Google
Web Blog

Aktuelle Fotos

Leute in Japan

Links

Aktuelle Weblogs

« Ja, ham die denn keine eigene verrückte Kultur??? | Start | Ein Tag am Strand »

18. August 06

Der vorletzte Besucher

von Thomas

Eigentlich hatten wir ja nur noch mit einem Besucher aus Deutschland gerechnet, naemlich mit Manfred (dem Hauptschuldigen an unserem Aufenthalt hier in Japan). In der naechsten Woche sind wir naemlich in Kyoto, fuer mich eine Dienstreise wegen einer Konferenze, fuer Gunda und mich zusammen aber auch der letzte grosse Urlaub hier in Japan, und dort treffen wir viele alte Bekannte, z.B. meine beiden Exkollegen aus Japan, Roland und Lee (inklusive naturlich Rolands Freundin Petra und der Familie von Lee) und meine gesamte Exarbeitsgruppe aus Berlin, naemlich Manfred, Takuya, der ja wieder in Japan ist und Dhuong, der ebenfalls wieder in seinem Heimatland, in Vietnam, ist. Manfred faehrt dann nach der Konferenz noch nach Tokyo und kommt natuerlich auch zu uns, nach Tsukuba.

Soweit der erwartete Ablauf. Jetzt hat sich allerdings noch ein weiterer Kollege aus Berlin dazwischen geschoben, der hier in Tsukuba zu einem Workshop eingeladen war. Das haben wir erst am Montag erfahren und am Mittwoch war er dann auch schon da. Gunda und ich sind dann am Abend mit ihm essen gegangen und heute war ich nochmal hier bei der Arbeit mit zum Essen in der Cafeteria.

Das interessantes an solchen Besuchen ist es ja immer, zu erfahren, wie Japan auf die Leute wirkt, vor allem, wenn sie, wie auch in diesem Fall, vorher noch nie hier waren und sich auch gar nicht naeher damit beschaeftigt haben.

Was ist ihm aufgefallen? Zunaechst einmal die grosse Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit, was mir wieder bewusst macht, wie sehr wir uns schon daran gewoehnt haben. Klar, mir ist es auch zu warm und zu feucht, aber ich empfinde den Sommer doch eher als kuehler, denn im letzten Jahr, was vor allem an dem vielen Regen liegt. Es ist nachts bei weitem nicht so drueckend, wie im letzten Jahr und eigentlich, empfinde ich den Sommer, weil es eben so oft regnet, eher als Reinfall...

Was noch? Natuerlich viele "Standards"... Die extreme Hoefflichkeit, die hohe Zuverlaessigkeit, die wesentlich weniger aggressive Atmosphere, Ruecksichtnahme im direkten Umgang miteinander, die hohe Qualitaet des Essens bei vergleichsweise geringem Preis, die Vorteile einer echten Dienstleistungsgesellschaft, die "Schlafkrankheit" der Japaner, usw. Kurz, vieles, was man eben so von Japan erwartet und einem das Land als sehr angenehm erscheinen laest (und er war auch letztlich sehr angetan vom Land).

Waehrend das jetzt nicht so interesssant und ueberraschend ist, war eine Sache, die ihm gleich bei der Fahrt vom Flughafen her aufgefallen ist, doch sehr gut beobachtet. Naemlich der extrem hohe Grad der Verwestlichung beziehungsweise speziell der Amerikanisierung, die ihm jetzt speziell beim Betrachten der Bebauung aufgefallen ist. Und das stimmt, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, dann koennte ich mich auch irgendwo in Amerika befinden, ein Lokal neben einem Autohaendler,  dann wieder  irgendein Grosshaendler, dann wieder ein Lokal, usw.  Das ganze schnell hochgezogen, mit wenig  Sinn fuer Staedteplanung und Aesthetik, hauptsache schnell und billig. Dazwischen immer mal wieder ein paar verlassene Schrottbuden, dann wieder ein schicker Neubau. Ja, so sah das in den Aussenbezirken von San Jose auch aus und ebenso in den kleinen Staedten rund um Seattle. Woran die Japaner sich da orientiert haben, sieht man recht schnell und ein Haus, dass noch ein typisch geschwungen japanisches Dach hat, wirkt hier fast so exotisch, als wenn es im Schwarzwald stuende...

Im Fernsehen ist ihm das auch aufgefallen, der selbe Schund an niveaulosen Schows, billige Serien und Filme, noch mit japanischen Hintergrund, aber von der Machart her einfach nur westlich/amerikanisch.

Und so zieht sich das ja durch alle Lebenslagen. Das man soviele dicke japnische Kinder sieht, liegt bestimmt nicht am uebermaessigem Sushi-Konsum, sondern eher an der doch unaufhaltsamen Verbreitung von McDonalds, Starbucks, usw... Am extremsten faellt es mir ja immer noch bei der Mode auf, denn was ist das denn, was Gunda da letztens beschrieben hat? Es ist Wirklichkeit gewordenes amerikanisches Fernsehen und Kino. Die knappen Outfitts, die Sonnenbraeune, der Hang zu Edelmarken, das extreme Aufdonnern mit Makeup usw... Und da es ja keine Rueckkopplung mit der westlichen Wirklichkeit gibt (denn wer laeuft dort schon wirklich auf der Strasse rum, wie Paris Hilton und Co. und welcher Japaner weiss das aus eigener Erfahrung...), sondern nur die aufpolierte Version aus den Medien, gibt das dem Ganzen hier doch etwas Unwirkliches, Uebersteigertes, oder, wenn man es eher positiv sehen will, spielerisches.

Will man es pessimistisch sehen, dann koennte man auch sagen, man sieht dabei zu, wie sich eine interessante, erfolgreiche und eigentstaendige Kultur in die Karrikatur einer anderen, ihr eigentlich wesensfremden und in ihren Werten inkompatiblen, verwandelt...

|

TrackBack

TrackBack-Adresse für diesen Eintrag:
http://www.typepad.com/services/trackback/6a00d83421cd7b53ef00d834df167469e2

Listed below are links to weblogs that reference Der vorletzte Besucher:

Kommentare

Gunda

Anmerkung:
Der letzte Satz von Thomas ist nur deshalb so interessant, weil er sich gerade mit sprachlich ähnlich wüsten Dingen in Form von mindestens 2500 verschiedenen deutschen Formularen rumschlagen muß, die seiner Vertragsunterzeichnung im öffentlichen Dienst vorausgehen.

Hamu

Sehr schade das zu lesen. Auch wenn es mich nicht wundert, findet eine Amerikanisierung in (fast) allen europäischen Industriestaaten statt.
Aber besonders schade ist es schon in Japan. In einem Land, dessen Kultur so einfach anders und gerade so faszinierend ist in unseren Augen.

Die Kommentare dieses Eintrags sind geschlossen.

März 2007

Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31  

Rechts

Statistik

Pagerank erhoehen
Blog counter - free blog (homepage / website) visitor hit tracking and statistical system