Priester vertreten
von Gunda
Bei meiner Vertretungsstunde kam heute der Schüler in den Raum: Kariertes Hemd, Jeans, Brille, Stoppelschnitt und abgeknabberte Fingernägel. Irgendwie ein ganz normaler junger Mann im Prinzip. Dann die Überraschung: Er ist buddhistischer Priester und will in Wien in Tibetologie promovieren.
Na, da war ja die Stunde gelaufen. Bzw. die vier Stunden, in denen er mir von seinem Leben erzählt hat:
Er
wurde in einem Dorf in der Nähe von Osaka geboren und hat mit seinen
Eltern, Großeltern und seiner Schwester in einem buddhistischen Kloster
gelebt, das zuerst der Großvater geleitet hat, dann der Vater. Seit
seiner Geburt war es der Wunsch seiner Eltern, daß er Priester werden
und das Kloster übernehmen sollte. Doch erst sollte er eine gute
Ausbildung bekommen und wurde in eine Oberschule in Yokohama geschickt,
wo er zunächst bei der Tante, später im Schülerwohnheim gewohnt hat.
Als es an's Studieren ging, entschied er sich zunächst gegen das
Priestertum. Da er sich aber für Religion interessierte, studierte er
Buddhismus. Währenddessen kam er auf die Idee, daß Wissen allein nicht
genügt und er nur auch durch Spiritualität den Buddhismus vollständig
durchdringen könnte. Also ist er doch Priester
geworden. (Die dürfen seit der Meiji-Zeit auch heiraten...) Nach seinem
Aufenthalt in Wien übernimmt er das Kloster mit angegliedertem
Gästehaus und will eine Homepage (auch auf Deutsch) für das Kloster
erstellen, das seit ca. einem Jahr Weltkulturerbe ist.
"Die Zeit
in Wien ist mein Urlaub," hat er gesagt. Und: "Ich lerne Sprachen, weil
ich so viel über meine Kultur und Religion zu erzählen habe."


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