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13. Juli 06

Die Kannomushi-Kinder

von Gunda

Kan = Hitzköpfigkeit, Jähzorn, Erregbarkeit, Reizbarkeit, Nervosität (übrigens mit dem Radikal für "Krankheit" im Kanji)
Mushi = Insekt

Von Kannomushi sind Kinder befallen, die nicht nur besonders unruhig sind, sondern auch besonders wißbegierig, bzw. mitteilsam. Kannomushi bewirken, daß Kinder nicht sind, wie japanische Kinder sein sollen: Brav, hübsch, angepaßt, still. Überragendes Wissen oder gar Intelligenz sind da doch eher unangebracht.

Es gibt ein japanisches Sprichwort, das ungefähr folgendes besagt: "Auf den Nagel, der heraussteht, schlägt man drauf." Das bedeutet ein hartes Los für Individualisten, Kreative, Hochbegabte.

Die japanische Gesellschaft funktioniert mit diesem System der breiten Massen und der Gruppenzugehörigkeit sehr gut. D.h., hat funktioniert, muß man schon beinahe sagen. Denn mit der immer stärker werdenden westlichen Kultur wird der Wunsch nach einem selbstbestimmten individuellen Leben bei jungen Japanern immer stärker. Das steht oft in einem starken Kontrast zu Schule und Elternhaus. Japan hat die weltweit höchste Rate an Schülersuiziden, viele Kreative suchen sich im unübersichtlichen Tokyo ("In Tokyo hat man keine Nachbarn." - Damit ist die Gemeinschaft gemeint.) eine Nische, manche wandern aus.

Aber ich glaube, daß sich in den nächsten Jahren viel ändern wird. Auch, wenn das vielleicht ein weiterer Schritt von der japanischen weg, hin zur westlichen Kultur sein wird.
Es besteht also noch Hoffnung, daß junge Eltern die Energie der Kannomushi erkennen und fördern werden und damit Japan eine zusätzliche Kraft geschenkt bekommt.
Doch bis dahin werden an vielen Tempeln und Schreinen weiter Omamoris verkauft, die Kannomushi bekämpfen sollen...

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Folgende Weblogs beziehen sich auf den Eintrag Die Kannomushi-Kinder:

Kommentare

Aber ich weiss immer noch nicht, ob ich diese Veraenderung gut finden soll... Man kann nun nicht gerade sagen, dass die momentane japanische Gesellschaft als Ganzes nicht funktioniert und aus dem allgemeinen Wohlergehen, ergibt sich ja letztlich auch eine bessere Situation fuer den Einzelnen. Was nuetzt einem die Moeglichkeit, in Deutschland seine Individualitaet zu leben (was, nebenbei gesagt, ausser vielleicht in Grossstaedten wie Berlin, auch gar nicht einfach bis unmoeglich ist), wenn das direkt in die Arbeitslosigkeit fuehrt?

Und vielleicht ist der Weg in Japan in Schule und Universitaet haerter, als in Deustchland, aber letztlich weiss ich gar nicht, ob sich am Ende nicht eher noch mehr der wirklich guten Leute durchsetzen.

Nimm z.B. die Physik. Die Top 3 laut dem Science Citation Index kommen aus Japan und wenn ich sehe, wie z.B. den guten Leuten in unserer Gruppe quasi ein roter Teppich hingelegt wird, dann ist erscheint mir die Moeglichkeit, hier ein Karriere zu machen, viel groesser. Das ist halt der Vorteil des patriarchalen Systems, bei dem der Kopf an der Spitze dafuer sorgt, dass einmal ein Erbe fuer ihn da ist.

Aber weg von der Wissenschaft, wie viele z.B. kreative Filmleute gibt es in Japan, die auch international anerkannt sind und wieviele deutsche gibt es da? Oder nimm deinen Lieblingsschriftsteller Murakami. Welcher deutsche Autor ist bei einem so breitem Publikum international aehnlich erfolgreich?

Wenn man die Resultate vergleicht, dann steht Japan Deutschland sicher im Schnitt in nichts nach, und das ist auch ein Resultat einer funktionierenden Gesellschaft. Aber nicht nur, denn Japan ist kein dumpfer Ameisen staat, es gibt an den richtigen Stellen letztlich auch die guten Leute, die da hinghoeren. Nur wie sie dahin kommen, ist eine andere Methode, als bei uns.

Und was wuerde Japan gewinnen, wenn es die europaeische Individualtiaet komplet uebernimmt? Egoismus, Neid, Missgunst, Respeklosikeit, Kriminalitaet, Unsicherheit, usw.

Man sieht es doch schon jetzt, bei den jungen Leuten, die die westliche Individualitaet uebernehmen, es sind zwar erst nur Kleinigkeiten, wie dass man seinen Abfall einfach ueberall liegen laesst oder man es auch cool findet, Waende zu beschmieren, das man sich in der Bahn hinwirft, als gehoert einem das Abteil alleine, man seinen ipod so aufdreht, dass man es 10m weiter noch hoert, man ruecksichtsloser im Strassenverkehr wird, usw...


Ich weiss nciht, ich faende es traurig, wenn einer der wenigen erfolgreichen Gegenentwuerfe zum westlichen Lebensstil noch weiter verschwinden wuerde...

Ich verstehe Deine Kritik, und zum Teil hast Du damit auch irgendwie Recht.
Ich habe aber nie behauptet, daß Japan Deutschland in irgendwas nachsteht. Auch in Deutschland muß, gerade in der Begabtenförderung, noch viel getan werden.

Aber kannst Du Dich an eine spezielle Sorte japanischer Männer zwischen 50 und 70 erinnern, die man in der Bahn ungewaschen rumliegen, rotzen, rülpsen, essen, trinken und schlürfen sieht und hört? Das sind genau die gleichen, die den Frauen in der überfüllten Bahn an den Hintern fassen und meinen, es wäre ihr gutes Recht, das zu tun. Das ist nur ein Beispiel und zeigt, daß eine Gesellschaft, die wegguckt, weil es sich auf Alter und Status beruft, bzw. einfach keinen Ärger will, nicht unbedingt für alle angenehmer ist.

Klar gibt es in Japan intelligente Leute, die an der richtigen Stelle sind. Aber machen wir uns nichts vor, da kommt man fast nur hin, wenn die Familie entsprechend Kohle vorher abgedrückt hat, um die teure gute Schule zu bezahlen. Deshalb kann man auch prima mit dem Müllmann am Bahnhof über Philosophie diskutieren.

Zur Qualität des Studiums: Ich kann mich daran erinnern, Leute mit Universitätsabschluß nach Inhalten ihres Studienfachs gefragt zu haben und war regelrecht geschockt, wie wenig sie wußten. - Das ist die andere Seite der Medaille. Daß man nach der Aufnahmeprüfung an der rennomierten Uni schon quasi seinen Abschluß in der Tasche hat.

Sitzenbleiben und Sonderschulen oder andere Differenzierungen gibt es an japanischen Schulen nicht. Das muß schon auch zu Problemen führen. Und wenn sich die, die das System nicht überleben würden, schon vorher selbst ausrotten, klappt das natürlich letztlich...

Und Murakami lebt, wie viele, den größten Teil seiner Zeit im Ausland.

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