Die tierlieben Japaner
von Gunda
... gibt es sogar manchmal. Mari z.B. hat einen Hund und Wellensittiche und findet, genau wie ich, die Situation in unserem gemeinsamen nächsten Tiergeschäft eine Katastrophe. Kranke Tiere in Käfigen, in denen sie sich manchmal nichtmal umdrehen können, Vögel, die sich selbst die Federn ausrupfen... Mir hat es fast das Herz gebrochen, als ich in diesem Laden war. Dazu gibt es noch Zubehör, das zwar nicht artgerecht, dafür aber originell ist. Man kann Spielzeugstädte oder -wohnungen im Käfig oder Aquarium errichten, die viel Platz wegnehmen, aber für die Tiere kaum brauchbar sind.
Aber das ist nur der Anfang meiner Geschichte.
Ich habe noch nie in meinem Leben so viele ungesund aussehende und schlecht gehaltene Tiere gesehen, wie in Japan. Angefangen dabei, daß außerhalb von großen Städten fast jedes dritte Haus einen Kettenhund hat, der in Regen und Hitze vor sich hinvegetiert und teilweise zwischen Gerümpel oder Müll "wohnen" muß bis hin zu besseren Vogelvolieren, in denen Katzen den ganzen Tag über schutzlos dem Wetter ausgesetzt sind. Auch Vögel werden in teils verdreckten Volieren und ohne Schutz vor dem Wetter gehalten. Und eine Freundin warnte mich davor, in Japan in den Zoo zu gehen; das sei grausig. Nun, wir waren mal in einem kleinen Stadtteilzoo. - Es war grausig...
Hunde gelten in der Großstadt Tokyo als Statussymbol. Je größer der Hund, desto größer die Wohnung. Wohl dem, der sich von zwei riesigen Hunden durch sein Wohnviertel schleifen lassen kann. A propos "Hunde": Die werden auch sehr gerne mit T-shirts und ähnlichem "bekleidet". Wenn man es sich leisten kann, natürlich gleich vom teuren Designer. Und natürlich laufen die Hunde auch nie ohne Leine rum. (Was gut ist, ist, daß die Hundebesitzer immer brav alle Häufchen aufsammeln, die ihr Hund macht.)
Ich kann mich auch noch lebhaft an die geschockten Diskussionen erinnern, die der Aquariumsbesuch in Osaka bei einer deutschen Delegation ausgelöst hatte. (Die wollten dann gleich mit der japanischen Delegation über Walfang diskutieren, was die Dolmetscherin gerade noch verhindern konnte.)
Ach ja, und dann gibt es da noch jeden zweiten Grundschüler, der mit Begeisterung eklige Riesenhirschkäfer in einem winzigen Terrarium als Haustier hält und eigentlich gar nicht weiß, was die so fressen. Und im Sommer werden mit dem Fangnetz Insekten gefangen und in kleine tragbare durchsichtige Kästen gesperrt, bis sie irgendwann eingehen.
Kommen wir zum Essen. Das ist nämlich nur so richtig frisch, wenn es zumindest beim Kochen noch zuckt. Thomas hatte ja neulich schon beschrieben, daß wir mit Grausen im Fernsehen gesehen haben, wie Aale lebendig auf ein Grillrost geworfen und geröstet wurden. Auch Sashimi (rohe Fischscheiben) ist besonders angesehen und teuer, wenn die Fische erst beim In-Scheiben-Schneiden getötet werden. Als Beweis für die Frische bekommt man im Nobelrestaurant einen Teil des Fisches (meist den Schwanz) als Deko mit auf die Servierplatte, der noch zuckt.
Das erinnert mich an diese gräßliche Fernsehshow, wo eine Frau vom Fischerboot aus mit einer riesigen Harpune einen Tintenfisch "angelte", um ihn dann bei lebendigem Leibe verspeisen zu wollen. Natürlich umschloß das Tier ihren Kopf mit seinen Fangarmen und saugte sich daran fest, sodaß sie fast erstickt wäre. Und alle standen drumrum und fanden das irre komisch.
Während man in Europa lieber nicht sehen will, wo das Stück Fisch oder Fleisch auf dem Teller denn herkommt, kann man hier auch gerne mal im Restaurant einfach nur einen Fischkopf bestellen oder bekommt Schweineohren oder -nasen präsentiert. Und auf Straßenfesten gibt es rot gefärbte gegrillte kleine Tintenfische zu kaufen.
Und dann gibt es ja auch noch die tierlieben Leute auf Miyajima, die ihren Reisabfall zu Keksen für die Rehe verbacken, damit die Touristen ihren Spaß haben und die gefräßigen Tiere die unzähligen Souvenirläden in Ruhe lassen. (So viel zum Thema "natürliche Auslese"...) Aus dem gleichen Grund werden ihnen auch die Geweihe abgesägt. Aber sie sind trotzdem so aggressiv, wenn sie Futter wittern, daß viele Touristen vor ihnen fliehen. Nähert sich doch mal ein Reh einem der Läden, wird es mit einem Besen rausgejagt. Das ist schon auch sehr bildhaft für das Verhältnis vieler Japaner zu Tieren: Sie sind willkommen, wenn sie süß oder nützlich sind und werden umgebracht oder verjagt, wenn sie stören.
Nützlich sind sie z.B. bei der "Dolphin Wedding", bei der man vor einem Delphin heiraten kann. Dafür ist das Becken dann bestimmt sehr eng, um zu garantieren, daß man auch wirklich das Tier zum richtigen Zeitpunkt an Ort und Stelle hat.
Klar gibt es hier auch Vegetarier. Vorwiegend welche, die das aus religiösen (Buddhismus) oder gesundheitlichen (Magen- oder Hautkrankheiten) Gründen sind. Einige sehr radikale buddhistische Kaiser haben sogar in der Vergangenheit (Und das ist wirklich sehr sehr lange her...) den Verzehr von Tieren gesetzlich verboten. Aber schon alleine der Bedarf eines kaiserlich ausgesprochenen Verbotes beweist ja schon, daß der Verzehr von Tieren in Japan genauso zum Alltag dazugehört hat, wie in anderen Ländern. Japan ist in seinem Ursprung ein Fischervolk, das auf einer Insel im Pazifik lebt, auf der man aufgrund des feuchten Wetters nicht allzuviel an Obst und Gemüse wirklich erfolgversprechend anbauen kann. So kommt auch das meiste Obst und Gemüse eher aus anderen Ländern. Eines stimmt jedoch: Die Idee des Verzehres von Fleisch kam erst später nach Japan.
Ich möchte auch nicht wissen, was wir hier schon alles an Pflanzenschutzmitteln ehrgeiziger japanischer Bauern verputzt haben. Immerhin gibt es hier viel mehr (und größeres!) Ungeziefer...
Wenn man hier in einem Restaurant etwas "Vegetarisches" bestellt, dann bekommt man oft Fisch oder Geflügel. - Ist ja kein Fleisch. Das hat Thomas' indischen Kollegen schier zur Verzweiflung gebracht und ihn letztendlich zum "Huhnesser" gemacht. Überhaupt scheint die Definition von "vegetarisch" in Japan sehr anders zu sein, als in Europa oder Amerika. Das habe ich gemerkt, als eine japanische Freundin, die von sich sagte, sie sei Vegetarierin, zu Ortrun sagte "Ach, Fleisch ißt du auch nicht?"
Vegetarier werden in Japan irgendwie nur belächelt. Vorallem, wenn sie es nicht aus religiösen oder gesundheitlichen Gründen sind. Japaner essen halt meist anstandslos, was auf den Tisch kommt.


Nur ein paar ganz kurze Anmerkungen von mir noch dazu:
Das mit den Kettenhunden ist schon richtig und sicher nicht schoen. Aber auf der anderen Seite gibt es in Japan quasi keine agressiven Hunde. Keine Rotweiler oder Kampfhunde, vor denen man Angst haben muesste, die Tiere sind immer ganz brav, trotten gemeutlich neben ihrem Herrchen oder Frauchen her. Und es gibt auch freilaufende Hunde, aber ich nie das gefuehl, dass ich dann besonders vorsichtig sein muss oder das gar Angst haben muesste. Die Tiere bleiben immer auf Abstand, sind sehr zurueckhaltend. Und das gilt auch fuer die Kettenhunde. Ich kann man mich noch gut an Kettenhunde in Deutschalnd erinnern. Das waren agressive Bister, die man auch anketten musste, weil sie sonst jeden unbekannten angefallen haetten. Das ist hier nicht so!
Das haengt vermutlich damit zusammen, Gunda hat es ja schon erwaehnt, das Haustiere hier, wie so vieles, im Idealfall immer auch ewtas suess und knudellig sein muessen, da passt ein zaehnefletschender Hund einfach nicht ins Bild.
Ansonsten ist natuerlich der Umgang mit Tieren durch die deutsche/europaeische Brille gesehen schlimm. Das haengt wohl damit zusammen, dass Tiere, vor allem Haustiere, in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr vermenschlicht wurden, dem Menschen in seiner Stellung mehr angegelichen wurden. Oft gibt es ja kaum noch einen Unterschied in der Behandlung von Kind und Haustier. Oder auch das Fleisch von getoeteten Tiere stammt, nimmt man gar nicht mehr war. Fleisch kommt aus dem Tiefkuehlfach oder aus der Dose. Muesste man in Deutschland wieder selber schlachten, wuerde aus uns wohl ein Volk von Vegetariern, weil viele Menenschen es schlicht nicht mehr koennten.
In Japan ist das ganz anders. Schon wenn man in den Supermarkt kommt, sieht man, das der Fisch mal ein Fisch war und nicht schon als Fischstaebchen auf die Welt kam. Die Hemmschwelle, das Gefuehl von Ekel, ist hier ganz anders entwickelt, als bei uns. Wenn man schon sieht, wie kleine Kinder mit diesen abscheulichen Riesenhirschkaefern spielen, weiss man, hier laeuft einiges anderes. Welches Stadtkind bei uns, das ausser putzigen Kanarienvoegeln oder Zwergkaninchen kaum ein echtes Tier kennt, wuerde mit sowas spielen?
Der Umgang mit Tieren mag einem hier oft kalt und roh vorkommen, eben nach unseren Massstaeben unmenschlich. Aber dieser Massstab existiert hier in dieser Form nicht. Insofern ist die Behandlung von Tieren hier keine Folge von Bosheit oder ein Zeichen von Gefuehlslosigkeit, sondern nur Ausdruck einer anderen Kultur und eines anderen Wertesystems, die Mensch und Tier ganz unterscheidliche Positionen und Rollen zuweist, als es bei uns der Fall ist.
Kommentiert von: Thomas | 17. Februar 06 um 15:20
Die Hirschkäfer hatte ich natürlich vergessen, aber vorgehabt, drüber zu schreiben. Hab ich mal nachgetragen.
Ja, Du hast ja recht damit, daß das eine kulturelle Sache ist. Das Problem ist nur, daß der Mensch mit "Macht Euch die Erde untertan." schon so weit vorgerückt ist, daß fast nichts mehr zum untertan machen übrig bleibt. Was mich stört ist nicht die kulturelle Seite. Ich weiß schon auch, daß der Shintoismus den Menschen als Teil der Natur und damit alles als natürlich ansieht, was der Mensch macht. Und Japan fängt ja auch langsam langsam mit sowas wie Umweltschutz an. Aber da gibt es eben hier noch viel zu tun und zu bedenken. Und Tiere sind ein Teil davon. Und wenn das Wasser nicht sauber ist, macht der Fisch einen krank. Solche Zusammenhänge bedenken hier die wenigsten. Dann kommt der Fisch aus Bequemlichkeit doch wieder einfach nur aus dem Supermarkt. "Wird schon in Ordnung sein."
Kommentiert von: Gunda | 17. Februar 06 um 15:59