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14. August 06

Kare Raisu

von Thomas

"Kare Raisu" ist die japanische Variante von Curryreis, besonders beliebt als "Katsu Kare", bei dem auf den Curryreis noch ein dick paniertes Schnitzel gepackt wird. Schmecken tut das Ganze, als hätte jemand mal indisches oder thailändisches Curry gegessen und versucht nun, es nachzukochen, ohne eigentlich genau zu wissen, was da reinkommt und stattdessen Zutaten verwendet, die er aus seiner gewohnten Küche kennt. Aber trotzdem ist es hier in Japan unheimlich beliebt (leider so beleibt, dass hier auch oft Curry beim Inder ein wenig nach "Kare Raisu" schmeckt...). In jedem Family-Restaurant gehört es zum Standard auf der Speisekarte und neben den vielen japanischen und chinesischen Nudelsuppenrestaurants, gehören die Kare-Shops zu den den meistbesuchtesten, wenn man mal ohne viel Aufwand und billig satt werden will, und das, wie eigentlich immer, bei trotzdem sehr guter Qualität.

Neben Japanern gehören vor allem auch die Gaijins zu den Liebhabern des "Kare Raisu". Das liegt wahrscheinlich daran, dass man es erstens an jeder Straßenecke bekommen kann, man zweitens das Gefühl hat, was halbwegs Vertrautes zu essen und drittens, man keine Stäbchen zum Essen braucht. ;) So haben wir das am Anfang auch gemacht, bis wir das Zeug nicht mehr riechen konnten (wir haben noch immer einige, inzwischen fast 2 Jahre alte, Packungen mit Instant-Kare zu Hause...), so haben es meine Cousine samt Anhang gemacht (wenn sie denn keine Sandwiches gegessen haben...), mein Kollege Manfred gehört seit seiner Zeit in Japan zu den Fans, Kollege Roland zelebrierte jeden Mittwoch das "Katsu Kare"-Essen fast so, als wenn's eine heilige Handlung wäre (wahrscheinlich musste das Brimborium sein, da er es eigenlich überhaupt nicht mehr ausstehen konnte...) und viele der anderen ausländischen Wissenschaftler hier am AIST machen es ebenso.

Und damit bin ich endlich beim Thema... In den letzten Wochen war ich recht häufig alleine essen, da Matsuura-san nicht mitgehen konnte (die Geschichte ist eigentlich einen eigenen Beitrag wert...) und auch heute war ich alleine, da Matsuura-san noch im O-bon Urlaub ist. Wenn man alleine Essen geht, hat man natürlich viel Muße, sich umzuschauen, was um einen herum so vor sich geht. Besonders interessant sind natürlich die Ausländer für mich. Und über die kann man schon sehr viel erfahren, wenn man nur schaut, was, wie und mit wem sie essen.

Die meisten essen natürlich irgendein beliebiges der zur Auswahl stehenden Gerichte, gerade wenn sie schon etwas länger da sind, in einer Gruppe sind, in der wenn möglich auch noch Japaner sind, aber viele kommen kommen auch kaum über die "Kare Raisu"-Phase richtig hinaus und wenn man sie öfter sieht, dann essen sie halt immer wieder das Gleiche. Das sind oft die, die entweder gar keinen richtigen Anschluss gefunden zu haben scheinen, oder der Anschluss nur aus anderen Ausländern besteht. Wie weit der Grad der Isolation ist, sieht man dann daran, wie sie das "Katsu Kare" essen: Mit Stäbchen! Wie auch ich in den ersten 2 Wochen, denkt sich der unbedarfte Ausländer, Japaner essen ja selbst Nudelsuppe mit Stäbchen, also auch das "Katsu Kare". Dem ist aber nicht so... Jeder Japaner isst seinen "Kare Raisu" natürlich mit dem Löffel, geht ja auch viel besser... Erst vorhin hab ich dann wieder so einen einsam dasitzenden Gaijin gesehen, der sich tapfer seinen mit viel Sosse durchmengten Reis mit den Stäbchen in den Mund schaufelte. Interessanterweise hatte er sogar einen Löffel auf dem Tablett, aber den hat er nur dazu benutzt, um den rot gefärbten Ingwer, der immer dabei ist, sauber vom Teller zu entfernen...
Ja, dieser Ingwer. Ich mag das Zeug auch nicht und es hat mich einige Zeit gekostet, herauszufinden, wie man den Frauen an der Essensausgabe klarmacht, dass man es nicht haben möchte. Da kann man mitunter dramatische Szenen beobachten. Ein (offensichtlich ein junger deutscher Gastwissenschaftler) stand einmal laut "no, no"  schreiend und wild mit den Händen gestikulierend vor mir in der Schlange. Die armen Damen von der Essensausgabe waren total erschreckt. ;)

Es gibt natürlich auch das andere Extrem. Die voll aklimatisierten Ausländer, die sich jede noch so unangenehme Beilage auf's Tablett packen, die Miso-Suppe mit groesserer Begeisterung schlürfen, als jeder Durchschnitts-Japaner, eine extrem elegante Stäbchentechnik beweisen und munter auf Japanisch mit ihrem Gegenüber plaudern. Aber das hat eher Seltenheitswert. Meist sieht man Auländer alleine oder in kleineren, manchmal auch grösseren Gruppen dasitzen, ganz ordentlich mit Stäbchen essen (manchmal gibt es auch einige, die sich wohl ganz bewusst nicht anpassen und alles mit Messer und Gabel essen, was aber beim dem japanischen Klebreis gar nicht so einfach ist), die gängigsten japanischen, chinesischen oder (pseudo-)westlichen Gerichte verputzen und sich auf Englisch, Französisch oder manchmal auch Deutsch miteinander unterhalten.

Den voll in eine japanische Gruppe integrierten Ausländer sieht man recht selten. Natürlich gibt es manchmal gemischte Gruppen, aber das ist eher selten und oft wirkt es dann sehr steif und wenig herzlich und vertraut. Heute z.B. habe ich zwei Ausländer mit etwa sechs Japanern am Nebentisch sitzen sehen. Die beiden erzählten sehr, sehr viel, zwei der Japaner machten ab und an eine Bemerkung dazu, der Rest blieb stumm (unterhielt sich, wohl aus Höflichkeit, auch nicht untereinander), lachte höchstens mal etwas dezent, wenn die Gaijins mal was Lustiges erzählten.

Irgendwie hat das ewtas Beruhigendes (vielleicht achte ich auch deshalb nur so darauf), dass es offensichtlich den meisten Ausländern hier nicht besser ergeht, als mir, was den persönlichen Kontakt mit den japanischen Kollegen angeht. Im Gegenteil, was Matsuura-san angeht, ist der Kontakt ja schon recht eng und auch über das reine Arbeitsverhältnis hinausgehend und wäre sicher noch enger, wenn die Kommunikation einfacher wäre...

Warum das alles so ist? Ich weiss nicht, das Naheliegendste ist wohl einfach die Sprach- und Kulturbarriere und daraus folgend die Unsicherheit der Japaner und natürlich auch die schlechte Anpassung der Ausländer an Japan, was es den Gastgebern nicht einfacher macht, ihre Hemmungen zu überwinden. Und dann kommt noch hinzu, dass obwohl Wissenschaft eigentlich eines der internationalsten Geschäfte überhaupt ist, viele der selbst etwas älteren japanischen Forscher einfach keine Erfahrung mit dem Ausland und Ausländern haben und extrem schlecht Englisch sprechen. Das wundert aber auch nicht. Zum einen gibt es einfach nicht viele Ausländer, dann vermeiden es die meisten der jüngeren, ins Ausland zu fahren und wenn sie dann mal doch auf eine Konferenz müssen, kommen sie aus den Koneferenzräumen kaum mal raus und wenn, dann nur als Gruppe; und Leute einfach ansprechen und diskutieren ist auch nicht so ihr Ding. Blieben nur private Kontakte. Aber woher sollen die kommen? Die meisten verbringen fast den ganzen Tag und den Abend oft bis in die Nacht bei der Arbeit, kommen auch oft am Wochenende her und Urlaub nehmen sie fast keinen, jedenfalls keinen im Ausland, sondern nur mal einen Kurzurlaub im Sommer irgendwo in Japan, oft bei der Familie.

Dabei sind sie ja durchaus neugierig. Wenn mal eine Unterhaltung aufkommt, wird ja gleich richtig nachgehakt, wie denn dieses und jenes anders als in Japan ist. Manchmal allerdings auch nur die Fragen, die ich inzwischen einfach nicht mehr hören kann,wie z.B. "Do you like japanese food?", wozu ich eigentlich nichts Ernsthaftes mehr sage (vielleicht sollte ich sagen, "Yes, katsu kare"...), denn das ist zu albern, wenn auch aus japanischer Sicht verständlich; die meisten denken ja offensichtlich wirklich, Ausländer mögen kein japanisches Essen...

Als wirklich schlimm empfinde ich inzwischen, dass es tatsächlich nach 2 Jahren einige Kollegen gibt, die noch nie ein Wort zu mir gesagt haben, noch nichtmal einen Gruss. Da gibt es Leute, die sehe ich jeden Tag und sie zeigen keinerlei Reaktion, weder in Worten noch Gesten, kein Anzeichen dafür, dass man von ihnen jemals wahrgenommen wird. Und das nicht nur bei den ganz jungen, sondern auch bei einigen Älteren oder auch einigen Verwaltungsleuten. Woran das liegt, weiss ich auch nicht. Das Grüßen ist sicher grundsätzlich keine wirklich lockere Sache in Japan, auch unter Japanern nicht und soweit ich weiss gilt es z.B. als höflicher, jemanden nicht zu grüßen, als ihn aus Versehen zweimal am Tag zu grüßen, aber nach fast 2 Jahren hätte es da bestimmt mal die ein oder andere Gelegenheit gegeben, wo man sich sich hätte sicher sein können, mich an dem Tag zum ersten Mal gesehen zu haben... Ansonsten kann eigentlich nur eine totale Unsicherheit der Grund sein (versteht der wohl, was "konichiwa" heisst, spreche ich "hello" gut genug aus, was mache ich, wenn der mich dann anspricht und ich irgendwas sagen muss, usw.), denn ansonsten kann ich es mir nicht erklären. Aber wer weiss, vielleicht hab ich ja auch irgendwas Abstossendes an mir... Dumm ist nur, dass ich merke, wie ich inzwischen selber abstumpfe und auch nicht grüße, sondern auch nur noch stur an den Leuten vorbeischaue. Hoffentlich gewöhne ich mir das in Deutschland schnell wieder ab...

Hmm, bischen abgeschweift inzwischen... Auf was man alles so kommt, wenn man einen Ausländer in der Cafeteria "Kare Raisu" mit Stäbchen essen sieht ;)

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