Vorteile einer echten Dienstleistungsgesellschaft, die "Schlafkrankheit" der Japaner, usw. Kurz, vieles, was man eben so von Japan erwartet und einem das Land als sehr angenehm erscheinen laest (und er war auch letztlich sehr angetan vom Land).

Waehrend das jetzt nicht so interesssant und ueberraschend ist, war eine Sache, die ihm gleich bei der Fahrt vom Flughafen her aufgefallen ist, doch sehr gut beobachtet. Naemlich der extrem hohe Grad der Verwestlichung beziehungsweise speziell der Amerikanisierung, die ihm jetzt speziell beim Betrachten der Bebauung aufgefallen ist. Und das stimmt, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, dann koennte ich mich auch irgendwo in Amerika befinden, ein Lokal neben einem Autohaendler,  dann wieder  irgendein Grosshaendler, dann wieder ein Lokal, usw.  Das ganze schnell hochgezogen, mit wenig  Sinn fuer Staedteplanung und Aesthetik, hauptsache schnell und billig. Dazwischen immer mal wieder ein paar verlassene Schrottbuden, dann wieder ein schicker Neubau. Ja, so sah das in den Aussenbezirken von San Jose auch aus und ebenso in den kleinen Staedten rund um Seattle. Woran die Japaner sich da orientiert haben, sieht man recht schnell und ein Haus, dass noch ein typisch geschwungen japanisches Dach hat, wirkt hier fast so exotisch, als wenn es im Schwarzwald stuende...

Im Fernsehen ist ihm das auch aufgefallen, der selbe Schund an niveaulosen Schows, billige Serien und Filme, noch mit japanischen Hintergrund, aber von der Machart her einfach nur westlich/amerikanisch.

Und so zieht sich das ja durch alle Lebenslagen. Das man soviele dicke japnische Kinder sieht, liegt bestimmt nicht am uebermaessigem Sushi-Konsum, sondern eher an der doch unaufhaltsamen Verbreitung von McDonalds, Starbucks, usw... Am extremsten faellt es mir ja immer noch bei der Mode auf, denn was ist das denn, was Gunda da letztens beschrieben hat? Es ist Wirklichkeit gewordenes amerikanisches Fernsehen und Kino. Die knappen Outfitts, die Sonnenbraeune, der Hang zu Edelmarken, das extreme Aufdonnern mit Makeup usw... Und da es ja keine Rueckkopplung mit der westlichen Wirklichkeit gibt (denn wer laeuft dort schon wirklich auf der Strasse rum, wie Paris Hilton und Co. und welcher Japaner weiss das aus eigener Erfahrung...), sondern nur die aufpolierte Version aus den Medien, gibt das dem Ganzen hier doch etwas Unwirkliches, Uebersteigertes, oder, wenn man es eher positiv sehen will, spielerisches.

Will man es pessimistisch sehen, dann koennte man auch sagen, man sieht dabei zu, wie sich eine interessante, erfolgreiche und eigentstaendige Kultur in die Karrikatur einer anderen, ihr eigentlich wesensfremden und in ihren Werten inkompatiblen, verwandelt...

15. August 06

Geschichten deutscher Ausgewanderter

von Gunda

Neulich hat mich ein Schüler gefragt, ob ich gerne wieder nach Deutschland zurückgehe, oder ob ich bleiben wollen würde.

Knifflige Frage, aber die Antwort war im Prinzip klar: Ich freue mich auf Deutschland, ABER ...
natürlich werde ich Japan sehr vermissen. Ja, ich möchte jetzt wieder zurück. Und zwar nicht, weil ich Japan plötzlich schrecklich finde, sondern weil ich bei mir ein interessantes Phänomen beobachte. - Ich fange an, den Kontakt und den Realismus gegenüber Deutschland zu verlieren und aus Erinnerungen zu leben. Dabei weiß ich ganz genau, daß sich Deutschland zwar nicht so rasend schnell verändert wie Japan, daß aber das Deutschland, das wir verlassen haben, auch nicht mehr in dieser Form besteht. Wir werden uns neu eingliedern müssen, und das betrifft fast alle Teile unseres Lebens. Das soziale Leben, die Kommunikation, die Arbeitsweise, die Freizeitgestaltung, das Auftreten im öffentlichen Raum, die Informationsbeschaffung, Einkaufen, der Umgang mit Geld, Restaurants usw. usw.
Auch Thomas hat gesagt, daß er, würde er noch viel länger hierbleiben, sich schlecht in die deutsche Forschung wieder einfinden, also auch dort den Kontakt verlieren würde.

Ich möchte nicht, daß mir das passiert, was ich bei einigen Deutschen in Japan gesehen habe, die schon sehr lange hier sind. Klar, manche haben es geschafft, zu beiden Ländern guten Kontakt zu haben oder sich eine eigene Welt geschaffen, in der sie zuhause sind. Aber es gibt auch diejenigen (und das ist die Mehrzahl), die quasi alles verloren haben. Sie sprechen gut Japanisch, finden aber keinen Zugang zur japanischen Kultur oder verlieren sich kritiklos darin; sie machen nur noch Urlaub in Deutschland, wo sie das sehen, was sie sehen wollen und noch von früher kennen. (Und ihre Erinnerung scheint sich mit den Jahren auch zu verändern.) Aber heimisch fühlen sie sich in keinem der beiden Länder. Sie sind zerrissen und frustriert. Da ist es für sie geradezu eine Wohltat, in Japan als Deutschland-Experte und in Deutschland als Japan-Experte befragt zu werden. Etwas anderes bleibt ihnen nicht. Und was da dann an Informationen herauskommt, ist manchmal wirklich haarsträubend. Ich habe z.B. gestern wirklich Probleme gehabt, tatenlos zuzusehen, wie meine eine ältere Kollegin unserem Chef von Deutschland erzählt hat. Hätte ich eingegriffen, hätte es wohl ziemlichen Krach gegeben...

Ähnlich verhält es sich mit vielen Japanern, die schon lange in Deutschland leben. Ich kann mich z.B. daran erinnern, daß mir ein japanischer Mitarbeiter im JDZB damals gesagt hat, er würde gerne, aber könne nicht mehr zurück nach Japan; es sei zu spät für ihn. Ich war sehr erstaunt über diese Aussage. Jetzt verstehe ich ihn. Dabei verändert sich Japan noch viel schneller als Deutschland. Auf allen Gebieten, z.B. auch bei der Kommunikation. Deshalb waren Bücher und Berichte von Leuten, die schonmal in Japan gelebt haben, zwar im Vorfeld wichtig und nützlich für uns (vorallem, um uns auf einen hohen Grad "Andersartigkeit" einzustellen), aber letztlich schon veraltet, als wir hier angekommen sind. (Bezeichnenderweise auch die Berichte von Japanern über ihr Heimatland...)

Und Manfred und Gertrud haben uns am Anfang ein Paket mit Dingen geschickt, die sie damals vermißt hatten, man hier aber schon längst größtenteils kaufen konnte...

Wenn wir nach Deutschland zurückgehen, wird auch unsere Sicht auf Japan veralten und sich in der Erinnerung verändern. Aber mir ist es lieber, daß es in diese Richtung passiert, als daß ich irgendwann das Land verliere, in dem ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Und schließlich haben Thomas und ich uns immerwieder neu entschieden (d.h., es war die ganze Zeit klar), daß wir den Rest unseres Lebens (wenn nichts dazwischen kommt) in Deutschland verbringen wollen, weil es für uns doch irgendwie mehr Heimat ist, als jedes andere Land. (Wie fremd man sich allerdings auch in Deutschland fühlen kann, habe ich gemerkt, als ich ein Jahr lang in Dortmund gewohnt habe.)

Alles in allem kommt es immer und überall auf der Welt darauf an, in sich selbst heimisch zu sein und sich die entsprechende Umgebung selbst zu schaffen. Das habe ich hier in Japan gelernt. Ich scheine das inzwischen zu können, ein Zuhause zu schaffen. Und letztlich sind Thomas und ich uns auch gegenseitig ein Zuhause. Ob wir nun in Berlin wohnen, in Arakawaoki oder in Bonn...

14. August 06

Kare Raisu

von Thomas

"Kare Raisu" ist die japanische Variante von Curryreis, besonders beliebt als "Katsu Kare", bei dem auf den Curryreis noch ein dick paniertes Schnitzel gepackt wird. Schmecken tut das Ganze, als hätte jemand mal indisches oder thailändisches Curry gegessen und versucht nun, es nachzukochen, ohne eigentlich genau zu wissen, was da reinkommt und stattdessen Zutaten verwendet, die er aus seiner gewohnten Küche kennt. Aber trotzdem ist es hier in Japan unheimlich beliebt (leider so beleibt, dass hier auch oft Curry beim Inder ein wenig nach "Kare Raisu" schmeckt...). In jedem Family-Restaurant gehört es zum Standard auf der Speisekarte und neben den vielen japanischen und chinesischen Nudelsuppenrestaurants, gehören die Kare-Shops zu den den meistbesuchtesten, wenn man mal ohne viel Aufwand und billig satt werden will, und das, wie eigentlich immer, bei trotzdem sehr guter Qualität.

Neben Japanern gehören vor allem auch die Gaijins zu den Liebhabern des "Kare Raisu". Das liegt wahrscheinlich daran, dass man es erstens an jeder Straßenecke bekommen kann, man zweitens das Gefühl hat, was halbwegs Vertrautes zu essen und drittens, man keine Stäbchen zum Essen braucht. ;) So haben wir das am Anfang auch gemacht, bis wir das Zeug nicht mehr riechen konnten (wir haben noch immer einige, inzwischen fast 2 Jahre alte, Packungen mit Instant-Kare zu Hause...), so haben es meine Cousine samt Anhang gemacht (wenn sie denn keine Sandwiches gegessen haben...), mein Kollege Manfred gehört seit seiner Zeit in Japan zu den Fans, Kollege Roland zelebrierte jeden Mittwoch das "Katsu Kare"-Essen fast so, als wenn's eine heilige Handlung wäre (wahrscheinlich musste das Brimborium sein, da er es eigenlich überhaupt nicht mehr ausstehen konnte...) und viele der anderen ausländischen Wissenschaftler hier am AIST machen es ebenso.

Und damit bin ich endlich beim Thema... In den letzten Wochen war ich recht häufig alleine essen, da Matsuura-san nicht mitgehen konnte (die Geschichte ist eigentlich einen eigenen Beitrag wert...) und auch heute war ich alleine, da Matsuura-san noch im O-bon Urlaub ist. Wenn man alleine Essen geht, hat man natürlich viel Muße, sich umzuschauen, was um einen herum so vor sich geht. Besonders interessant sind natürlich die Ausländer für mich. Und über die kann man schon sehr viel erfahren, wenn man nur schaut, was, wie und mit wem sie essen.

Die meisten essen natürlich irgendein beliebiges der zur Auswahl stehenden Gerichte, gerade wenn sie schon etwas länger da sind, in einer Gruppe sind, in der wenn möglich auch noch Japaner sind, aber viele kommen kommen auch kaum über die "Kare Raisu"-Phase richtig hinaus und wenn man sie öfter sieht, dann essen sie halt immer wieder das Gleiche. Das sind oft die, die entweder gar keinen richtigen Anschluss gefunden zu haben scheinen, oder der Anschluss nur aus anderen Ausländern besteht. Wie weit der Grad der Isolation ist, sieht man dann daran, wie sie das "Katsu Kare" essen: Mit Stäbchen! Wie auch ich in den ersten 2 Wochen, denkt sich der unbedarfte Ausländer, Japaner essen ja selbst Nudelsuppe mit Stäbchen, also auch das "Katsu Kare". Dem ist aber nicht so... Jeder Japaner isst seinen "Kare Raisu" natürlich mit dem Löffel, geht ja auch viel besser... Erst vorhin hab ich dann wieder so einen einsam dasitzenden Gaijin gesehen, der sich tapfer seinen mit viel Sosse durchmengten Reis mit den Stäbchen in den Mund schaufelte. Interessanterweise hatte er sogar einen Löffel auf dem Tablett, aber den hat er nur dazu benutzt, um den rot gefärbten Ingwer, der immer dabei ist, sauber vom Teller zu entfernen...
Ja, dieser Ingwer. Ich mag das Zeug auch nicht und es hat mich einige Zeit gekostet, herauszufinden, wie man den Frauen an der Essensausgabe klarmacht, dass man es nicht haben möchte. Da kann man mitunter dramatische Szenen beobachten. Ein (offensichtlich ein junger deutscher Gastwissenschaftler) stand einmal laut "no, no"  schreiend und wild mit den Händen gestikulierend vor mir in der Schlange. Die armen Damen von der Essensausgabe waren total erschreckt. ;)

Es gibt natürlich auch das andere Extrem. Die voll aklimatisierten Ausländer, die sich jede noch so unangenehme Beilage auf's Tablett packen, die Miso-Suppe mit groesserer Begeisterung schlürfen, als jeder Durchschnitts-Japaner, eine extrem elegante Stäbchentechnik beweisen und munter auf Japanisch mit ihrem Gegenüber plaudern. Aber das hat eher Seltenheitswert. Meist sieht man Auländer alleine oder in kleineren, manchmal auch grösseren Gruppen dasitzen, ganz ordentlich mit Stäbchen essen (manchmal gibt es auch einige, die sich wohl ganz bewusst nicht anpassen und alles mit Messer und Gabel essen, was aber beim dem japanischen Klebreis gar nicht so einfach ist), die gängigsten japanischen, chinesischen oder (pseudo-)westlichen Gerichte verputzen und sich auf Englisch, Französisch oder manchmal auch Deutsch miteinander unterhalten.

Den voll in eine japanische Gruppe integrierten Ausländer sieht man recht selten. Natürlich gibt es manchmal gemischte Gruppen, aber das ist eher selten und oft wirkt es dann sehr steif und wenig herzlich und vertraut. Heute z.B. habe ich zwei Ausländer mit etwa sechs Japanern am Nebentisch sitzen sehen. Die beiden erzählten sehr, sehr viel, zwei der Japaner machten ab und an eine Bemerkung dazu, der Rest blieb stumm (unterhielt sich, wohl aus Höflichkeit, auch nicht untereinander), lachte höchstens mal etwas dezent, wenn die Gaijins mal was Lustiges erzählten.

Irgendwie hat das ewtas Beruhigendes (vielleicht achte ich auch deshalb nur so darauf), dass es offensichtlich den meisten Ausländern hier nicht besser ergeht, als mir, was den persönlichen Kontakt mit den japanischen Kollegen angeht. Im Gegenteil, was Matsuura-san angeht, ist der Kontakt ja schon recht eng und auch über das reine Arbeitsverhältnis hinausgehend und wäre sicher noch enger, wenn die Kommunikation einfacher wäre...

Warum das alles so ist? Ich weiss nicht, das Naheliegendste ist wohl einfach die Sprach- und Kulturbarriere und daraus folgend die Unsicherheit der Japaner und natürlich auch die schlechte Anpassung der Ausländer an Japan, was es den Gastgebern nicht einfacher macht, ihre Hemmungen zu überwinden. Und dann kommt noch hinzu, dass obwohl Wissenschaft eigentlich eines der internationalsten Geschäfte überhaupt ist, viele der selbst etwas älteren japanischen Forscher einfach keine Erfahrung mit dem Ausland und Ausländern haben und extrem schlecht Englisch sprechen. Das wundert aber auch nicht. Zum einen gibt es einfach nicht viele Ausländer, dann vermeiden es die meisten der jüngeren, ins Ausland zu fahren und wenn sie dann mal doch auf eine Konferenz müssen, kommen sie aus den Koneferenzräumen kaum mal raus und wenn, dann nur als Gruppe; und Leute einfach ansprechen und diskutieren ist auch nicht so ihr Ding. Blieben nur private Kontakte. Aber woher sollen die kommen? Die meisten verbringen fast den ganzen Tag und den Abend oft bis in die Nacht bei der Arbeit, kommen auch oft am Wochenende her und Urlaub nehmen sie fast keinen, jedenfalls keinen im Ausland, sondern nur mal einen Kurzurlaub im Sommer irgendwo in Japan, oft bei der Familie.

Dabei sind sie ja durchaus neugierig. Wenn mal eine Unterhaltung aufkommt, wird ja gleich richtig nachgehakt, wie denn dieses und jenes anders als in Japan ist. Manchmal allerdings auch nur die Fragen, die ich inzwischen einfach nicht mehr hören kann,wie z.B. "Do you like japanese food?", wozu ich eigentlich nichts Ernsthaftes mehr sage (vielleicht sollte ich sagen, "Yes, katsu kare"...), denn das ist zu albern, wenn auch aus japanischer Sicht verständlich; die meisten denken ja offensichtlich wirklich, Ausländer mögen kein japanisches Essen...

Als wirklich schlimm empfinde ich inzwischen, dass es tatsächlich nach 2 Jahren einige Kollegen gibt, die noch nie ein Wort zu mir gesagt haben, noch nichtmal einen Gruss. Da gibt es Leute, die sehe ich jeden Tag und sie zeigen keinerlei Reaktion, weder in Worten noch Gesten, kein Anzeichen dafür, dass man von ihnen jemals wahrgenommen wird. Und das nicht nur bei den ganz jungen, sondern auch bei einigen Älteren oder auch einigen Verwaltungsleuten. Woran das liegt, weiss ich auch nicht. Das Grüßen ist sicher grundsätzlich keine wirklich lockere Sache in Japan, auch unter Japanern nicht und soweit ich weiss gilt es z.B. als höflicher, jemanden nicht zu grüßen, als ihn aus Versehen zweimal am Tag zu grüßen, aber nach fast 2 Jahren hätte es da bestimmt mal die ein oder andere Gelegenheit gegeben, wo man sich sich hätte sicher sein können, mich an dem Tag zum ersten Mal gesehen zu haben... Ansonsten kann eigentlich nur eine totale Unsicherheit der Grund sein (versteht der wohl, was "konichiwa" heisst, spreche ich "hello" gut genug aus, was mache ich, wenn der mich dann anspricht und ich irgendwas sagen muss, usw.), denn ansonsten kann ich es mir nicht erklären. Aber wer weiss, vielleicht hab ich ja auch irgendwas Abstossendes an mir... Dumm ist nur, dass ich merke, wie ich inzwischen selber abstumpfe und auch nicht grüße, sondern auch nur noch stur an den Leuten vorbeischaue. Hoffentlich gewöhne ich mir das in Deutschland schnell wieder ab...

Hmm, bischen abgeschweift inzwischen... Auf was man alles so kommt, wenn man einen Ausländer in der Cafeteria "Kare Raisu" mit Stäbchen essen sieht ;)

13. Juli 06

Die Kannomushi-Kinder

von Gunda

Kan = Hitzköpfigkeit, Jähzorn, Erregbarkeit, Reizbarkeit, Nervosität (übrigens mit dem Radikal für "Krankheit" im Kanji)
Mushi = Insekt

Von Kannomushi sind Kinder befallen, die nicht nur besonders unruhig sind, sondern auch besonders wißbegierig, bzw. mitteilsam. Kannomushi bewirken, daß Kinder nicht sind, wie japanische Kinder sein sollen: Brav, hübsch, angepaßt, still. Überragendes Wissen oder gar Intelligenz sind da doch eher unangebracht.

Es gibt ein japanisches Sprichwort, das ungefähr folgendes besagt: "Auf den Nagel, der heraussteht, schlägt man drauf." Das bedeutet ein hartes Los für Individualisten, Kreative, Hochbegabte.

Die japanische Gesellschaft funktioniert mit diesem System der breiten Massen und der Gruppenzugehörigkeit sehr gut. D.h., hat funktioniert, muß man schon beinahe sagen. Denn mit der immer stärker werdenden westlichen Kultur wird der Wunsch nach einem selbstbestimmten individuellen Leben bei jungen Japanern immer stärker. Das steht oft in einem starken Kontrast zu Schule und Elternhaus. Japan hat die weltweit höchste Rate an Schülersuiziden, viele Kreative suchen sich im unübersichtlichen Tokyo ("In Tokyo hat man keine Nachbarn." - Damit ist die Gemeinschaft gemeint.) eine Nische, manche wandern aus.

Aber ich glaube, daß sich in den nächsten Jahren viel ändern wird. Auch, wenn das vielleicht ein weiterer Schritt von der japanischen weg, hin zur westlichen Kultur sein wird.
Es besteht also noch Hoffnung, daß junge Eltern die Energie der Kannomushi erkennen und fördern werden und damit Japan eine zusätzliche Kraft geschenkt bekommt.
Doch bis dahin werden an vielen Tempeln und Schreinen weiter Omamoris verkauft, die Kannomushi bekämpfen sollen...

12. Juli 06

Priester vertreten

von Gunda

Bei meiner Vertretungsstunde kam heute der Schüler in den Raum: Kariertes Hemd, Jeans, Brille, Stoppelschnitt und abgeknabberte Fingernägel. Irgendwie ein ganz normaler junger Mann im Prinzip. Dann die Überraschung: Er ist buddhistischer Priester und will in Wien in Tibetologie promovieren.

Na, da war ja die Stunde gelaufen. Bzw. die vier Stunden, in denen er mir von seinem Leben erzählt hat:
Er wurde in einem Dorf in der Nähe von Osaka geboren und hat mit seinen Eltern, Großeltern und seiner Schwester in einem buddhistischen Kloster gelebt, das zuerst der Großvater geleitet hat, dann der Vater. Seit seiner Geburt war es der Wunsch seiner Eltern, daß er Priester werden und das Kloster übernehmen sollte. Doch erst sollte er eine gute Ausbildung bekommen und wurde in eine Oberschule in Yokohama geschickt, wo er zunächst bei der Tante, später im Schülerwohnheim gewohnt hat. Als es an's Studieren ging, entschied er sich zunächst gegen das Priestertum. Da er sich aber für Religion interessierte, studierte er Buddhismus. Währenddessen kam er auf die Idee, daß Wissen allein nicht genügt und er nur auch durch Spiritualität den Buddhismus vollständig durchdringen könnte. Also ist er doch Priester geworden. (Die dürfen seit der Meiji-Zeit auch heiraten...) Nach seinem Aufenthalt in Wien übernimmt er das Kloster mit angegliedertem Gästehaus und will eine Homepage (auch auf Deutsch) für das Kloster erstellen, das seit ca. einem Jahr Weltkulturerbe ist.
"Die Zeit in Wien ist mein Urlaub," hat er gesagt. Und: "Ich lerne Sprachen, weil ich so viel über meine Kultur und Religion zu erzählen habe."

05. Juli 06

Drei-Stufen-Freundlichkeit

von Gunda

Was ich schon längst vermutet habe, wurde heute durch eine Schülerin von japanischer Seite nochmal bestätigt.

Es gibt drei Stufen von Ausländern: Touristen, Kurzzeit-Residenten und die, die für immer da bleiben wollen.

Die ersten beiden Stufen werden freundlich empfangen, die findet man toll. Letztere Ausländer werden von den meisten Japanern eher als suspekt angesehen; von denen sollte man sich lieber fernhalten. Und tatsächlich wird man, wenn man sagt, dass man in Japan wohnt, oft von Fremden zuerst gefragt, wann man denn wieder in sein Heimatland zurückgeht. (Ein anderer Grund ist sicherlich, daß sich die meisten für sich selbst gar nicht vorstellen können, auszuwandern.)

Dazu paßt auch die Beschreibung eines uns bekannten Schweizers, der sich um japanische Staatsbürgerschaft bemüht. Neben vielen anderen Schikanen muß er zulassen, von einem Detektiv überwacht zu werden, damit der Staat weiß, ob er ein "japanisches Leben" führt. Wie das aussehen sollte, hat ihm wohl niemand gesagt. Ob sie wohl heimlich eine Kamera bei ihm im Bad installiert haben und jetzt gucken, ob er jeden Abend badet und dabei keine Seife ins Wasser kommt?

Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die deutsche Regierung auf solche Ideen käme...

30. Juni 06

Esst Essig!

von Gunda

Heute habe ich wieder Interessantes zur WM erfahren:

Eine japanische Essig-Firma hat eine Statistik herausgebracht laut der Fußball-Nationalmannschaften aus Ländern, in denen viel Essig konsumiert wird, besser bei der WM dastehen. Je größer der Essigkonsum, desto besser der Fußball.

Brasilien? Argentinien? Deutschland???

Na dann prost!

21. Juni 06

Kleidungschauvinismus

von Gunda

Jetzt hat wieder die Zeit angefangen, in der die Frauen bei der Arbeit frieren müssen. Das hat einen einfachen Grund: Die Klimaanlagen sind zu kalt eingestellt. Und zwar weil die Männer am längeren Hebel sitzen. Während die Frauen Sommerkleidung tragen, weil es draußen warm ist, begnügen sich ihre männlichen Kollegen Sommer wie Winter mit dem immer gleichen schwarzen Anzug. Der ist im Sommer natürlich zu warm, weshalb dann die Klimaanlage kälter gestellt wird. Die Frauen beschweren sich erwartetermaßen nicht genug, und so ist die Bahn frei für grandiose Umweltbelastung und Geldverschwendung. Und die Frauen haben mit Erkältungen zu kämpfen oder schwitzen sich auf dem Weg zur Arbeit halbtot. Jetzt hat auch die Regierung erkannt, daß etwas getan werden muß. Sie hat die Firmen gebeten, den Dresscode zu lockern, der hier um einiges strenger ist als in westlicheren Ländern. Doch entweder steckt das Konservative zu tief drin oder die Herren sind einfach zu bequem, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Jedenfalls zeigte der Aufruf wenig Resonanz, weshalb die Abgeordneten jetzt auf die Vorbild-Wirkung setzen: In den Sitzungsräumen wird nur noch gemäßigt klimatisiert, und im Fernsehen kann man die neueste Sommermode für Herren studieren, während man sich politisch auf den aktuellen Stand bringt. Ob's hilft?

p.s.: Besagter Dresscode hindert interessanterweise trotz Anzug nicht an der Kombination mit Tennissocken, Joggingschuhen, kaputten oder zu großen oder hinten runtergetretenen Schuhen, bzw. abgeranzten Taschen...

16. Juni 06

So was...

von Thomas

...gibt's vielleicht auch nur in Japan: Als ich gestern Morgen zum Bus ging, war ich etwas früh dran und setzte mich dann schon mal in den wartenden Bus. Kurz darauf hörte ich ein mich etwas irritierendes Geräusch, ein Knipsen, als wenn jemand mit einer Zange oder so was durchtrennt. Außer dem Fahrer und mir war aber niemand im Bus, also hab ich etwas genauer hingeschaut. Was ich da dann sehen konnte, lies nur einen Schluss zu, der Fahrer schnitt sich seine Fussnaegel! Und um noch eins drauf zusetzen, war er die abgeschnittenen Nägel aus dem Fenster... Gut, dass gerade kein Fahrradfahrer vorbei kam :)

Während das eher skurril ist, ist vorgestern dann etwas passiert, was mich doch erstmal ziemlich aufgeregt hat. Ich kam mit dem Bus zur Arbeit und bin dann durch den Haupteingang auf's AIST-Gelände gegangen. Ich war der letzte, der ausgestiegen war, vor mir ein knappes Dutzend Japaner. Am Eingangstor stehen wie immer die Wachmaenner, die vor jedem hereinkommenden Auto salutieren (bei Fußgängern machen sie das nur, wenn gerade kein Auto kommt, denn Autofahrer sind wichtiger, als Fußgänger. Oder so...) und ansonsten meist nur gelangweilt herumstehen. So auch an dem Morgen. Alle Leute vor mir wurden schön gegrüßt, ich auch. Doch dann fing der Wachmann (noch ein ziemlich junger) an zu stottern und versuchte noch irgendwas zu sagen. Nach ein paar Versuchen, kam ich dann dahinter, dass er meinen Dienstausweis sehen wollte!

Jetzt arbeite ich hier schon fast 2 Jahre und auf einmal will einer meinen Ausweis sehen. Das war nun noch nie passiert. Und vor allem, keiner der Japaner vor mir trug seinen Ausweis irgendwie sichtbar am Körper und wurde trotzdem nicht angehalten! Das fand ich ja nun schon sehr merkwürdig und schon auch ärgerlich, vor allem da das Gelände ja im Prinzip frei zugänglich ist, es gibt dort ein öffentliches Museum und Gäste können sich dort frei bewegen oder in dem Gästehaus wohnen, ohne das sie dafür einen speziellen Ausweis brauchen. Und auch Gunda hat noch nie Schwierigkeiten gehabt, wenn sie mal zum Mittagessen gekommen ist.

Aber irgendwie scheint sich was geaendert zu haben. Heute ist mir nämlich das gleiche passiert und, zu meiner Beruhigung, auch Japaner wurden gebeten, ihren Ausweis vorzuzeigen. Also doch keine Auslaenderschikane... Jetzt bin ich mal gespannt, ob das wirklich jetzt so üblich wird, oder ich nur zufällig zweimal an einen übereifrigen Wachmann geraten bin. Mal sehen...

07. Juni 06

Kulturtraining für Anfänger

von Gunda

Da gibt man sich tagtäglich redliche Mühe, um Japanern ein anständiges Bild von Deutschland jenseits von Neuschwanstein und Sauerkraut zu vermitteln und dann das:

Eine meiner Schülerinnen berichtete mir heute, daß am Morgen im Fernsehen ein Kulturtraining aus Deutschland zu bewundern war.
Belehrt wurden Busfahrer aus Bonn, wo die japanische Fußballmannschaft im Moment untergebracht ist. Es werden wohl Anstürme von japanischen Fans erwartet, und darauf will man vorbereitet sein. Also müssen die Busfahrer wissen: Japaner entschuldigen sich andauernd; auch, wenn es nichts zu entschuldigen gibt. "Sumimasen!" sagen sie dann. (Was die erklärende Frau wohl nicht wußte: Das wird im Sinne von "Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken?" benutzt und findet sonst auch noch eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten, die nichts mit einer Entschuldigung zu tun haben.)
Desweiteren ist es natürlich für so einen transportierenden Busfahrer auch ungemein wichtig, sich noch weiter in die Kultur seines Fahrgastes einfühlen zu können und z.B. zu wissen, was der so normalerweise ißt. Also wurde Sushi verteilt, was wohl geschmacklich wenig Begeisterung unter den Busfahrern auslöste. (Aber klar, Berliner Busfahrer essen ja auch z.B. Döner oder Pizza, Spaghetti ...)
Ach ja, und die Taxifahrer sollten in der Aufgeklärtheit ihren Kollegen auch um nichts nachstehen. Sie bekamen einige japanische Vokabeln zum Lernen auf und gesagt, sie sollten, wenn ein Japaner bei ihnen mitfahren will, aussteigen, um das Auto herumgehen, dem Fahrgast die Tür aufmachen, ihn einsteigen lassen und dann die Tür wieder zumachen, ums Auto herumgehen, selber einsteigen und losfahren. Weil, in Japan gehen ja die Türen für den Fahrgast hinten automatisch auf, da könnte der verunsichert sein, wenn sich in Deutschland da nichts regt. Interessant wäre jetzt, zu erfahren, wie viele in Bonn lebende Asiaten in Zukunft irritiert werden, wenn sie in ein Taxi steigen wollen...

Ja, was die Deutschen machen, das wollen sie dann auch gleich ganz gründlich machen. Besonders, wenn es um Völkerverständigung geht. Man will sich ja nicht nachsagen lassen, man sei nicht gastfreundlich...

Und dann bitte noch einmal nach Neuschwanstein und Sauerkraut essen, wie das die Deutschen immerzu machen.

01. Juni 06

Wie riecht der Sommer?

von Gunda

In deutscher Werbung wird der Geruch des Sommers oder Frühlings immer als angenehm, frisch und leicht dargestellt. - So habe ich das auch immer empfunden.

Und in Japan? - Da fängt schon seit geraumer Zeit in der Werbung die Saison für Lufterfrischer, Ionisierer und Geruchsneutralisatoren an. Vorwiegend Damen sitzen schnüffelnd in ihrem wohlriechenden Heim, was die Bewunderung von Nachbarn und Verwandten auf sich zieht. Als "Neuentdeckung" wird jetzt verstärkt Werbung für "Lenor" ("lenoa") gemacht, das einem den ganzen Tag lang wohlriechende Kleidung bescheren soll. Wirklich ein Fortschritt für ein Land, in dem Waschmittel und Kosmetika nur notfalls kaum wahrnehmbar dezent riechen und der Geruch sofort wieder verfliegt.

Braucht man in Japan Düfte? - Erst dachte ich, das sei alles Quatsch und unnötig. Wenn es sauber ist, riecht es von alleine frisch. Spätestens letzten Sommer bin ich eines Besseren belehrt worden: Die hohe Luftfeuchtigkeit fördert sämtliche mögliche Ausdünstungen zutage. Bei Gegenständen und bei Menschen. Direkter gesagt kann so einiges während der Regenzeit anfangen zu stinken und bis zum Herbst nicht wieder aufhören. Deshalb sind auch wir og. Produkten durchaus aufgeschlossen. (Außer dem Weichspüler; der hinterläßt Flecken in der Wäsche.)

Menschliche Gerüche sind dann nochmal ein extra Kapitel: Die Deos hier funktionieren nicht so gut, wie ich es gerne (bei anderen und bei mir) hätte. (Ich weiß von Ausländern, die sich regelmäßig welches aus ihrem Heimatland schicken lassen. Ortrun hatte mir damals auch welches mitgebracht.) Das führt nicht nur zu unangenehmen Situationen in vollen Bussen und Bahnen (Dabei sind die Japaner nun wirklich sehr reinlich, was die Körperpflege angeht!), sondern auch zu interessanten Erfindungen. Z.B. gibt es Aufkleber, die man sich unter die Achseln ins T-shirt kleben kann und die den Schweiß aufsaugen. (Ich hätte lieber ein gutes Deo als ein feuchtes Pflaster unterm Arm...) Besonders begeistert bin ich bei hohen Temperaturen aber von den "Cooling Powder Sheets". - Das sind taschentuchgroße feuchte Tücher, die Menthol oder Pfefferminz enthalten und dazu mit Deo-Puder bestückt sind. Damit kann man sich im Sommer prima erfrischen. Eins unter den Achseln angewendet und eins an Stirn und Schläfen, und schon fühlt man sich ein bischen lebendiger in der drückenden Hitze (und ist dazu noch den Schweißglanz im Gesicht los). Kühlende Duschgels und Badezusätze gibt es auch.

Wahrscheinlich gibt es hier schon alles Nötige. Vielleicht finde ich auch noch in diesem Sommer ein besseres Deo...   ;-)   Jedenfalls freue ich mich zwar auf den Sommer, nicht aber auf dessen schwüle Hitze.

31. Mai 06

Ältere Herren im Zug

von Gunda

...sind manchmal gar nicht so gesittet. Zwar haben wir schon manchmal welche quer über den Sitzen liegen sehen oder sie bei lautstarkem Essen und Trinken beobachten "dürfen", aber eben habe ich noch eine besondere Spezies kennengelernt: die Bahnsportler. - Eine Gruppe älterer Herren, von denen abwechselnd immer einer an den Querstangen wild schaukelte, um sich von den anderen fotografieren zu lassen. Falls wer unsicher war: Die Stangen halten einiges aus...  ;-)

17. Mai 06

Ankündigungen

von GundaCimg3541_medium

Woran merkt man, daß bald Regenzeit ist? - Am ausgestellten Schuhwerk.
In der Regenzeit kleidet die (japanische) Dame von Welt offenbar ihre Füße in Pumps aus Gummistiefel-Material. (Habe ich hier noch nie bewußt auf der Straße gesehen.) Zumindest habe ich das heute in einer Filiale des etwas edleren Kaufhauses SEIBU gesehen. Ist zwar bestimmt nicht besonders toll für's Fußklima, dafür aber in allen möglichen Farben erhältlich.

12. Mai 06

"Be prepared!"

von Gunda

Daß der alte Pfadfinderspruch westlicher Natur ist, merkt man gleich, wenn man in Japan ankommt. Da wird einem alles abgenommen. Arbeitsplatz, Material, Wohnung, Anmeldung, ... Wenn man für alles Hilfe will, kein Problem. Und jemanden, der halbwegs Englisch kann, bekommt man auch noch an die Seite gestellt. Beruflich nach Japan zu gehen ist also nicht so dramatisch. Und bei Japanern selber? Wenn man da hinfährt, wo sie auf Japaner eingestellt sind, bekommt man auch im Urlaub das volle Programm und auf Hawaii einen Organisator, der Japanisch spricht. (Und japanisches Fernsehen.)

Kein Wunder also, daß sich viele Japaner nicht groß Gedanken machen, wenn sie nach Deutschland müssen. ("Was kann da schon passieren? Ich geh ja dienstlich hin.") Anlaß dieses Artikels ist nämlich das bereits vierte Mal, daß sich ein Japaner ein paar Monate vor einem langen Deutschlandaufenthalt von mir dafür fit machen lassen will. Und dann kommen immer meine gleichen Fragen:

"Waren sie schonmal im Ausland?"
"Nein."
"Haben sie schonmal was über Deutschland gelesen?"
"Nein."
"Was wissen sie über Deutschland?"
"Heidelberger Schloß, Neuschwanstein, Wurst, Sauerkraut, Goethe, Bach... und, ach ja, die Fußball-WM."
"Wie gut können sie Englisch?"
"Schlecht, aber ich will ja Deutsch lernen."

Ich weiß, daß es auch andere gibt, aber die kommen nicht zu mir; die bereiten sich selber vor. Und die wissen vielleicht auch, daß man bei der Arbeit unter Umständen besser mit gutem Englisch als mit einer Mischung aus schlechtem Englisch und schlechtem Deutsch zurechtkommt.

Aber bei besagten anderen bekomme ich manchmal echt die Krise. Dann fängt wieder meine Zeit als Märchentante an, und ich erzähle Erwachsenen, was in Deutschland alles anders ist, daß man viel mehr alleine organisieren muß und daß man gezielt nach Hilfe fragen muß, wenn man welche braucht; daß nicht alle freundlich und interessiert an Ausländern sind und daß es auf der Straße gefährlicher ist. Sie sitzen da mit erstaunten Gesichtern, hören sich meine Geschichten an und glauben bestimmt nur einen Bruchteil davon, weil das alles für Sie so fremd und einfach unglaublich ist. Und dann bekomme ich solche Sachen zu hören, wie: "Mein Kollege meint, sie wollen mir nur Angst machen." Wenn DAS schon Angst auslöst, die puren Worte, was tut dann erst die Situation mit diesen naiven Menschen? - Und dann könnte ICH eigentlich diejenige sein, die Angst vor deren Sorglosigkeit und ihrem Kulturschock bekommt.

Mir läuft die Zeit weg, und meine Schüler verstehen nicht, warum sie früher hätten kommen sollen. Die Zeit reicht nicht, um alles zu erzählen und dazu noch Deutsch beizubringen. Und dann lasse ich sie mit einem unguten Gefühl ziehen...

Zum Schluß aber habe ich immer alles getan, was in meiner Macht steht. Und wenn mir keiner glaubt und die von mir empfohlenen Bücher (auf Japanisch!) nicht liest, dann kann ich auch nicht mehr tun. Und wenn jemand schnell wieder total verwirrt nach Japan zurückkommt, dann kann ich ihm nur das sagen, was ich allen anderen rate, die ins Ausland wollen:

Bereitet Euch vor! Und zwar nicht erst in letzter Minute!

28. April 06

Fromme Häuslebauer...

von GundaCimg2940_medium

...gibt es hier offensichtlich bei uns im Ort.
Da findet sich auf einem Grundstück eine abgeteilte Fläche mit Bäumchen und den vom Schrein bekannten Papierstreifen, die Blitze (und damit die Verbindung zwischen Himmel und Erde) symbolisieren sollen. Ganz offensichtlich wurde dieses Fleckchen Erde in einer Shinto-Zeremonie gesegnet.

31. März 06

Fahrrad-Domino

von Thomas

200603311512 Heute ist es mal wieder sehr windig und da purzeln die Fahrräder in dem Fahrradunterstand an dem Bürogebäude, in dem ich arbeite, wie die Dominosteine. Wie gesagt, windig ist es immer wieder mal und das dann Fahrräder umfallen, ist vielleicht auch nicht so die Topnachricht, um sie hier zu verkünden. Warum dann doch? Weil die sagt nämlich einiges über die Leute hier aus? Wie das? Nun, einige der Räder auf dem Bild sind nämlich nicht heute umgefallen, sondern schon vor Tagen, teilweise schon vor Wochen. Sowas interessiert hier eben ganz oft kein Schwein. Die Räder bleiben solange liegen, bis sie von jemanden mal zufällig benutzt werden. Und da es einige Räder hier gibt, die nur selten oder gar nicht mehr benutzt werden, liegen die da entsprechend lange rum.

Da zeigt sich eine Eigenschaft der Leute, die uns immer wieder auffällt: Was einen nicht persönlich betrifft, wird nach Möglichkeit so gut es eben geht ignoriert. Das ist manchmal ganz praktisch (wenn man sich z.B. in der S-Bahn übergeben muss und niemand anfängt zu schimpfen, sondern fast alle versuchen so zu tun, als ob nix passiert wäre), aber oft ist auch ärgerlich, wenn z.B. niemand mal auf die Idee kommt irgendwelchen Müll wegzuraeumen oder Dinge, die kaputt sind, man aber mal einfach so mit einem Handgriff wieder in Ordnung bringen könnte, dann auch wieder zu richten. Das bleibt dann liegen, sieht nicht schön aus, behindert einen eventuell oder stört sonst irgendwie. Genauso eben, wie die umgefallenen Fahrräder hier...

27. März 06

Japanese Mikan

von Thomas

Gunda hat ja vor ein paar Wochen schon mal was darüber geschrieben, dass in Japan viele Dinge sehr speziell sind (Total spezial), aber ein Aspekt fehlt in ihrem Bericht noch. Wenn man mit Japanern spricht, dann fällt nämlich eigentlich sofort auf, dass sie, wenn sie über etwas speziel japanisches, über Sitten und Gebräuche, Pflanzen, Tiere oder Essen, das typisch für Japan ist, berichten, immer von "japanese ..." sprechen und immer von "we", also "wir" reden.

Wenn man gefragt wird, "do you like japanese food", ist das ja noch ok, aber wenn dann "food" näher bestimmt wird, wird es oft doch sehr skurril. Da gibt es dann auf einmal "japanese mikan", "japanese pear" oder "japanese potato". Das die Art Mandarine, die man hier Mikan nennt, wirklich aus Japan kommt, weiß auch die Wikipedia zu berichten, die "Nashi-Birnen" gibt's dann aber auch in China und Korea, wie mein koreanischer Kollege immer etwas verärgert betonte und das die Süßkartoffel eine typisch japanische Pflanze ist, fällt mir dann doch langsam schwer zu glauben...

Aber letztlich ist es auch egal, ob die Dinge nun wirklich aus Japan stammen, warum muss man es immer mit betonen? Würde man in Deutschland einen Ausländer fragen, ob er deutsche Kartoffeln, Erdbeeren oder Brombeeren mag? Ob er ganz allgemein deutsches Essen mag, würde man vielleicht fragen, aber  nach den Zutaten, wenn man doch weiß, dass es sie  auch sonst in halb Europa  oder der Welt gibt?  Irgendwie nicht, oder? Und wenn es es nur in Deutschland gäbe, wäre es doch auch wieder egal und man könnte das "deutsche" weglassen. Warum fragt man hier so oft "Do you like japanese natto"? Welches Natto soll ich den sonst (nicht-)mögen?

Aber das würde mir wahrscheinlich noch nicht einmal so auffallen, wenn in solchen, und ähnlichen, Diskussionen, nicht noch immer von Seiten der Japaner verstärkt das Wort "wir" eingsetzt würde. Eigentlich ein harmlose Wort, doch in diesem Zusammenhang bekommt einen etwas negativen Beigeschmack (wenn auch wahrscheinlich unabsichtlich). Da sind "wir", die Japaner und da seid "ihr", die Ausländer. "You know, we are doing this...", "we like this...", "we eat...", "we drink...", usw. Das ließe sich beliebig fortsetzten. In Deutschland würde man z.B. sagen (wie ich den Satz formuliere, zeigt eigentlich schon, worauf ich hinaus will) "In Deutschland ist man gerne Sauerkraut", aber wohl niemand würde sagen "wir essen gerne Sauerkraut", oder? Und das setzt sich bis in die Regionen fort. Selbst der stolzeste Bayer würde wohl sagen "in Bayern ticken die Uhren anders" und nicht "unsere Uhren ticken anders".

Diese Formulierung ist irgendwie neutraler, sie schließt letztlich beide mit ein, den Sprecher und den Angesprochenen, denn beide sind jetzt eben in Deutschland. "In Deutschland fährt man mit dem Auto auf der rechten Straßenseite", das gilt für Deutsche wie für Ausländer, wenn sie keinen Unfall bauen wollen. Zu sagen "we are driving on the left side" ist doch irgendwie absurd, oder? Das gilt doch wohl für alle Leute in Japan, egal woher sie kommen...

Aber da drückt sich wohl das hiesige Gruppendenken in diesem kleinen Wort "wir" aus. Wenn ich mir als Ausländer etwas von einem Japaner erklären lasse, dann sind wir halt nicht in der selben Gruppe, wenn auch in der selben Situation, was in dem Fall für einen Deutschen wohl das maßgeblichere wäre, wenn er in der umgekehrten Lage wäre. Irgendwie wäre das auch gar nicht so schlimm, wenn es nicht so etwas ausgrenzendes hätte. Schon das erste Wort in der Erklärung signalisiert einem, du gehörst nicht dazu. Du magst zwar hier sein, aber du gehörst nicht zu uns (egal wie inhomogen diese Gruppe "wir Japaner" auch sein mag). Wozu etwas lernen, sich an etwas gewöhnen, etwas mitmachen, sich einfügen, wenn man am Ende doch nicht mit eingeschlossen wird? Wenn einem schon vorher klar ist, dass man ein Ziel nicht erreichen kann, warum es dann versuchen? Manchmal ist es gar nicht so einfach, hier zu sein...

 

10. März 06

Regelwerke

von Gunda

Im Prinzip bin ich ja den meisten Verhaltensregeln hier in Japan nicht abgeneigt, weil sie das menschliche Miteinander ungemein erleichtern. Über merkwürdige Regeln haben wir trotzdem auch schon öfter berichtet. Im schulischen Kontext scheint sich das Absurde aber zu häufen:

Davon habe ich auch schonmal was geschrieben; Linda erweitert das jetzt durch ihre Erzählungen enorm. Erst wurde sie immerwieder von anderen Lehrern angesprochen, sie solle sich doch mal besser anziehen, jetzt steht die Abschlussfeier an. "Dress like for a funeral." lautete die Vorschrift. Aber nicht einfach nur schwarz. Nein, mit Rock und Absätzen und Perlenkette (!), aber am nächsten Tag doch die Info, daß sie helle Strumpfhosen und ein nicht-schwarzes Oberteil anziehen muß. In den letzten Tagen war Probe für die Feier. Vier Kontrollehrer standen an der Tür, um die Kleidung der Schüler zu checken. (Zwei für unten, zwei für oben.) Die "Guten" durften in die Halle, die "Schlechten" mußten in einen extra Raum, wo es vom Schulleiter einen wütenden Vortrag über Kleidung gab. "Wir sind Japaner und müssen stolz darauf sein und nicht so schlampig rumlaufen, wie die Ausländer." Pech, wenn die Japanisch können. Linda verließ wütend den Raum. Am Ende des Tages wurde sie dann noch gefragt, warum sie nicht ihre Sachen auch mit zur Kontrolle gebracht hat...

Dabei sind wir diejenigen, die sich hier ganz schön oft über irgendwelche Outfits wundern. (Andrea: "Die haben hier schon einen ganz eigenen Style.") Farb- und Musterkombinationen, die in westlichen Ländern als "unschön" gelten würden, finden sich auch in traditioneller Kleidung und Kimonos wieder, es werden Schnitte und Stile kombiniert, wie man es z.B. in Europa oder Amerika nicht machen würde. Und dann die Schuhe; wirklich ein Thema für sich: Runtergetretene Hacken oder Schlaufen, X-beiniges Schlurfen mit oder ohne High Heels (mit denen viele Frauen ganz offensichtlich eigentlich nicht laufen können), Kniestrümpfe zum Kostüm, Joggingschuhe zum Anzug und Strümpfe aller Farben zum schwarzen Anzug, wenn es regnet gerne auch mal Gummistiefel. (Und das ist immerhin alles "westliche" Kleidung...)

Kleidung scheint also auch mal wieder eines dieser kulturellen Mißverständnisse zu sein.

13. April 05

Krankes Japan

von Gunda

Das nur vorweg bemerkt: Die meisten Japaner sind unglaublich stolz auf ihre hochentwickelte Medizin mit allem, was dazugehört. Trotzdem boomt hier die "Self-medication", und fast jede Drogerie hat eine Apotheken-Abteilung mit frei verkäuflichen Medikamenten. Außerdem kann man im Convinience-Store alle möglichen Fläschchen mit dopingähnlichen Wässerchen kaufen, die stark aufputschen und dem Körper suggerieren, er sei gesund.
Trotzdem gehört Japan zu den Ländern mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung...

Wie schon in der Vergangenheit beschrieben, brauchte ich hier einen Arzt, der mir meine Medikamente gegen Migräne weiter verschreibt, weil meine deutsche Krankenkasse im Moment nur Rechnungen aus Japan akzeptiert. Kein Problem, meinte mein Arzt in Deutschland, meine Medikamente gäbe es da auch. Also hatte ich beim Umzug nach Japan eine Sorge weniger.

Nach und nach sind mir dann natürlich die Medikamente ausgegangen, obwohl ich schon einen ganzen Haufen (Zoll sei Dank) mit hierher gebracht hatte. Zuerst die Medikamente für einen konkreten Migräneanfall.
Als das Zeug zur Neige ging, hat Thomas für mich in der Ausländer-Mailingliste nach einem geeigneten Krankenhaus geforscht. Denn hier gibt es keine speziellen Arztpraxen, keinen ausgesuchten persönlichen Arzt, sondern nur (meist private) Krankenhäuser, die einfach vormittags Sprechstunde haben.

Der Mailingliste hatte Thomas den Namen und den Wirkungsort einer Englisch sprechenden Neurologin abgerungen. Also bin ich in das "Tsukuba Memorial Hospital" ("Tsukuba Kinen Byoin") gefahren. Der Bus, in den ich umsteigen mußte, fuhr nur einmal in der Stunde, und so hatte ich die Ärztin knapp verpaßt. Einen Tag später bin ich in aller Frühe aufgebrochen, um es noch einmal zu versuchen.

Wer sich jetzt vorstellt, daß man sich da irgendwo anmeldet, dann ein bischen wartet, drankommt und wieder rausgeht, ist von Deutschland ziemlich verwöhnt. (Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich mal schreiben würde, daß man in Deutschland verwaltungstechnisch verwöhnt werden würde!)
Nein, das ist doch etwas komplizierter:
Erst das Aufnahmeverfahren. Natürlich konnte keiner Englisch. Nach einer Weile war ein Angestellter gefunden, der von sich behauptete, Englisch zu können. Der radebrechte mir dann eins über die Aufnahme und organisierte einen Aufnahmebogen in Englisch, den ich ausfüllen mußte. Dann nahm er den Bogen, brachte ihn, mit mir im Schlepptau, zu der entsprechenden Abteilung und erzählte der dortigen Organisationsfrau, ich könne kein Japanisch. Japaner gelten ja allgemeinhin als zurückhaltend, was Gefühlsausbrüche angeht; aber davon hatte die Dame wohl noch nichts gehört, denn sie verdrehte die Augen nach oben und stöhnte hörbar. - Vielen Dank! Da fühlt man sich doch gleich willkommen...
Dann mußte ich eine Stunde auf dem mir zugewiesenen Platz warten, bis mein Name ("Gunda-sama!") aufgerufen wurde. Ich kam aber nicht etwa zur Ärztin, sondern durfte nur in den Bereich vor dem Sprechzimmer der Ärztin aufrücken. Da habe ich dann nochmal eine halbe Stunde gewartet und kam endlich dran.

Cimg531Die Ärztin bekam von mir artig meine Krankengeschichte erzählt. Dann legte ich ihr das englische Schreiben meines Arztes in Deutschland vor und sagte ihr, daß ich gerne die Anfalls-Medikamente verschrieben bekommen würde. Wenn sie Fragen zu der Medikation hätte, könnte sie ja gerne meinem Arzt eine Mail nach Deutschland schicken.
Da ich wußte, daß mein Verhalten für eine japanische Ärztin sehr Patienten-untypisch erscheinen mußte, war ich in Folge auf so ziemlich alles gefaßt. Der japanische Durchschnittspatient geht nämlich zum Arzt, sagt "Sensei, mir geht's nicht gut; machen Sie mich gesund." und den Rest muß der Arzt besorgen. Da werden keine fertigen Diagnosen auf den Tisch gelegt, keine Medikamente gewünscht und schon gar nicht das angezweifelt, was der Arzt sagt oder verschreibt. Zu Medikamenten gibt es keine Beipackzettel (außer mit Anweisungen), und immerhin wollen inzwischen schon 40% der japanischen Patienten es wirklich wissen, wenn sie z.B. Krebs haben...
Die Ärztin guckte lange auf das Schreiben meines Arztes, holte einmal tief Luft und meinte dann, diese Medikamente würde sie nicht kennen und müßte erst die Medikamenten-Abteilung anrufen. Sie verzichtete also darauf, mich in irgendeiner Weise zu untersuchen und rief in besagter Abteilung an, woraufhin sie mir sagte, daß es diese Medikamente in Japan nicht gebe. Ich war schon ganz verzweifelt; aber sie hatte mir in der Zwischenzeit eine Alternative auf ein Rezept geschrieben. - Ein Medikament, das ich kannte und das ich aus guten Gründen abgesetzt hatte. (Ich bekomme davon manchmal noch mehr Kopfschmerzen.) Entnervt verzog ich mich mit dem Rezept.

Dann holte ich meine Unterlagen von der Verwaltung ab, brachte sie zur Kasse, wo ich nochmal eine Stunde warten mußte, bis ich das Geld für die Behandlung bar auf den Thresen legen konnte. Aber damit war es nicht genug, denn meine Krankenkasse kann kein Japanisch; also brauchte ich eine Rechnung auf Englisch.
Das verstand natürlich wieder keiner. Also wurde der Angestellte geholt, der mir schon bei der Anmeldung geholfen hatte. Nach fünf Minuten hin und her hatte er endlich verstanden und verschwand. ("Other will do.") Dann wartete ich nochmal ungefähr eine Stunde, bis ein Anzugträger mir stolz seine selbstgefertigte Übersetzung präsentierte. Das haute mich fast vom Stuhl: Der Mann hatte EINE Stunde für die Übersetzung von DREI Wörtern gebraucht! Und war darauf auch noch ganz offensichtlich stolz!

Völlig genervt verließ ich das Krankenhaus und machte mir schon Pläne, was ich beim nächsten Mal tun würde, um das Ganze angenehmer zu gestalten.

Da waren die Leute in der Apotheke doch irgendwie angenehmer und pfiffiger. Ein älteres Ehepaar bei uns am Bahnhof, das mich wohl genauso nett fand, wie ich sie süß. Die konnten zwar auch kaum Englisch, hatten aber immerhin das hier doch seltene Talent zur Improvisation und Abstraktion. Am nächste Tag konnte ich meine Medikamente abholen, und sie hatten sogar einen Zettel auf Englisch vorbereitet, wo alles draufstand, was sie mir sagen wollten. - Ich war gerührt.
Als ich neulich mal etwas abgeholt habe und Thomas vor der Tür mit den Fahrrädern gewartet hat, ist die Frau mir unter einem Vorwand sogar extra noch hinterhergekommen, um Thomas anzugucken...

Tja, von dem Medikament bekam ich tatsächlich mehr Kopfschmerzen und stand deshalb bald wieder beim Krankenhaus auf der Matte. Vorher hatte ich mich mit meinem Arzt in Deutschland per Mail über mögliche alternative Medikamente ausgetauscht und kam also wieder mit einem Vorschlag an, was bei der Ärztin ein Stirnrunzeln erzeugte. Sie rief wieder in der Medikamenten-Abteilung an und teilte mir dann mit, dieses Medikament sei in Japan ganz neu. (In Deutschland gibt es das schon länger, und überhaupt gibt es dort nicht nur drei, sondern wesentlich mehr Medikamente dieser Sorte.) Sie zögerte noch ein bischen, weil sie es nicht kannte, verschrieb es mir dann aber doch und tauschte sogar das andere Medikament auf meinen Wunsch gegen ein anderes aus. - Mann, war ich mutig!

Die Verwaltungsprozedur hatte sich auch erheblich vereinfacht, weil ich seit dem letzten Mal eine Plastikkarte mit Magnetstreifen hatte, die man einfach nur in einen Automaten schieben......
und dann hilflos gucken mußte, weil alles auf Japanisch war. Toll einfach! Das änderte allerdings nichts an dem Aufenthaltsminimum von zwei Stunden. Nur, daß ich eine Rechnung auf Englisch brauchte, das mußte ich wieder ganz von vorne erkämpfen. - Offensichtlich konnte sich daran niemand mehr erinnern. Also habe ich bei einem meiner folgenden Aufenthalte gefragt, ob man das nicht irgendwo im Computer speichern könnte. Das hatte einen riesigen Aufruhr und weitere zwei Stunden Wartezeit zur Folge. (Was machen eigentlich Leute, die arbeiten UND chronisch krank sind? Nehmen die sich dann nen Urlaubstag? - Super Urlaub!)

Ab da lief soweit alles ganz glatt. Wären...
ja, wären mir nicht meine täglich einzunehmenden prophylaktischen Medikamente nicht auch langsam zur Neige gegangen. Naiv, wie ich war, dachte ich, ich könnte das noch schnell vor dem Urlaub erledigen. Also bin ich wieder mal ins Krankenhaus gefahren, wo ich nach der üblichen einstündigen Wartezeit von der Ärztin erfahren durfte, daß es in Japan kein Magnesium zum Einnehmen gibt und Vitamin B2 in meiner hohen Dosierung in Japan verboten sei. (Gut, in Deutschland mußte das auch extra für mich in Kapseln verpackt werden; aber es war immerhin nicht verboten.) Wieder mal rutschte mir kurzzeitig das Herz in die Hose. Würde ich diese Medikamente nicht bekommen, würden sich meine Migräneanfälle wohl verdoppeln.
Ich wandelte meine Verzweiflung schnell in Konstruktivität um und versuchte, zusammen mit der Ärztin eine Lösung zu finden. Das war für die arme Frau wohl zuviel der Kooperation, denn plötzlich wurde sie ganz weiß im Gesicht und schrie mich an, ich solle mir doch einen anderen Arzt suchen, wenn mir das nicht passen würde!
Für diesen professionellen Rat drückte ich an der Kasse ca. 20 Euro ab und verschwand in den Urlaub.

Auf dem Weg nach Hause überlegte ich mir, was ich tun könnte. Zu mehreren Ärzten und mir jeweils so viel verschreiben lassen, wie möglich? Aber dann müßte ich auch zu verschiedenen Apotheken. Und immer zwei Stunden warten und alle Behandlungs- und Fahrtkosten erstmal selber bezahlen... Nee. Zu aufwendig. Und Magnesium aus Deutschland schicken lassen? Bischen teuer...

Daß ich die Medikamente nicht hatte, rächte sich im Urlaub schon ganz gewaltig...

Als wir zurück waren, schrieb ich dem Arzt in Deutschland wieder eine Chaos-Mail. (Ich entschuldige mich hiermit ganz offiziell!) Die Lösung war überraschend einfach. - Daß ich da nicht selber drauf gekommen bin...
Bestellung per Internet! Bei meiner Recherche war ich doch sehr erstaunt, was für Sachen in den USA so frei verkäuflich sind. (Bei Pizza Hut USA konnte man sogar Pizza mit "added Nutrition" per Internet bestellen. "Eine Pizza Hawaii mit extra Vitamin C, Q10 und Vitamin B12, bitte!")
Jedenfalls habe ich dort das gefunden, was ich brauchte. (Liebe Gertrud, lieber Timo, bitte weglesen!) Das war alles unglaublich viel billiger als in einer deutschen Apotheke. Schnell war geklärt, daß mein deutscher Arzt das Präparat befürwortet und sie die Sachen auch nach Japan schicken. (Natürlich müssen wir das aus eigener Tasche bezahlen.) Also haben wir erstmal eine Packung bestellt, auf die ich nun schon zwei Wochen warte und mir langsam Sorgen mache, ob sie nicht vielleicht doch beim Zoll hängengeblieben sind.

Blieb nur noch das Problem mit dem neuen Arzt ungelöst.
Also bin ich heute ins "Tsukuba Medical Center" gefahren, das mir von Linda empfohlen wurde. (Mein drittes Krankenhaus seit wir hier angekommen sind.) Das war dann ja doch schon was anderes. Erstmal habe ich gleich zu Beginn die für das Serviceland Japan angemessene Anzahl von Leuten (3-4) beschäftigt, die sich um meine Aufnahme und den richtigen Arzt gekümmert haben. Unheimlich nette Leute, die fast Englisch konnten und unglaublich rührend bemüht waren. Zufrieden machte ich es mir im Wartebereich bequem, als der Verwaltungsmensch von der Aufnahme nochmal ankam um mir zu sagen, ich müßte wahrscheinlich ca. 40 Minuten warten. Von dem Umsorgen schon ganz eingelullt, sagte ich, das mache gar nichts und versank wieder in meinen Gedanken. Naja, unter einer Stunde...
Ich kam dann sogar schon nach 20 Minuten dran. Cimg532
Der junge Arzt konnte ziemlich gut Englisch und wußte sogar was über Migräne. Sollte ich diesmal endlich Glück gehabt haben?
Doch dann wurde ich plötzlich hellwach: Hm, ja, also, dieses Medikament, das würde er nicht kennen, da müßte er mal in der Medikamenten-Abteilung... - Seufz!!! Zum Glück hatte ich mein Apotheken-Tütchen dabei, mit dem ich beweisen konnte, daß das Medikament in Japan existierte. Jaja, sagte der Arzt höflich, er müsse aber erstmal klären, ob dieses Krankenhaus dieses Medikament überhaupt verschreiben dürfe. Waaaaaaaaaaaas??? Habe ich das richtig verstanden? Es gibt Medikamente, die ein Krankenhaus verschreiben darf und ein anderes nicht??? ("Authorisiertes Aspirin-Krankenhaus"...) - Das behielt ich natürlich erstmal für mich und versuchte es zur Abwechslung mal mit der japanischen Variante: Pokerface.
Verständnisvoll nickte ich und wurde dann vom Arzt vor die Tür geschickt. - Das könnte ungefähr 2-3 Stunden dauern. (Ich bin ja wirklich selten froh, daß ich hier noch keinen Job habe. Aber angesichts dieser Wartezeiten...) Zum Glück dauerte es nur eine halbe Stunde, bis mir der Arzt sichtlich erleichtert verkünden konnte, das Rezept läge schon bereit. Uff! Nochmal gutgegangen.
An der Kasse erwartete mich dann der nächste Schreck: Dieses Krankenhaus war fast viermal teurer als das andere! (Naja, ich hab ja auch anfangs viermal so viel Leute beschäftigt...) Und außerdem meinte der Mann an der Kasse, ich dürfte das Rezept nur in der krankenhauszugehörigen Apotheke nebenan einlösen. Ich erklärte ihm, daß ich das nicht könnte, weil ich nicht genug Geld dabeihätte und daß ich das Rezept gerne bei mir um die Ecke einlösen würde, weil das vielleicht bestellt werden müßte. Daraufhin rief der Herr bei meiner Apotheke an, ob sie das Medikament denn hätten oder bestellen könnten. (Schön, wie hier den Patienten geglaubt wird...) Ich bekam mein O.k. und zog mit dem Rezept (und einer problemlosen Rechnung auf Englisch) ab.

Was wohl nächstes Mal passieren wird? Und ob meine Internetbestellung irgendwann mal hier ankommt?

p.s.: Ich bedanke mich hiermit ganz offiziell bei Herrn Professor Göbel für seine engagierte Katastrophenhilfe per Mail!!! - Ohne Sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Wer mehr zu Migräne, dem Professor oder der dazugehörigen Klinik wissen will, findet hier alles, was das Patienten- und Angehörigenherz begehrt:

www.schmerzklinik.de

www.migraene-schule.de

14. März 05

White Day!

von Thomas

Auch wenn es so klingt und es offiziell ja noch Winter ist, der 'White Day' hat nichts mit Schnee zu tun, sondern mit jener schaumigen Süßigkeit, die man in Amerika 'Marshmallow' nennt und ist eine jener typisch japanischen Skurrilitäten.

Alles begann 1965 als ein japanischer Süßigkeitenhersteller die Idee hatte, dass man noch ein Gegenstück zum Valentinstag benötige. Denn in Japan ist es so, dass am Valentinstag die jungen Mädchen und Frauen ihren Angebeteten Schokolade schenken. Was liegt da näher, als eine Tag zu erfinden, an dem die Angebeteten sich bei ihren Herzdamen mit einem kleinen Präsent bedanken können.

So gab es dann am 14. März 1965 den ersten 'White Day', der zunächst allerdings noch 'Marshmallow Day' hieß, nach der Süßigkeit, die damals als Geschenk beworben wurde... Heute schenkt man nicht mehr nur Marshmallows, sondern auch Weißeschokolade oder andere Süßigkeiten oder macht kleine Geschenke anderer Art.

Nachdem nun Gunda mich am Valentinstag so reich beschenkt hatte (seufz), konnte ich natürlich, bei allem inneren Protest gegen so eine plumpe Kommerzialisierung, nicht anders, als mich zu revanchieren :)

So bin ich dann also in der Mittagspause los geradelt, um meine 'White Day' Geschenke zu besorgen. Hoffentlich gefallen... äh... schmecken sie auch.

200503141233 Unterwegs ist mir dann was über den Weg gelaufen, das einem Zeigt, dass Japan eben nicht nur oberflächliche und skurrile Dinge hervorbringt, sondern ein echtes altes Kulturvolk mit gewachsenen und noch lange nicht aus dem Bewusstsein verschwundenen Traditionen ist. Eine kleine Buddha-Statue, direkt an einer Kreuzung, mit ein paar, nicht mehr so ganz frischen Blumen davor. Ein, wie ich finde, schöner Kontrast, der unter anderem zeigt, worin der Reiz dieses einem immer so widersprüchlich erscheinenden Landes liegt...

19. Oktober 04

Fieber-Phantasien 2, „Das Märchen vom aus Versehen mitgenommenen Schirm“

von Gunda

Ziemlich hartnäckig, so eine Erkältung, aber bei Regen wunderte es wenigstens keinen, als ich eingemummelt gegen Mittag das Haus verließ. (Ach, Manfred … !)

Den Vormittag gab ich mich wieder meinen Gedanken hin, während ich das zweite Buch verkonsumierte und mir auch noch nebenbei Gedanken darüber machte, wo ich Nachschub herbekäme, wenn diese Erkältung noch viel länger dauern sollte.

Also, Radfahrer. Die fahren hier auf dem Bürgersteig. („Vernünftig,“ höre ich meinen Vater sagen, wobei er bei oben beschriebenen Autofahrern vielleicht sogar Recht hätte.) Radwege habe ich noch keine gesehen, manchmal gibt es hier in der Gegend noch nichtmal Bürgersteige. Wohin also mit dem Fahrrad? – Einfach drauflos. Um Fußgänger rum, oder doch mittendurch, quer über die Straße, auf allen Seiten, von allen Seiten. Ob mir wenigstens mal jemand irgendwann erklären könnte, ob es dafür irgendwelche Regeln gibt, die ich bisher noch nicht erkannt habe? Jedenfalls muß man vor Radfahrern immer auf der Hut sein, sonst kacheln sie einen mit einem freundlich lächelnden „Sumimasen!“ („Entschuldigung!“) glatt um. Vielleicht könnte man das nächste Mal ja den Regenschirm in die Speichen…

Aber, wo ich dann grad beim Regenschirm und beim Rausgehen war: Zu Mittag wollte ich mit Thomas zusammen essen und mußte wohl oder übel dazu aus dem Haus. Es regnete, und ich wollte, wie immer, meinen Schirm aus dem großen Gästehaus-Schirmständer am Eingang nehmen und losstiefeln. Der war aber nicht mehr da, so lange ich auch mit dem Portier suchte. Dafür bekam ich dann einen kaputten Schirm als Ersatz für diesen Tag, und am Abend war mein Schirm auch wieder da. Thomas meinte ja, den hätte eben jemand aus Versehen mitgenommen; aber inzwischen kann ich das nicht mehr glauben.

Das Erste, was ich hier in Japan getan habe, war, mir einen anständigen Schirm zu kaufen, den ich dann noch am gleichen Tag selbst kaputtgemacht habe. Also habe ich am nächsten Tag einen neuen gekauft, an dem ich dann auch zwei Tage Freude hatte, bis er seltsamerweise eines Morgens nicht mehr im Schirmständer des Gästehauses zu finden war. „Did you write your name?“ fragte mich der Portier. Woher sollte ich denn wissen, daß man seinen Namen auf den Schirm schreiben muß? Also habe ich einen neuen gekauft (den dritten in einer Woche) und Thomas’ Namen draufgeschrieben. (Der ist ja auch hier der „Haupt-Mieter“.) Tja, und nachdem der dann auch erstmal weg war, konnte ich nicht mehr so recht an das „Märchen vom aus Versehen mitgenommenen Schirm“ glauben. Während ich mit dem kaputten Ersatz-Schirm durch den Regen stapfte sind mir alle möglichen Verschwörungstheorien durch den Kopf gegangen…

Am nächsten Tag wollte ich sowieso nicht aus dem Haus; dafür war ein Taifun angesagt.

18. Oktober 04

Fieber-Philosophien

von Gunda

Sonne!

Aber das machte mir gar nichts aus, denn ich konnte ihr gekonnt durch eine heftige Erkältung in unser dunkles Appartment entfliehen. (Sagte ich schon, daß ich mich auf die Wohnung freue?) Irgendwie werde ich mich noch an das Klima hier gewöhnen. Aber in der kalten Wohnung ist das gar nicht so einfach.

Also habe ich ein Buch verschlungen, ein bischen rumgehustet und das gemacht, was man eben so macht, um eine Erkältung etwas angenehmer zu gestalten.

Wenn man so den ganzen Tag im Bett liegt, kommt man ausführlicher dazu, vergangene Eindrücke zu reflektieren. Da kamen mir also nochmal die japanischen Autofahrer in den Sinn.

Was ich da in den letzten Tagen so gesehen hatte, entsprach irgendwie nicht so richtig meinem Sicherheitsbedürfnis, was Straßenverkehr angeht: Kleine Kinder unangeschnallt auf dem Beifahrersitz oder auf dem Schoß des Fahrers / der Fahrerin, Hunde auf dem Schoß des Fahrers oder halb aus dem Fenster hängend, Minifernseher im Auto, die vom Fahrer während der Fahrt benutzt werden, Handytelefonate während der Fahrt … oder doch gleich SMS; da braucht man dann gar nicht mehr auf die Straße zu gucken. – Ich bin seitdem doch etwas vorsichtiger, wenn ich die Straße überquere…

Ja, und dann ist da noch der Umweltschutz. Mal eben für ’ne halbe Stunde in den Laden; das reicht für den durchschnittlichen japanischen Autofahrer noch lange nicht aus, um den Motor abzustellen. (Benzin kost’ ja auch fast nix in Japan…) Aber es kommt noch schlimmer: Autohäuser sind ja hier sowieso etwas kundenfängerisch ausgerichtet; aber daß bei jedem zweiten Auto der Motor läuft, damit der Blinker funktioniert und so vielleicht die Blicke der Kunden auf sich zieht, erschüttert mein deutsches Öko-Herz doch gewaltig.

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