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« Kare Raisu | Start | Ja, ham die denn keine eigene verrückte Kultur??? »

15. August 06

Geschichten deutscher Ausgewanderter

von Gunda

Neulich hat mich ein Schüler gefragt, ob ich gerne wieder nach Deutschland zurückgehe, oder ob ich bleiben wollen würde.

Knifflige Frage, aber die Antwort war im Prinzip klar: Ich freue mich auf Deutschland, ABER ...
natürlich werde ich Japan sehr vermissen. Ja, ich möchte jetzt wieder zurück. Und zwar nicht, weil ich Japan plötzlich schrecklich finde, sondern weil ich bei mir ein interessantes Phänomen beobachte. - Ich fange an, den Kontakt und den Realismus gegenüber Deutschland zu verlieren und aus Erinnerungen zu leben. Dabei weiß ich ganz genau, daß sich Deutschland zwar nicht so rasend schnell verändert wie Japan, daß aber das Deutschland, das wir verlassen haben, auch nicht mehr in dieser Form besteht. Wir werden uns neu eingliedern müssen, und das betrifft fast alle Teile unseres Lebens. Das soziale Leben, die Kommunikation, die Arbeitsweise, die Freizeitgestaltung, das Auftreten im öffentlichen Raum, die Informationsbeschaffung, Einkaufen, der Umgang mit Geld, Restaurants usw. usw.
Auch Thomas hat gesagt, daß er, würde er noch viel länger hierbleiben, sich schlecht in die deutsche Forschung wieder einfinden, also auch dort den Kontakt verlieren würde.

Ich möchte nicht, daß mir das passiert, was ich bei einigen Deutschen in Japan gesehen habe, die schon sehr lange hier sind. Klar, manche haben es geschafft, zu beiden Ländern guten Kontakt zu haben oder sich eine eigene Welt geschaffen, in der sie zuhause sind. Aber es gibt auch diejenigen (und das ist die Mehrzahl), die quasi alles verloren haben. Sie sprechen gut Japanisch, finden aber keinen Zugang zur japanischen Kultur oder verlieren sich kritiklos darin; sie machen nur noch Urlaub in Deutschland, wo sie das sehen, was sie sehen wollen und noch von früher kennen. (Und ihre Erinnerung scheint sich mit den Jahren auch zu verändern.) Aber heimisch fühlen sie sich in keinem der beiden Länder. Sie sind zerrissen und frustriert. Da ist es für sie geradezu eine Wohltat, in Japan als Deutschland-Experte und in Deutschland als Japan-Experte befragt zu werden. Etwas anderes bleibt ihnen nicht. Und was da dann an Informationen herauskommt, ist manchmal wirklich haarsträubend. Ich habe z.B. gestern wirklich Probleme gehabt, tatenlos zuzusehen, wie meine eine ältere Kollegin unserem Chef von Deutschland erzählt hat. Hätte ich eingegriffen, hätte es wohl ziemlichen Krach gegeben...

Ähnlich verhält es sich mit vielen Japanern, die schon lange in Deutschland leben. Ich kann mich z.B. daran erinnern, daß mir ein japanischer Mitarbeiter im JDZB damals gesagt hat, er würde gerne, aber könne nicht mehr zurück nach Japan; es sei zu spät für ihn. Ich war sehr erstaunt über diese Aussage. Jetzt verstehe ich ihn. Dabei verändert sich Japan noch viel schneller als Deutschland. Auf allen Gebieten, z.B. auch bei der Kommunikation. Deshalb waren Bücher und Berichte von Leuten, die schonmal in Japan gelebt haben, zwar im Vorfeld wichtig und nützlich für uns (vorallem, um uns auf einen hohen Grad "Andersartigkeit" einzustellen), aber letztlich schon veraltet, als wir hier angekommen sind. (Bezeichnenderweise auch die Berichte von Japanern über ihr Heimatland...)

Und Manfred und Gertrud haben uns am Anfang ein Paket mit Dingen geschickt, die sie damals vermißt hatten, man hier aber schon längst größtenteils kaufen konnte...

Wenn wir nach Deutschland zurückgehen, wird auch unsere Sicht auf Japan veralten und sich in der Erinnerung verändern. Aber mir ist es lieber, daß es in diese Richtung passiert, als daß ich irgendwann das Land verliere, in dem ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Und schließlich haben Thomas und ich uns immerwieder neu entschieden (d.h., es war die ganze Zeit klar), daß wir den Rest unseres Lebens (wenn nichts dazwischen kommt) in Deutschland verbringen wollen, weil es für uns doch irgendwie mehr Heimat ist, als jedes andere Land. (Wie fremd man sich allerdings auch in Deutschland fühlen kann, habe ich gemerkt, als ich ein Jahr lang in Dortmund gewohnt habe.)

Alles in allem kommt es immer und überall auf der Welt darauf an, in sich selbst heimisch zu sein und sich die entsprechende Umgebung selbst zu schaffen. Das habe ich hier in Japan gelernt. Ich scheine das inzwischen zu können, ein Zuhause zu schaffen. Und letztlich sind Thomas und ich uns auch gegenseitig ein Zuhause. Ob wir nun in Berlin wohnen, in Arakawaoki oder in Bonn...

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Folgende Weblogs beziehen sich auf den Eintrag Geschichten deutscher Ausgewanderter:

Kommentare

Allgemein denke ich das man in die Heimat zurückgehen sollte wenn einem Zweifel plagen.

Etwas zu den Auswanderern. Ich bin, bei dem was du schreibst etwas ins stocken geraten. Da ich selber Ausgewandert bin und mich in beiden Kulturen zu hause fühle. Ich führe eine Japanisch - Deutsche Ehe und tauche sehr tief manch mal zu tief in die Japanische Kultur ein. Hab eine Frage sind es Japanisch - Deutsche Paar oder Deutsche Paar über die du geschrieben hast?

Beste Grüße.
E.B.

Ich habe mehrere Paare erlebt, meistens aber "gemischte". (In dem konkreten Fall war es ein deutsch-japanisches Paar.)

Aber versteh mich bitte nicht falsch; das kann alles prima klappen. Es kommt ja bei allem immer darauf an, wie der Einzelne es angeht.

Wichtig finde ich eben nur, daß man nicht einfach die neue Kultur annektiert, sondern auch seine alte und damit seinen Ursprung behält. Und das kann man nur, wenn man auch in die "neue" deutsche Kultur immerwieder tief einsteigt. (Auch, wenn das, was man da manchmal sieht, nicht unbedingt schön ist...) Andersrum ist es auch gefährlich; wenn man das Gefühl hat, sich gegen die Kultur des Partners wehren zu müssen oder sie lieber ignoriert. Und Kultur ist eben auch ein Gefühl, das sich verändert. Das hat für mich kaum mit Weihnachten, Fachwerkhäusern, O-bon oder Matsuris zu tun, was ich gemeint habe.

Und in beiden Ländern als Experte für das jeweils andere Land angesehen zu werden hat ja auch was Verführerisches. - Überall ist man exotisch und "Fachmann". Die Leute schauen zu einem auf. Da kann man schonmal leicht vergessen, daß die eigene Sicht auf das jeweilige Land auch immer subjektiv gefärbt ist und sich durchaus mit den Jahren unrealistisch verändern kann. Der Mensch gegenüber weiß ja über z.B. Deutschland fast nichts. Also kann man sowieso erzählen, was man will. Wenn man etwas charakterschwach und wenig selbstkritisch ist (was Du hoffentlich beides NICHT bist...), dann kann man dieser Macht schonmal erliegen, die einem andere so bereitwillig geben.

Ich wünsche Dir wirklich ganz ganz viel Glück, daß Du es schaffst, weder frustriert noch unrealistisch zu werden.

Vielen Dank. Ich werde an deine Worte denken :-)!

Bei mir ist es vielleicht auch nicht ganz so kritisch. Da ich kein Experte der Deutschland und auch keine Experte der Japan bin auch sicher nie werden werde.

Noch dazu kommt das ich die Japanische Sprache keineswegs beherrsche.

Was zusammen genommen und noch dazu in Japan lebend. Sicher den ein oder anderen Japan Experten zum Kopfschuettelnden wegschauen animieren wird, was mich aber relativ kalt laesst.

Eine gesunde Mischung aus beiden Kulturen ist in meinen Fall sicher das Beste. Zumal ich das Glueck habe in eine Familie geheiratet zu haben die alles andere als Traditionell Japanische ist. Was das Ganze fuer meine Frau und mich sicherlich leichter macht als fuer andere Paar.

Viele Gruesse
E.B.

Du schaffst das schon!

Immerhin denkst Du über das alles nach und ergibst Dich dem nicht unbesehen. Damit bist Du schonmal einen riesigen Schritt weiter als manch andere.

Auch ich zaehle wohl zu Leuten wie Blueschi (Gruss an dieser Stelle, ich kenne ihn und seine Frau).
Japanisch-deutsche Ehe, Auswandern auf unbegrenzte Zeit. Ich spreche hier in Japan zu 90% auf Japanisch, 5% Englisch und maximal 5% Deutsch. Kurios, aber ich arbeite fuer ein Internetportal hier, da ich sowohl Englisch als auch Japanisch fliessend beherrsche. Deutsch? Kann ich bei meiner jetzigen Firma nicht benutzen. Ich denke auf Japanisch, fluche auf Japanisch (manchmal auf Russisch oder Englisch; nur wenn es ganz schlimm wird auf Berlinerisch).

Die Bemerkung mit veralteten Erinnerungen an Deutschland finde ich interessant. Habe ich auch oft erlebt, aber das ist eine andere Welt. Hier ein typisches "Weltbild": Alm, Kuehe, Oktoberfest, Trachten, Ingenieurskunst, 36-Stunden-Woche (am unbegreiflichsten), Heimattuemelei. Das ist nicht Deutschland wie ich es erlebt habe. Jedenfalls selten. Was mir als permanentem Reisenden, der lange in der als trist geltenden Stadt Halle/Saale gelebt hat, vor allem in Erinnerung bleibt sind Dinge wie: Graffiti ueberall, aus Spass zerkratzte Strassenbahnfenster, allnaechtens umgekippte Muelleimer in der Fussgaengerzone, extrem frustrierte Menschen, ein Luxus-Supermarkt, der immer voll ist aber keiner was kauft usw. usf.
Nun sehe ich Japan keineswegs mit der rosaroten Brille. Oder um es kurz zu fassen - ich bin kein sonderlich grosser Japan-Fan. Eher wuerde ich in Tschechien wohnen wollen oder Sueditalien oder was weiss ich.
Aber ich bin der Meinung, so lange man seinen Humor nicht verliert und den Kontakt zu Leuten, die einem wichtig sind in Deutschland, sind nicht alle Bruecken abgebrochen.
Und die Entscheidung, ob und wann es zurueckgeht in die Heimat, kann man in einer internationalen Ehe nicht einfach so treffen - erst Recht nicht, wenn man Kinder hat. Also Augen zu und durch. Und ehrlich gesagt - da ich fliessend Japanisch spreche, fuehle ich mich nicht unbedingt fremd hier. Man gewoehnt sich an fast alles. Ausser an Natto vielleicht.

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