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« Dezember 2005 | Start | Februar 2006 »

30. Januar 06

Karakuri ningyo, Sudoku und Schweinenasen

von Thomas

200601301629Samstag waren wir beide nicht so ganz fit, Erkältung und Gunda hatte dazu noch Migräne, also blieben wir zu Hause und ich konnte mich endlich mal in Ruhe meinem Weihnachtsgeschenk von Gunda widmen. Eine "Karakuri ningyo", eine mechanische Puppe, die Tee serviert, hatte sie mir geschenkt. Allerdings nicht die fertige Puppe, sondern einen Bausatz, mit dutzenden von Einzelteilen und einer wunderbaren japanischen Anleitung. Da diese aber auch gut bebildert ist, kam ich recht schnell voran und nach ein paar Stunden war der "antike" Roboter, der vielleicht die Grundlage für die Roboter-Begeisterung der heutigen Japaner ist, fertig. D.h. nicht ganz fertig, nur das Skelett. Da noch ein bisschen Feintuning nötig ist, muss ich ihn  demnächst  noch ankleiden, was sicher auch nochmal nicht so einfach wird...

Danach gabs noch eine Bastelei ganz andere Art, nämlich die Premiere für das Waffeleisen, dass wir von Roland letzte Woche bekommen haben. Der erste versuch ging prompt schief. Die Waffeln klebten dermaßen fest am Eisen, dass man sei nur noch abkratzen konnte. beim zweiten Versuch hab ich das Eisen dann erstmal in Öl getränkt. Das half, allerdings waren die Waffeln dann doch etwas fettig... Nun gut, die erste Ladung Öl reichte, danach gings dann auch so und die letzten Waffeln waren dann auch ok. Beim naechstenmal muss ich nur die Butter für den Teig vorher schmelzen, denn unser nur mit halber Kraft laufender deutscher Kuechemixer wurde mit der Butter nicht fertig und der Teig war am Ende voller Butterkluempchen. Wie auch immer, beim zweiten mal wird bestimmt alles besser...

Am Sonntag stand dann ein Trip nach Tokyo auf dem Programm. Wir wollten uns mit Takuya, meinem Kollegen aus Berlin, der seit Anfang des Jahres wieder in Tokyo ist, treffen. Gunda hat dann noch unsere Freundin Akapu eingeladen und wir sind dann zu viert in ein Okinawa-Restaurant, das Takuya ausgesucht hatte gegangen. Die beiden haben dann für uns was ausgesucht. Eine möglichst breite Palette an typischen Okinawa-Gerichten. Es war schon sehr typisch... Am harmlosesten waren noch die Algen, die mit kleinen, mit Meerwasser gefüllten Bläschen übersät waren und ein typisches Okinawa-Gemüse, das in etwa wie grüne Paprika schmeckte. Aber der absolute Höhepunkt waren dann die in dünne Scheiben geschnittenen Schweineohren und die Nudelsuppe mit der gekochten Schweinenase als Fleischeinlage! Und da fragen die beiden uns doch glatt, ob wir etwa kein Schweinefleisch mögen würden... Mal abgesehen davon, dass ich das ziemlich eklig fand, sah man schon so, dass die Fleishbeilage mehr Knorpel, als aus Fleisch bestand. Was hätte man da auch essen sollen...

Aber ansonsten war das Essen sehr gut, es gab noch einige andere Sachen mit Fisch, Gemüse und "richtigem" Fleisch und das schmeckte uns alles. Die Ankündigung von Takuya, dass das Essen ganz anders als typisch japanisches Essen sein würde, traf jedenfalls zu, keine Frage.

Eine ganz andere Frage, die mich seit Ortruns Besuch im letzten Herbst umtreibt, hat sich gestern dann auch noch für mich gelöst, das Sudoko-Rätsel. Bevor Ortrun davon erzählte, hatte ich von diesem "typisch japanischen Rätsel" noch nie was gehört. Ich hab dann immer schön die Augen aufgehalten, um was zu finden, aber nix, Fehlanzeige, Sudoku schien es in Japan nicht zu geben. Dagegen ist es ja in den USA und in Deutschland ein richtiger Boom. In beiden Ländern sieht man überall Sudoku-Bücher, Brett- oder Computerspiele, Internetseiten, Kalender und viele Zeitungen und Zeitschriften schmuecken sich mit einem Sudoku. Und in Japan nix...

Nein, das ist nun nicht ganz richtig, es gibt Sudokus auch in Japan, man muss nur suchen. Mit Takuya waren wir im Yaesu-Book-Center, einem der größten Buchlaeden in Tokyo, mit 9 Verkaufsetagen, davon eine für fremdsprachige Bücher und Zeitschriften. Ich hab dann Takuya mal gebeten, nach (japanischen) Sudoku-Büchern zu fragen. Bei der Bitte stutzte er nicht, was mir als ein gutes Zeichen erschien, aber vielleicht hatte er ja auch von Sudokus in Deutschland gehört... Jedenfalls zeigte uns der Verkäufer sofort ein paar Sudoku-Bücher. Importware aus den USA... Ha, ich wusste es doch, es gibt kein Sudoku in Japan! Nein, nein, es gibt doch japanische Sudokus. Nochmaliges nachhacken beim Verkäufern und ein Blick in das Bestandsregister ergab, dass es auch japanische Sudoku-Bücher gibt. Es gab sie, ein paar dünne Büchlein, die irgendwo zwischen hundertern von anderen Rätsel- und Spielebuechern standen, in keinsterweise besonders hervorgehoben, einfach so, wie alles andere auch.

Eines habe ich mir dann auch gekauft, als Andenken sozusagen. Takuya meinte dann noch, dass Sudokus vor etwa 10 Jahren mal ganz aktuell waren...

Und weil wir gerade da waren, haben wir uns noch einen Falk-Plan von Bonn gekauft (wenn es uns dort tatsächlich hinverschlaegt, wollen wir schon mal etwas vorsondieren). So ist das, es gab in dem Laden weit mehr Falkplaene von deutschen Städten, als japanische Sudoku-Bücher ;)

29. Januar 06

Mundschutz

von Gunda

Jetzt, in der Erkaeltungszeit, aber auch, wenn alles grünt und blüht, sieht man ihn wieder verstärkt im Stadtbild. Ich kann mich an mehrfache Äußerungen deutscher Mediziner erinnern, die das Tragen eines Mundschutzes als Stigmatisierung von Kranken verteufelt haben. Auch, wenn die Maske freiwillig getragen würde, so geschehe das doch nur unter gesellschaftlichem Druck. Für viele Japaner gehört der Mundschutz ("masuku"= Maske) aber einfach zum Leben dazu. - Er schützt die Schleimhaeute von Mund und Nase vor Einflüssen aus der Umgebung. Er wird in Situationen getragen, in denen man sich angreifbar fuehlt und schützen möchte. Z.B., wenn man ohnehin erkältet ist, um es nicht noch durch fremde Viren schlimmer zu machen, wenn einem kalt ist oder die Luft einem zu trocken vorkommt, weil dann die Schleimhaeute angreifbarer sind und um sich z.B. vor Pollen zu schützen. So sehr man an dem medizinischen Nutzen dieses Schutzes auch zweifeln mag; für mich gehört das Bedürfnis danach und die Erscheinung im Stadtbild einfach zur (sicherlich eher neuzeitigen) japanischen Kultur dazu. Und so manchem geräuschvoll in der Bahn rotzendem Deutschen würde ich einen Mundschutz wünschen, um MICH zu schützen...

27. Januar 06

Hightech in Japan

von Gunda

Wie wir ja schon öfter angemerkt haben, ist es in Japan mit den technischen Errungenschaften längst nicht so weit her, wie man sich das in Europa immer so vorstellt. Klar, es gibt hier Unmengen an Technik zu kaufen. Aber letztlich läuft das doch alles eher unter der Kategorie "Spielzeug". - In kaum einer Institution werden diese Geräte ernsthaft zur Arbeitserleichterung eingesetzt. Dort sind die Leute meist, wie Kilian schonmal in einem seiner Podcasts angemerkt hatte, auf dem Stand des Faxgeraetes als maximal nützliches technisches Gerät stehengeblieben. Warum ich darüber gerade jetzt schreibe? - Ich sitze im Krankenhaus, um mir ein Rezept abzuholen. Das mache ich seit einem Jahr einmal im Monat. Ich habe eine Kundenkarte mit Magnetstreifen, die jedesmal in den Computer im Empfangsbereich geschoben wird. Ich habe keine Ahnung, womit meine Datei bestückt ist. Folgendes enthält sie jedoch offenbar nicht: Was ich für eine Versicherung habe, dass ich regelmäßig komme und nur ein Rezept abholen will, wie meine Krankheit heißt und wie meine Medikamente heißen. Das werde ich nämlich JEDES MAL auf die umstaendlichste aller möglichen Arten gefragt. Manchmal unter Zuhilfenahme eines "englischsprechenden" Verwaltungsmenschen, der extra geholt wird. Heute hat es mir dann gereicht, und ich habe gefragt, ob man die Antwort auf diese Fragen nicht für die kommenden Male im Computer speichern könnte. Kurze Zeit später bekam ich einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem meine ganzen Daten in Japanisch stehen. Den sollte ich bitte beim naechsten mal vorzeigen, wenn die Fragen kommen. Es lebe die Technik!!!

26. Januar 06

Eisglätte

von Thomas

Der reichhaltige Schneefall vom letzten Wochenende zusammen mit dem Wechselspiel von Sonnenschein am Tage und Frost in der Nacht, sorgte hier an vielen Stellen für dicke Eisschichten auf Gehwegen (soweit es sie hier überhaupt gibt) und Straßen. Und irgendwie haben die Japaner hier in der Gegend kein rechtes Rezept dagegen. Manche haben ja schon am Sonntag, als es noch einfach war, den Schnee beiseite geräumt, die meisten haben aber schlicht gar nichts gemacht. Besonders originell war man aber bei uns am Institut.

Die kleine Zufahrtsstraße vor unserem Institutsgebäude, die sich am Ende zu einem kleinen Parkplatz erweitert, hatte sich auch in eine einzige Eisplatte verwandelt, wurde deswegen aber nicht gesperrt und dafür auf sehr spezielle Weise 'geräumt'. Und zwar mit Wasser! Mit insgesamt drei Wasserschläuchen versuchte man die Straße zu fluten und das Eis auf diese Weise wegzuspuelen. Der Erfolg war nicht so recht greifbar, denn zwar wurde die Eisschicht dünner im Laufe der folgenden Tage, aber sie blieb dennoch geschlossen. Kein Wunder wenn man immer wieder frisches Wasser nachgiest...

Ab und an hat zusätzlich noch ein Mann mit einem Stemmeisen und einer Schaufel dem Eis den Gar auszumachen, aber viel geholfen hat es nicht. Heute am Tag 4 der Bemühungen, zeigte diese endlich Wirkung. Nur noch die Strassenraender waren mit Eis bedeckt, der Parkplatz war quasi frei. Alles in Ordnung könnte man denken. Aber nein!

Ausgerechnet heute viel irgendjemanden dann ein, die Straße komplett zu sperren... Und um es noch besser zu machen, hat man dann heute Nachmittag, nachdem wirklich nur noch kleine Eisreste übrig waren, die ganze Straße großzügig mit Salz bestreut!

Das nenn ich doch einfach nur genial. Hier paart sich Ideenreichtum, mit Effizienz und Sinn für Umweltschutz ;)

24. Januar 06

Dies und das und auch jenes...

von Thomas

So einen richtigen Knüller gab es nicht in den letzten Tagen (mal abgesehen davon, dass Gunda endlich wieder da ist...) und trotzdem sind ein paar vielleicht berichtenswerte Dinge passiert.

Als ich letzte Woche z.B. alleine beim Sport war, da fragte mich jemand, während ich mir die Schuhe anzog, ob ich wirklich jedesmal die Schnürsenkel beim ausziehen auf- und beim Anziehen wieder zumache. Ja klar, sag ich. Für Japaner ist das dagegen gar nicht so klar. Da man hier dauernd die Schuhe an- und ausziehen muss, schenken sich die Japaner die Sachen mit den Schnuersenkeln, sie bleiben einfach immer zu. Das geht natürlich nur, wenn die Schuhe entweder locker geschnürt, zu groß oder schon ziemlich ausgelatscht sind. Und genauso sehen japanische Schnuerschuhe auch aus. Manche machen es sich aber noch einfacher und treten einfach hinten die Hacke der Schuhe herunter, so dass sei direkt hineinschluepfen können. Es gibt zu diesem Zweck sogar vorgeknickte Schuhe zu kaufen! Auch bei Sandalen und eleganten Damenschuhen, die hinten nur ein Riemchen haben, macht man es sich möglichst einfach und macht diesen entweder gar nicht erst zu oder läuft auf ihm herum. Ich stell mir das unheimlich bequem vor :)

Samstag hatte Gunda dann wieder Unterricht bei ihrer japanischen Schülerin und ich bin mit nach Tsukuba gefahren. Mitten durchs beschriebene Schneegestöber. Es hatte noch bis weit in die Nacht geschneit und am anderen Morgen hatten wir dann mehr als 10 cm Schnee. Und selbst heute liegt an vielen Stellen noch Schnee bzw. Eis herum, denn zwar ist es tagsüber sehr sonnig, nachts dagegen sehr frostig. Und da in Japan die Straßen und Bürgersteige nur nach dem Zufallsprinzip geräumt werden (gestreut wird gar nichts, weder Salz, noch Kies oder Sand), haben sich viele Stellen in spiegelglatte Eisbahnen verwandelt.

Wie auch immer, am Samstagabend waren wir dann noch im Kino und haben uns "Flightplan" mit Jodie Foster angesehen. Der Film ist ganz ordentlich, ein moderner Thriller nach Hitchcock-Art. Meine Pointo-Cado vom Tsukuba-Kino macht sich durchaus bezahlt. Statt 1800 Yen, nur 1500 Yen pro Person. Das sind immerhin fast 17% Ersparnis, das lohnt sich doch, vor allem da man ja keine Gegenleistung zu erbringen hat.

Sonntag waren wir dann in Kashiwa bei Strohwitwer Roland, der nur noch die Tage zählt, bis auch er nach Schweden kann, nachdem Petra ja schon fast 2 Monate wieder dort ist. Ende Februar geht dann auch Roland zurück. Und Kollege Lee geht einige Tage eher, wie sich letzte Woche herausgestellt hat. Ab März bin ich dann der letzte verbliebene Ausländer bei ERATO hier in Tsukuba. Schon ein blödes Gefühl...

Roland jedenfalls muss nun zusehen, dass er allen überflüssigen Krempel los wird und da haben wir ihm geholfen und einen Wasserkocher und eine Waffeleisen abgestaubt. Ersteres ist eher was für Gunda, letzteres eher etwas für mich :)

Als wir in Kashiwa unterwegs waren, passierte etwas ganz merkwürdiges. Wir wurden von 3 Polizisten angehalten. Erst wussten wir gar nicht, was sie wollten. Hatten wir was falsch gemacht? Wir waren zuvor noch nie angehalten worden... Nach etwas hin und her, stellte sich heraus, dass die Polizisten uns warnen wollten, in eine bestimmte Straße zu gehen, wohl weil es dort gefährlich sei. Jedenfalls machte der eine Polizist immer reine Geste, die so aussah, als wenn man jemandem ein Messer in den Bauch rammt... Gangster in Kashiwa? Mord und Totschlag im Tokyoter Hinterland? Ich weiß nicht recht, wenn uns das im Amerika passiert wäre, hätte ich es sofort ernst genommen, aber in Japan? Aber wie auch immer, den Abend haben wir soviele Polizisten wie noch nie zuvor irgendwo in Japan gesehen. Teilweise standen sie nur rum, manchmal hielten sie Leute an, einmal rannte eine Gruppe an uns vorbei. Es war eines der merkwürdigsten Ereignisse hier in Japan, die wir bisher erlebt haben, da so völlig untypisch und daher unerwartet.

Was sonst noch? Vielleicht noch das: Heute Mittag habe ich Udon mit Mochis gegessen. War lecker! Das Ganze nennt sich dann "chikara udon", was soviel wie "Kraft-Nudeln" heißt. Nur zur Erklärung: Udon sind typisch japanische, dicke weiße Nudeln. Und Mochis bestehen aus Reis, der gekocht und zu einer klebrig-zähen Masse gestampft wird, die dann gekocht oder gegrillt wird. Meist ist man es zu Neujahr, was zu einer erhöhten Erstickungsrate bei älteren Japanern führt.

Ach ja, und auch die Süßkartoffel ist auch ein typisch japanisches Produkt, jedenfalls laut Matsuura-san, der mich heute fragte ob ich "japanese potato" kennen würde. Was laut Auskunft von Japanern so alles urjapanisch ist... :)

21. Januar 06

Schneegestoeber

von Thomas

Eigentlich war nur Schneeregen angesagt, doch in der Nacht begann es dann doch richtig an zu scheien. Seit Stunden fällt der Schnee in dicken Flocken vom Himmel und auf dem Boden liegt der Schnee schon mehr als 10cm hoch. Aber es ist zu warm, wenn es aufhört zu schneien, wird der Spuk bald verschwunden sein. Leider...

20. Januar 06

Raetsel der Menschheit

von Gunda

Also, als erstes muss ich mal diesen Super-Abschied an dieser klasse Schule beschreiben. (Das ist noch kein Raetsel im eigentlichen Sinne.) Es fing schon morgens damit an, dass ich Suessigkeiten fuer die Lehrer ausgeteilt habe. Ich hatte sogar was aus Deutschland im Supermarkt gefunden, was natuerlich

19. Januar 06

Jungs und Maedels

von Gunda

Wo ich in Deutschland schon mehr als mir lieb ist gesehen habe, dass trotz (oder wegen?) des ganzen Gleichstellungswahns Jungen und Mädchen in der Schule unterschiedlich behandelt werden, ist das hier erfrischend anders. Klar, die Interessen gehen auch hier auseinander, aber eben nicht so stark. Da laufen auch schonmal Jungen mit rosa Klamotten durch die Gegend, mögen Glitzer und fragen mich als erstes, welche Blume ich gerne mag. Es wird auf dem Schulhof in gemischten Gruppen gespielt, und so manches Mädchen steckt die Jungen beim Klettern in die Tasche. Ich habe den Eindruck, dass vorallem die Jungen anders sind als in Deutschland. Sie lehnen sich aneinander an, wenn sie Nähe brauchen und streiten sich kaum. Ich habe noch nie eine deutsche Klasse erlebt, in der die Hälfte der Jungen als Traumberuf "Koch" angegeben hätte und Kochen als erstes Hobby nennt. Und von den japanischen Jungen würde auch keiner auf die Idee kommen, sich zu weigern, Flötespielen zu lernen aus Angst, davon homosexuell zu werden. (So geschehen in Berlin-Neukoelln.) Ich führe das, neben der Erziehung, auch ein Stück weit auf die kulturellen Ursprünge zurück. Lange Zeit waren die Künste und Meditationstechniken Maennerdomaene, und die traditionelle Kleidung ist auch von der grundsätzlichen Art her für Männer und Frauen ähnlich. (Vielleicht komme ich irgendwann nochmal ausführlicher darauf zurück.) Jedenfalls fällt auch im Straßenbild Japans auf, dass (optisch und vom Verhalten her) so etwas wie Macho-Gehabe ganz fehlt. Ist Japan deshalb emanzipierter als andere Länder? - Ich würde das sofort mit "Nein." beantworten. Doch dazu später mehr...

18. Januar 06

Sprachübungen

von Gunda

Wenn man den Tag über so interessante Sätze, wie "Shit down." oder "He go to the toiletto." hört, muss man doch zumindest mal mit den Schülern harte Endungen (t, p, k ...) und "sch" üben. Gesagt, getan. Und abends hatte ich verschleimte Brillengläser... ;-)

In der Kaelte des Gefechts

von Gunda

...trage ich: ein Unterhemd, ein langes Unterhemd, zwei Rollkragenpullover, Pulswaermer (kann man notfalls über die Hände ziehen), eine lange Unterhose, eine Hose, drei Paar Strümpfe und Turnschuhe mit Fusswaermepads. So trete ich oft Klassen gegenüber, deren Schüler zur Hälfte kurze Hosen tragen. Die Beine, die da rausgucken sind eher blau und vom Frieren fleckig. Kalte Hände sind im Winter einfach normal. Lehrer, die vom Schulhof reinkommen, gurgeln erstmal mit Wasser, weil das angeblich vor Erkältung schützen soll. (Rotzen und geräuschvoll Ausspucken sind natürlich inbegriffen.) Ich bin auch schon mehrfach gefragt worden, ob es an deutschen Schulen den wärmer sei. Die beste Reaktion auf mein "Ja." war: "Warum?" Wahrscheinlich, damit man es nicht merkwürdig findet, dass es draußen so warm ist, wenn man nachmittags die Schule verlässt... Im Lehrerzimmer ist es zumindest vormittags warm. Dann wird gelüftet und die Heizung bleibt hinterher aus. Wenn ich nachmittags aus der Schule komme, habe ich das Gefühl, jeder einzelne Muskel sei verkrampft. Da hilft oft noch nichtmal ein heißes Bad. Naja, ab Freitagabend kann ich meine Wärme größtenteils wieder selber beeinflussen.

17. Januar 06

Pädagogische Konzepte

von Gunda

Klar. Erstmal denkt man an Einfügen, Pauken, Strammstehen... Einiges kann ich bestätigen, anderes kommt erst in der Oberschule. Was es in der japanischen Grundschule kaum oder gar nicht gibt sind Sitzenbleiben, Sonderschule, Strafen, Leistungsdruck, Außenseiter, Koerperkontakt mit dem Lehrer, Lehrer, die den Schülern zwanghaft überlegen sein wollen, binnendifferenzierter Unterricht... Ja, der Unterricht ist größtenteils frontal, zu Lernendes wird im Chor nachgesprochen, es gibt Marschieren und Strammstehen und wenn man das Lehrerzimmer betritt oder verlässt muss man sich lautstark dafür entschuldigen. Aber wenn das nicht klappt, linkisch wirkt oder aus versehen ausbleibt, geht die Welt auch nicht unter. Für die Kinder ist die Schule, vielleicht im Gegensatz zu der sonstigen Erwachsenenwelt, ein Ort, an dem sie alle Regeln kennen. Vielleicht wissen sie manchmal nicht, warum es die eine oder andere Regel gibt, aber kein Kind macht hier den Eindruck, zu etwas gezwungen zu werden. Es scheint vielmehr wie ein Spiel zu sein, dessen Hauptgewinn irgendwo im Unsichtbaren Harmonie im Miteinander schaffen kann. Einem "westlichen" Pädagogen mag das zu schwammig erscheinen. In Deutschland wäre dasselbe System zum Scheitern verurteilt. Aber hier funktioniert es. Wahrscheinlich kann es nur ganz an der Wurzel so etwas wie ein allgemeingueltiges Konzept geben. Und an das Nachsprechen im Chor gewöhnt man sich auch und kann die Fehler raushören.

Künftige Botschafter

von Gunda

...kommen vielleicht aus Oyama. JA! Es gibt tatsächlich an der einen Grundschule ein paar Lehrer, die nicht nur selber Englisch können, sondern auch um die typischen Aussprachefehler wissen. Und nicht nur das; sie können sie sogar einprägsam korrigieren. Noch ist Japan also nicht verloren...

16. Januar 06

School Lunch

von Gunda

... wiederholt sich wöchentlich und bedeutet für mich, dass ich im Lehrerzimmer von zwei Schülern abgeholt und in deren Klassenraum eskortiert werde, wo ich dann auf einem winzigen Stuhl an einem ebenso winzigen Tisch ein inzwischen kalt gewordenes Essen einnehme.
Neben den Dingen, die ich früher schon dazu geschrieben habe, gehört dazu, dass den Kindern vorher eingeschärft wurde, mit mir Smalltalk zu machen. Also: Die Hälfte des Essens schüchtern gucken und kichern, die zweite Hälfte erst Vokabeln rauskramen, einen finden, der nicht "Nein." sagen kann und ihn dann dazu zwingen, mir Fragen, wie "What color / fruit / sport / animal do you like?" zu stellen. (Interessanterweise in jeder Klassenstufe die gleichen Fragen.) Sinnvollerweise natürlich gerade dann, wenn ich den Mund besonders voll habe...

Kartoffeln auf Tonband

von Gunda

Na also! Es geht auch entspannter, sauberer, lustiger und kreativer. Heute bin ich, nach einem entspannenden Wochenende mit Thomas, in der kreativen Murmel-Schule.
Die fangen morgens ihre Konferenz mit "Bibbeldi Babbeldi Buh" auf Japanisch an, haben ne Menge englischer Kinderbücher und -CDs und sind auch sonst viel offener. Heute Nachmittag darf ich an einer hausinternen Tonbandaufnahme für den weiteren Unterricht teilhaben. Und den größten japanischen Kulturirrtum habe ich auch schon aufgeklärt: (Irgendwer muss ja den Anfang machen.) Die Dinger heißen nur in Japan "potato". - Auf Englisch sagt man "french fries". (Ich hab ja damals in London für die Bestellung von "Pommes frites" auch nur fragende Blicke bekommen...)

13. Januar 06

Chefsache

von Gunda

Eben hatte ich noch ein großartig skurriles Erlebnis: Die Schulleiterin ist mit in den Unterricht gekommen. Erst dachte ich, sie wollte mich mal begutachten, fühlte mich aber gar nicht beobachtet. Dann dachte ich, es ginge um die Lehrerin. Oder hat sie Schüler beobachtet? Jedenfalls stand sie die ganze Zeit am Ofen, fing irgendwann an, mit den Augendeckeln zu flimmern und war dann einfach für den Rest der Stunde eingeschlafen. Was bei deutschen Schülern für tagelange Erheiterung gesorgt hätte, wurde hier einfach ignoriert. (Dabei stand sie direkt vor der Klasse.) Ich weiß noch, was es in meiner Oberschule für ein Spektakel gab, weil unser Schulleiter gerne gelegentlich bei Veranstaltungen einschlief. - Die Witze zogen sich über Jahre...

Schule. Nix fuer Frostbeulen

von Gunda

Die Schulen werden hier quasi gar nicht geheizt. In fast jedem Raum ist ein Ofen (elektrisch oder mit Gas), der mich an Omas Erzählungen erinnert, wo jeder noch Kohle mit zur Schule bringen musste. Oft sind diese Öfen aber gar nicht in Betrieb. Die Schüler sitzen manchmal in Jacke, oft genug aber auch in kurzen Hosen in der Klasse. Grad macht die ganze Schule halbnackt auf dem Schulhof Gymnastik. Da wundert es mich gar nicht mehr, wenn die Japaner es normal finden, im Winter im ungeheizten Tempel auf Strümpfen rumzulaufen... Da ich als Kind nicht derartig abgehärtet wurde, friere ich hier ständig und habe mir eine Erkältung eingefangen. Netterweise habe ich im Lehrerzimmer an meinem Platz einen extra Heizlüfter hingestellt bekommen. :-)

Andererseits werde ich immer gefragt, ob es nicht zu kalt sei, morgens mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen. Ich finde das weniger schlimm, als in nem kalten Raum zu sitzen...

Wenn man mittags nach draußen kommt, ist es dort deutlich wärmer als drin. Deshalb bin ich skeptisch, ob sich bei dem für naechste Woche vorhergesagten Wetter drin etwas ändern wird.

12. Januar 06

Ersatzlehrer die Zweite

von Thomas

Als Gunda im September schon einmal in Oyama war, durfte ich ja schon einmal den Ersatzlehrer in ihrem Konversationskurs spielen. Mir hatte das damals viel Spaß gemacht und deshalb freute ich mich durchaus darauf, sie heute wieder zu vertreten.

Weihnachten und Jahreswechsel in Deutschland und Japan standen auf dem Stundenplan. Ich habe dann erstmal von unseren diesjährigen Feiertagserlebnissen erzählt, dann kamen die Schüler dran. Die Antworten waren sehr interessant, einer verbrachte die Feiertage genauso, wie man es sich vorstellt, ein anderer dagegen stellte sich als totaler Feiertagsverweigerer heraus.

Für mich war das letztlich eine gute Gelegenheit, um an einige Insiderinfos zu bekommen. Was für Arten von Mochis gibt es, was unterscheidet sie von Dangos, was ist der Japaner sonst noch zum Jahreswechsel, was trinkt man, was zieht man an usw.

Einige Fragen blieben auch unbeantwortet, z.B. interessiert mich immer noch brennend, wie die Japaner darauf kommen, dass man zu Weihnachten eine Weihnachtstorte isst...

Überhaupt Weihnachten und Japaner... Ich fand es total süß, als der eine Vater erzählte, dass seine Kinder ja eigentlich nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, aber sowohl die Kinder als auch die Eltern sich gegenseitig vorspielen, als glaubten sie noch daran. Die Absurdität der Tatsache, dass japanische Kinder überhaupt an den Weihnachtsmann glauben, ist dabei allerdings niemandem aufgefallen.

Etwas dumm stand ich da, als ich den Leuten immer wieder klarmachen musste, dass Silvester eigentlich nur eine große Party in Deutschland ist und der Neujahrstag eigentlich nur der Regeneration dient. Man sah ihnen förmlich an, wie bedauerlich und unglaublich sie es fanden, dass ihr großer Feiertag, in Deutschland nur eine so profane Rolle spielt...

Tja, ein positiver Abend, jedenfalls für mich. Allerdings dachte ich das beim erstenmal auch. Am Ende hätte Gunda aber fast ihren Job verloren, weil ich nicht ganz den Vorstellungen der Kursteilnehmer entsprochen hatte. Ich hoffe, ich habe aus meinen Fehlern gelernt und die Schüler waren diesmal zufriedener mit mir... Angemerkt habe ich ihnen jedenfalls weder damals noch heute irgendwas. Weder positiv, noch negativ. Aber das ist hier in Japan ja eigentlich normal...

Sumolehrer und Winterspiele

von Gunda

Morgens strömen die Schüler in der Schule an Linien auf dem Boden entlang wie Autos in der Rush Hour. Das klappt alles reibungslos. Wie bei den Erwachsenen in Tokyo. Und wer Jungs in der Klasse hat, die nicht immer sofort auf Reibungslosigkeit aus sind, bekommt den Schulhelfer im Sumo-Format eine Stunde lang ausgeliehen. Die meisten sind aber von ganz alleine angepasst. Einfach, weil es so am bequemsten ist. Die sehen gar keinen Sinn darin, sich danebenzubenehmen. Und dass Kämpfe aus Mangas und Fernsehen nicht ins Leben gehören, finden sie auch ganz klar. Da braucht auch kein Sumoringer zu winken oder ein Lehrer zu schimpfen... Außerdem habe ich heute noch gelernt, was japanische Kinder im Winter spielen. Doch dazu später mehr.

p.s.: In jeder Schule gibt es einen Krankenraum mit Krankenschwester, eine Schulküche mit Kochteam und natürlich das, was wir auch kennen. - Hausmeister und Sekretärin. Manchmal gibts noch jemanden, der Hausmeister und Sekretärin unterstützt.

11. Januar 06

Frustlust

von Gunda

Heute hatte ich eine ganz prima Lehrerin, die es vorher nicht nötig gehabt hatte, mit mir ihre Stunde zu besprechen. Wie auch? Sie konnte ja kein Englisch. Aber dafür hatte sie ein schickes rosa Hello-Kitty-Wörterbuch... Jedenfalls stellte sie mich vor die Klasse, so nach dem Motto: "Teach!" Später wollte sie dann doch was Bestimmtes, was sie mir dann in schnellem schwallartigem Japanisch erklärte. Auf die Idee, einfach mal langsamer und in einfacheren Worten zu sprechen, kam sie auch beim dritten Anlauf nicht. Außerdem hat sie für alles Englische Katakana benutzt, weshalb sie und dann auch die Schüler natürlich alles falsch ausgesprochen haben. Da war echt nix mehr zu retten. Vorallem, weil ich nur einen Tag da war. Nach dem Schulessen war für mich Schluss. Da ich aber noch bis 16.30h bezahlt wurde, musste ich in die Lehrerzentrale und sinnvollerweise meine Zeit dort einfach absitzen. Vier Stunden! Und ich hatte noch nichtmal ein Buch mit! Also habe ich erstmal auf dem einzigen Computer des Grossraumbueros nach Mails geguckt. "Für die einen ist es ein Arbeitsgerät, für die anderen ist es das langsamste Kommunikationsmittel der Welt." Dazu war die Tastatur noch so dreckig, dass ich hinterher schwarze Finger hatte. (Zeugt nicht gerade von reger Nutzung.) - Soweit zum Thema "high tech in Japan"...

Später trudelten noch die ganzen anderen Englischlehrer (ALTs) ein, die auch alle ihre Zeit absitzen mussten. Mittwochs, erfuhr ich dann, ist immer Lehrerfortbildung. Die verbleibenden drei Stunden waren dann noch recht kurzweilig. Erst wurde ich etwas über Deutschland ausgefragt und glücklicherweise überhaupt nicht mit irgendwelchen Stereotypen konfrontiert. Dann wurde ich gefragt, ob alle Deutschen so gut Englisch können, wie ich.:-) "I dream of a german car. May you get one for me?" - "I dream of a kangaroo. May you get one for me?" Als ich von der Geschichte mit der Murmel erzählte griff ein Lehrer grinsend in seinen Rucksack, holte eine handvoll Murmeln raus und sagte, er hätte da ein Jahr gearbeitet... Ansonsten war in diesem Raum bis auf zwei Leute geballter Frust versammelt: ALTs werden kontrolliert bis zum Gehtnichtmehr, werden links liegengelassen, als Störfaktor oder Zootier betrachtet, benutzt und dann abgeschoben. Niemand nimmt sie ernst oder will wirklich mit ihnen zusammenarbeiten. Das schafft Frust, über den wohl meistens Mittwochnachmittag geredet wird. Dabei kann man sich natürlich prima gegenseitig hochschaukeln, was auch heute passiert ist. Dazu kommt noch, dass die meisten den Anschein machen, in ihrer Heimat nicht gut zurechtgekommen oder vor etwas geflohen zu sein. Wenn man mit sich selbst nicht im reinen ist, kann so ein Auslandsaufenthalt schnell schief gehen. Trotzdem war ich hinterher noch mit einigen Eis essen. "Ich weiß, dass ich mich verkaufe. Mein Problem ist, dass die nicht so viel zahlen, wie ich wert bin."

p.s.: Ich glaube, am meisten geschockt war ich heute als mich der Kanadier fragte, was damals eigentlich der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gewesen sei...

10. Januar 06

Meine heutige Vorstellungstour

von Gunda

Meine heutige Vorstellungstour durch die drei Schulen ist erstmal beendet. Die letzte Schule war innen im Vergleich zu den anderen richtig bunt und kreativ. Dort fragte mich die Schulleiterin zum Abschied mit einem verschmitzten Lächeln: "Are you a good teacher?" Ich entschied mich spontan für "Yes.", um meine Chefin nicht in Verlegenheit zu bringen und bekam ein Glas voll Murmeln hingehalten. "Then you can choose one. I made them. But it's a secret." Jetzt hab ich ne blaue Murmel in der Hosentasche, die bunt schillert und innen wie mit Granulat gefüllt aussieht. Außerdem hab ich heute noch was über "japanese manners" gelernt: Wenn man reinkommt soll man (lt. meiner Chefin) sofort den Schal abmachen. Jackeanbehalten ist aber offenbar kein Problem. Irgendwie schwer nachvollziehbar...

Strammstehen bei null Grad

von Gunda

Heute hat das neue Trimester in den Schulen angefangen, und ich durfte Zeuge der Eröffnungszeremonie an einer kleinen Schule in Oyama sein. Ein recht ungewohntes Ereignis: 100 Schüler mit einer handvoll Lehrern auf dem kalten Boden der ungeheizten Turnhalle sitzend. Jeder Atemzug dampft vor sich hin. Dann wird aufgestanden, in Reih und Glied an den Markierungen. Die Nationalhymne wird gesungen, begleitet vom Schulorchester, das hauptsächlich aus acht Akkordeon spielenden Schülerinnen besteht. Dirigiert wird von einer Schülerin auf einem Podest, die die ganze Zeit auf den Boden guckt. Dann folgen mehrere Ansprachen verschiedener Lehrer und eines Schülers. Wer immer die etwas höher gelegene Bühne betritt, verbeugt sich zuerst vor der dort hängenden japanischen Fahne. Beim Runtergehen wird sich nochmal vor der Fahne verbeugt, anschließend vor dem Schulleiter, einem älteren Herrn mit schuetterer Zottelfrisur, abgetragenem Anzug und verlatschten Turnschuhen.

Ich habe zwar als Einzige einen Stuhl bekommen, musste aber trotzdem fast die ganze Zeit stehen. Zum Schluss wurde noch das Schul-Lied gesungen, wobei die Lehrer durch die Reihen gegangen sind und geprüft haben, ob etwa jemand nicht laut genug singt. Der Unterricht lief bisher wie in der anderen Schule. Ich sollte nur diesmal erzählen, was die Deutschen zu Silvester machen. (Nein, es gibt keine Mochis.) Geheizt wird im Lehrerzimmer ausreichend, in den Klassenräumen eher maessig. Alles mit alten Gasöfen mit Heizplatte und Schornstein. So, wie man das aus Omas Erzählungen und alten Filmen auch von deutschen Klassenräumen kennt. "Meine" Wohnung ist auch o.k. und um Längen besser als meine andere Unterkunft damals.

Ganz Japan versinkt im Schnee

von Thomas

200601100801 Ganz Japan? Naja, fast ganz Japan, aber immerhin inzwischen auch Arakawaoki. Obwohl, versinken ist vielleicht etwas übertrieben... Irgendwann heute Nacht muss es angefangen haben zu schneien und heute Morgen lag dann eine vielleicht 2 cm dicke Schneedecke über Arakawaoki ausgebreitet.

Aber von dem in deutschen Medien kolportiertem "Schneechaos in Japan" sind wir noch weit entfernt. Zwar gibt es auf Hokaido und auf dem nördlichen und westlichen Teil von Honshu sehr viel Schnee, wohl auch den ein oder anderen Meter mehr als sonst, aber grundsätzlich sind einige Meter Schnee in diesen Teilen Japans was ganz normales.

Kein Grund zur Panik also!

09. Januar 06

Seijin no hi

von Thomas

Heute war mal wieder Feiertag in Japan. "Seijin no hi" oder auf Englisch "Coming of Age", der Tag, an dem die jungen Japaner das Erwachsenwerden feiern. Mit 20 Jahren ist in Japan offiziell erwachsen oder volljährig, wie man bei uns sagt. Entsprechend nehmen alle Jugendlichen, die in dem jeweiligen Jahr 20 Jahre alt werden, an der Zeremonie teil, die Mädchen im Kimonos, Jungs im Anzug, alles schön feierlich und ansehnlich...

So haben wir uns das jedenfalls gedacht und wollten es uns anschauen. Da Gunda am Nachmittag noch nach Oyama musste, konnten wir allerdings nicht nach Tokyo und wollten also irgendwo bei uns in der Nähe zuschauen. Matsuura-san empfahl uns nach Ami zu fahren. Zwischen 10 und 12 Uhr sollte dort im Rathaus alles über die Bühne gehen. Wir waren um halb elf da und außer uns nur noch ein alter Opa mit Moped. War ein toller Tipp!

Wir sind dann noch eine Weile mit dem Rad durch Ami geirrt, ohne Erfolg jedoch. Nicht einen Kimono haben wir gesehen... Erst als ich Gunda zum Bahnhof brachte, sahen wir ein paar Mädchen, die wohl von der Feier kamen. Tja, für uns war's nun zu spät. "Seijin no hi" fand ohne uns statt :(

Back in Cockroach City

von Gunda

Es gibt mit Sicherheit neben den Erdbeerfeldern auch noch andere schöne, kakerlakenfreie, unstressige und saubere Plätze in Oyama. Mein Problem liegt wahrscheinlich nur darin, dass ich diese Plätze beim letzten Mal nicht gesehen habe. Ich fahre also gerade wieder nach Oyama, um zwei Wochen lang die Lücke zwischen zwei Englischlehrern zu füllen. (Einer geht, der andere kommt später.) Ich bekomme eine Wohnung kostenlos zur Verfügung gestellt, die mit einem Futon und einer Klimaanlage ausgestattet ist. Keine weiteren Möbel oder Zubehör. Das ist für die kurze Zeit ja nicht weiter schlimm, hätte ich diese Info nicht meinem Arbeitgeber mühsam abringen müssen. Genauso wie den Umgebungsplan der beiden Schulen, womit ich aber immernoch keine zusammenhängende Orientierung habe. Wo die Wohnung ist, weiß ich nicht. Da werde ich gleich im Dunkeln hingefahren und muss dann morgen früh mit dem Fahrrad zu der Lehrerzentrale fahren, von der ich auch nicht weiß, wo sie ist. Auf die Idee, mir einen Stadtplan anzubieten, ist bisher niemand gekommen. Genauso konnte mir keiner sagen, ob die Wohnung kakerlakenfrei ist und ob die Schule geheizt ist. (Das ist in Grundschulen nicht selbstverständlich, wurde mir beim letzten mal gesagt...) Naja, wir werden sehen. Ich freu mich nicht grad auf dieses Abenteuer. Aber ich hab nen Haufen warme Klamotten und Waermepads mit und will das Beste draus machen.

07. Januar 06

Riesen Affentheater

von Thomas

Also das Haareschneiden ist mit dem Affentheater diesmal nicht gemeint. Unsere regelmäßigen Auftritte beim Frisör in Tsukuba haben schon seit längerem allen Schoweffekt verloren und inzwischen ist alles Routine. Nein was ich meine, ist unser anschließender Kinobesuch. "King Kong" haben wir uns angesehen...

Was soll man dazu viel sagen? 3 Stunden (fast) perfekte Tricktechnik, riesen Spektakel, aber doch auch spannend und aufregend, auch wenn jeder weiss, dass die Liebesgeschichte zwischen dem großen Affen und der "weißen Frau" tragisch ausgehen muss. Überhaupt, trotz all der Aktion, macht der Film auch etwas wehmütig, ist doch am Ende der Affe mehr Mensch als die Menschen und die Menschen mehr Biest als der Affe...

Ansonsten, kein solch Megaevent wie der "Herr der Ringe", aber grundsolide Unterhaltungsware. Was will man mehr?

05. Januar 06

Fremdgegangen

von Thomas

Auf dieser Seite http://www.andrea-haug.de/index.htm findet sich unter "Links" ein Link auf eine Bildergalerie zu einer Japanreise. Wer etwas Geduld hat und sich dadurch klickt, kann auch ein Bild von Gunda finden... :)

04. Januar 06

Back in Japan

von Thomas

Jetzt muss ich doch auch noch mal meinen ganz persönlichen Senf zu unserem Trip nach Deutschland abgeben... Was ich allerdings abschließend von der Reise halten soll, weiß ich immer noch nicht so recht. Am Anfang dachte ich noch, dass mir gar nichts gefallen wird, inzwischen hat sich das etwas gelegt und ich würde sagen, manches war ganz schön. Wobei man zwischen zwei Dingen unterscheiden muss. Das eine ist die Tatsache, einfach nur wieder in Deutschland zu sein, das andere sind die persönlichen Dinge, das Treffen mit der Familie, mit Freunden, usw.

Letzteres war natürlich schön, es war sehr angenehm, sich einfach mal wieder so auf Deutsch mit jemandem zu unterhalten (was hier ja nur mit Gunda geht, so schön das auch ist...), bestimmte Dinge zu Hause zu essen, herum zu bummeln an bekannten Orten und Erinnerungen aufzufrischen. Das alles ist sehr schön, viel einfacher als hier in Japan und macht natürlich auch viel Spaß. Gunda hat das ja auch schon gut beschrieben, da brauch ich auch gar nicht mehr zu sagen.

Das in Deutschland sein, Deutschland erleben, über den privaten Tellerrand hinaus, ist dagegen was ganz anderes. Symbolisch dafür war das vielleicht das Wetter. Wir haben Japan bei strahlendem Sonnenschein verlassen und sind im Deutschland im nasskalten Winter mit seinem ständig grauen, wolkenverhangenen Himmel angekommen. Entsprechend trübe war meine Stimmung am Anfang. Erst das winterlich verschneite Berlin hat mich dann etwas aufgeheitert.

Was ist so toll in Deutschland? Das die erste S-Bahn, die man nimmt, 25 Minuten Verspätung hat, die Scheiben zerkratzt, die Sitze bemalt oder zerschnitten sind? Das man in Bussen und Bahnen ständig das überlaute Gerede seiner Mitfahrer mit anhören muss, die, vor allem wenn sie jünger sind, immer weniger der deutschen Sprache mächtig sind (was war das heute wieder für eine himmlische Ruhe, als ich heute mit dem Bus zur Arbeit fuhr...)? Das man friedlich mit einem Freund bei Starbucks in Berlin sitzt und hilflos mit ansehen muss, wie dem ein Rucksack mit teurer Kamera und Fotoausrüstung geklaut wird? Das in der Buslinie, die wir damals in Berlin immer benutzt haben, letztens jemand erschossen wurde (das man in Berlin gerne auf Busse schießt, gabs allerdings auch schon, als wir dort noch wohnten)? Das man sich ständig gegenseitig ermahnen muss, auf seine Habseligkeiten aufzupassen? Das innerhalb eines Jahres sich die Anzahl der Shoppingsender im Kabelnetz verdoppelt hat und inzwischen jeder fünfte Sender nur noch den Leuten mit Ramsch das Geld aus den Taschen ziehen will? Soll ich mich freuen, dass die einzig brauchbare Sendung, die ich gesehen habe, eine 25 Jahre alte garantiert Knopp-freie Geschichtsdoku war, die irgendwann nach Mitternacht lief, als auf einem anderen Sender sich die halbnackten Moderatorinnen sich gegenseitig an am Busen streichelten? Meine Erinnerung war schon nicht gut, der kurze Einblick in die aktuelle Wirklichkeit nicht besser. Die c't feiert den technischen Fortschritt in Deutschland: "Das Internet wird mobil". Sagen wir lieber, "das Internet wird in Deutschland mobil", denn in anderen Ländern ist es das schon längst... Das das teuerste Internetangebot in Deutschland immer noch 30mal langsamer ist als hier das 08/15-Angebot von der Stange, lässt einem das Herz natürlich auch höher schlagen. Schön ist natürlich der Wiederkennungswert: So manche Autobahnbaustelle gabs schon vor anderthalb Jahren! Und überall dieser Service: Am Samstag haben tatsächlich einige Geschäfte bis 18:00 Uhr oder gar bis 20:00 Uhr auf! Wenn man dann aber um ein Uhr Nachts mal was zu trinken haben will, während man auf einen Bus oder eine Bahn wartet, Fehlanzeige. Na ja, dafür vergeht einem dann der Appetit, wenn man im ankommenden Zug vollgekotzte Leute sitzen sieht. Wer braucht da noch was im Magen? Warum sagt mir Gunda eigentlich in Japan nie, dass ich jemanden nicht so anschauen soll, weil es sonst sein könnte, dass der mich daraufhin verprügelt? Ich liebe dieses friedliche Land...

Hmm, vielleicht etwas ungerecht und einseitig das Ganze? Ja vielleicht, aber von Außen betrachtet, ist halt vieles nicht so toll in Deutschland, und vieles, was mir in Deutschland nicht gefällt, gefällt mir nur gerade in Japan eben sehr gut und im direkten Vergleich, werden mir die Schattenseiten um so bewusster. Viel Schatten gibt es natürlich auch in Japan, aber hier kann ich ihn besser ausblenden, betrifft er mich nicht so, während ich in Deutschland direkt mit dem Kopf drauf gestoßen werde. Und nach so langer Zeit hier in Japan sowieso. Auch wenn wir in nicht mehr ganz einem dreiviertel Jahr wieder dort sein werden, wird es einfach nicht mehr dasselbe sein. Das Leben hier hat mir gezeigt, dass viele Dinge auch anders sein könnten, wenn man nur wollte, und das es kein Gott gegebenes "damit muss man halt leben" gibt. Leben in Deutschland wird nach den 2 Jahren nicht mehr so sein, wie vorher, wird sich messen lassen müssen, mit dem Leben hier, das Land und die Leute werden gut begründen müssen, warum dies und jenes angeblich so sein muss, es wird sehr viel Überzeugungskraft brauchen, bis es mich wieder von sich einnimmt, einfach nur wieder da zu sein, wird nicht mehr reichen...

Nachwehen

von Gunda

Schön, wieder in Japan zu sein.

Irgendwie kann ich unseren Urlaub nicht besser zusammenfassen, als ich das schon in der Rundmail an meine Freunde getan habe:

"Liebe Leute!

Wir haben das Merkwürdige vollbracht und sind von unserem Heimaturlaub in unsere Heimat zurückgekehrt. Zwölf Stunden Flug sind einfach zu kurz, um die Seele so schnell hinterherkommen zu lassen. So haben wir die ersten zwei Tage in Japan mit Gammeln verbracht, Thomas hat sich erstmal eine Erkältung erlaubt, und jetzt strecken wir so langsam wieder unsere Fühler aus.

In Deutschland zu sein war wie eine Kombination aus Vor- und Rückschritt. Eine Reise in eine Vergangenheit, die sich verändert hat. - Eine interessante Erfahrung, die ich nicht missen möchte.
Ich habe gemerkt, was mir in Japan fehlt, aber auch, was mir in Deutschland fehlt. Thomas hätte immer gerne eine Mischkultur, in der er leben kann. Vielleicht hat er mit diesem Bedürfnis ein bischen auch meines ausgesprochen. Ich bin froh, trotzdem gemerkt zu haben, daß ich wieder nach Deutschland zurück kann, daß es mir (im Gegensatz zu vielen "Auswanderern") nicht allzu fremd geworden ist.

Ein komisches Gefühl war es nur, manchmal wie ein exotischer Vogel aus einem anderen Land betrachtet zu werden. - Vertraut und trotzdem fremd... Da habe ich gemerkt, daß ich es wohl nicht immer geschafft habe, rüberzubringen, was an Japan liebens- und lebenswert ist.

Ein bischen war die Reise nach Deutschland aber auch ein Rückschritt, was meine Bindung an Japan angeht. Zu schnell war ich in der vertrauten Rolle, war ich einfach wieder Deutsche. Und wo ich vor der Fahrt das Gefühl hatte, jetzt geht unser Japanverständnis in die nächste Stufe über, habe ich jetzt den Eindruck, wieder ein
bischen weiter hinten anfangen zu müssen.
Aber für mich ist das nicht schlimm. Ich habe Deutschland, vorallem aber die Familie und die Freunde genossen und konnte etwas auftanken. Ich sehe unseren Heimaturlaub als Zäsur in unserem Japanaufenthalt, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren und einiges hier neu anzupacken. Jetzt kann ich in Japan mit neuer Energie starten.
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Danke an alle, die uns unseren Aufenthalt so schön gemacht haben!!!

Ich wünsche Euch ein gesundes und glückliches neues Jahr!


Gunda   ;o)"

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