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04. Oktober 05

Der "Händewasch-Ort"

von GundaCimg9069_small

Auf vielfachen Wunsch gibt es jetzt endlich den heißersehnten Beitrag zu Toiletten in Japan. (Eigentlich dachten wir ja, das wäre in etlichen anderen Blogs und Reisetagebüchern schon erschöpfend genug erwähnt...) Darüber könnte man eine ganze Doktorarbeit schreiben. Ich erhebe deshalb keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit.

Cimg9072_smallHeutzutage sagen die meisten Japaner "toile", wenn sie die Toilette meinen. Das haben sie vom englischen "Toilet" abgeguckt. Aber ich lasse wohl erst einmal den "Fachmann" ran:

" (...) Die Toilette (o-te-arai, wörtlich: Händewasch-Ort) wird man Ihnen jedoch sicher zeigen.
Für die Wohnungs-Pantoffeln gilt, daß sie nie in die Toilette hineindürfen. An der Toilettentür heißt es also: 'raus aus den (Wohnungs-) Pantoffeln, rein in die (Klo-) Pantoffeln'. Man sollte die Toiletten-Pantoffeln beim Herausgehen so hinstellen, daß der nachfolgende Besucher bequem hineinschlüpfen kann, also gehen Sie rückwärts aus der Toilette hinaus und streifen Sie die Pantoffeln in der Weise ab, daß sie wohlausgerichtet ins Innere der Toilette zeigen.
Heute haben viele Eigenheime westliche Sitzklosetts, immer häufiger mit allen möglichen High-Tech-Schikanen, aber typischer sind die zum Hinhocken, wobei man sich logischerweise in Richtung auf die halbkugelförmige Abschirmung hockt. Mit dem Hebel dahinter wird gespült. Oft gibt es heute zwei - einen für groß, einen für klein. Papier sollte immer vorrätig sein. Es darf - wie bei uns - ins Klo geworfen und hinuntergespült werden. Toiletten ohne Spülung gibt es heute aber selbst in und um Tokyo noch massenhaft. Den Abtransport besorgen die bakyu-umu-kaa (Vakuum-car = Entleerungswagen)."
(aus: Lutterjohann "Kulturschock Japan")

Ich persönlich habe hier in Japan noch nie ein Plumpsklo oder dergleichen gesehen. Interessant wäre auch noch zu bemerken, daß besagter Entleerungswagen früher auf dem Land übersetzt "Honigwagen" genannt wurde...

Der schlimmste Fehler, den ein Ausländer in einem japanischen Haushalt machen kann, ist, mit den Toiletten-Pantoffeln versehentlich aus der Toilette zu kommen und dann auch noch damit am Eßtisch zu erscheinen.Cimg9074_small

Daß die Toilette in Japan immer getrennt vom Bad ist und daß man an deren Eingang die Schuhe wechseln muß, hat nicht unbedingt den Grund, daß Japaner ihre Toiletten nicht putzen würden und dieser Ort besonders dreckig wäre. (Obwohl hier oft ein anderes Verständnis von Sauberkeit vorherrscht als in Deutschland.) Das Ganze hat auch latent religiöse Gründe: Reinigung ist das zentrale Ritual des Shinto. Wen wundert es also, daß gerade der Ort, an dem man den meisten Schmutz läßt, separat behandelt wird? Und daß der Toilettenraum vom Bad getrennt ist, hat schon ab zwei Personen vorallem morgens unschlagbare Vorteile. Nur: Heizen kann man diese Räume meistens nicht. Damit man also im Winter nicht an der Klobrille festfriert und es nicht allzu ar...mkalt wird, bauen die meisten Japaner nicht etwa eine Heizung in den kleinen Raum ein, sondern beheizen die Klobrillen. Aber das ist noch längst nicht Cimg9075_smallalles:

Wenn man erstmal durch sein Körpergewicht der Toilette klargemacht hat, daß wer da ist, ist so ziemlich alles möglich: Heizen, Spülgeräusche, um andere Geräusche zu übertönen, Hintern waschen, vorne auch, Trockenpusten,... Aber noch neuere Toiletten können viel mehr als "waschen, fönen, legen": Da gibt es eingebaute Radios, mp3-Player und neuerdings sogar Internetanschluß, manchmal sogar mit Verbindung zum Arzt. Diese Toiletten analysieren die Exkremente und senden die Daten gleich weiter an den zuständigen Arzt. Abgesehen davon, daß mehr als ein Patient mit einem solchen Klo wohl der blanke Verwaltungshorror für jeden Mediziner wäre, fände ich die Vorstellung, daß mein Arzt schon vor mir weiß, wann ich schwanger bin, ziemlich merkwürdig.Cimg9073_small

Eine "einfache" Klobrille mit Heizung und Waschgelegenheit kostet ungefähr 200 Euro. Diese elekronischen Gefährten haben so wohlklingende Namen wie "Apricot", "Washlet" oder "Shower Toilet". (Da konnte ich mich nicht zurückhalten und mußte Linda diese blöde Frage stellen: "Oh, you shower in your toilet?")

Wir hätten an dieser Stelle gerne ein Video von Wasserspielen gehabt; aber die funktionieren nur, wenn man auf der Klobrille sitzt, und dann kann man es nicht filmen...

Cimg5353_smallWeil sich das nicht jeder leisten kann, gibt es auch noch preiswertere Möglichkeiten, bequemer zu sitzen. Z.B. auf einer mit Stoff bezogenen oder beklebten Klobrille. Wir haben trotz unserer anfänglichen Belustigung davon Abstand genommen, weil es uns doch irgendwie zu unhygienisch erschien. In der Nachbarschaft hat man dieses Problem allerdings gelöst, indem vermutlich die Hausfrau jeden Morgen die ganze mit Stoff beklebte Klobrille samt Deckel abmontiert, reinigt und dann zum Trocknen aus dem Badfenster auf der (außen befindlichen) Klimaanlage abstellt.200510031653

Die oben beschriebenen Hock-Toiletten sind interessanterweise wirklich nur noch im öffentlichen Bereich zu finden und auch bei Japanern nicht mehr so unbedingt beliebt. Wie es um diese Toiletten herum aussieht, kann sich jeder vorstellen. Es muß schon Zielwasser gewesen sein, was man da in die Toilette abläßt, damit kein Tropfen daneben geht. Da meine Hosenbeine tendenziell eher lang sind, kremple ich sie zur Verwunderung der Umstehenden oft hoch bevor ich eine japanische Toilette betrete.
Öffentliche Damentoiletten sind im übrigen auffällig oft in rosa oder apricot gehalten. Und es kommt nicht selten vor, daß auch die Kloschüsseln samt Brille und Deckel dann ganz in rosa sind...

Im Museum in Hiroshima wurde ich dann auch gleich von einer US-Amerikanerin über die Herkunft der nicht-japanischen Toiletten aufgeklärt: "You can take the japanese toilet. I am waiting for the US-toilet."

Ja, es steht außen an den Türen oft "japanese style" oder "western style" dran...  ;-)

Noch was zu den Bildern:
Ganz oben rechts, das ist unser Klo zu Hause. (Ganz ohne Pantoffeln, dafür mit Kloputz-Schuh als Klobürstenhalter.)
Links oben ist ein Verkaufsgestell für elektronische Klobrillen im Kaufhaus. Die anderen Toiletten sind öffentlich. Einige haben noch Gebrauchsanweisungen im Klodeckel oder an der Spülung; manchmal ist der Spülknopf neben der Toilette, manchmal gibt es ein kleines Hock-Klo für Kinder neben der Damentoilette.
Und ganz unten links kann man sehen, wie die Verpackung eines auf die Brille zu klebenden Stückes Stoff aussieht.

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Kommentare

Thomas

Nur kurz als Ergaenzung, was die Beliebtheit der "japanese style" Toiletten angeht:

Bei uns im Institut gibt es eine "western" und eine "japanese" Toilette, man hat also die freie Wahl und es gibt wirklich eine nicht geringe Anzahl von Kollegen, die die "japanese style" Toilette bevorzugen.

Vielleicht in dem Zusammenhang auch noch interessant: In unserem Fitness-Studio, also ein Ort, den man eigentlich vielleicht eher mit moderner, westlicher Lebensart verbindet, gibt es nur "japanese style" Toiletten...

Gunda

Irgendwie doof!
Jetzt haben wir so fleißig Fotos gesammelt und was geschrieben, und jetzt schreibt keiner von den Leuten, die sich den Beitrag gewünscht haben auch nur ein Kommentar...

Tim

Danke für den tollen Beitrag! Ich wusste noch gar nichts davon. Nun staune ich, und wundere mich noch immer über einige Sachen... Ja, mit der Antwort auf eine Frage tauchen gleich die nächsten Fragen auf :-)
Wenn diese Dinger also beheizbar sind, Musik spielen, duschen und fönen ... dann müssen sie doch an das Stromnetz und fest an die Wasserleitung angeschlossen werden? Wie geht das? Außerdem müssten sie ein Reservoir für die Warmwasserbereitung haben... oder?
Dann wundere ich mich über die Aussparung ganz vorn ... hmmm, wozu? Das muss doch, gerade wenn kleine Jungs im Haushalt sind, regelmäßig zu einer Pfütze führen. Ich denke an die Töpfe unserer Söhne, als sie noch ganz klein waren... Die hatten vorn sogar noch eine Erhöhung am Rand, wie alle, die man in den Kaufhäusern sieht ... und das war praktisch (und notwendig).
Noch verwunderter blicke ich auf die "traditionelle" Bauweise. Mein Gott, ich wüsste auf Anhieb nicht, wie das zu benutzen wäre :-) Da waren die bulgarischen Toiletten, die eigentlich ein Nichts sind, eine schmutzige Platte im Fußboden mit einem Loch darin, noch selbsterklärender (beim ersten Mal dachte ich, das Becken wäre von Vandalen entfernt worden, suchte die nächste Kabine auf und stand verdutzt erneut vor dem 'Nichts'...
Wie werden die Techno-Wunder dann eigentlich, technisch gesehen, an Strom und Wasser angeschlossen, wo ist der Stauraum für die Warmwasserzubereitung, und wo sind die Musik-Lautsprecher? :-)

Tim

Hallo Gunda, ich muss noch eben etwas hinzufügen... Also, dein Artikel hat nebenbei bewirkt, eine uralte Wissenslücke bei mir zu schließen. Denn beim Betrachten des Fotos, das die 'traditionelle' Form zeigt, erinnerte mich diese seltsame Konstruktion an etwas, das auch hier gelegentlich anzutreffen ist, die Bezeichnung "Bidet" hat, und wovon mir niemals so recht klar war, wozu es eigentlich genau dienen soll. Einige Male traute ich mich, danach zu fragen, und bemerkte dabei, dass die Befragten es auch nicht genau wussten und, tief nachdenkend, zu abenteuerlichen Vermutungen und Überlegungen kamen. Immerhin wusste ich da, dass ich nicht der Einzige bin, dem der wahrhafte Sinn der Bidets nicht wirklich 100% deutlich war. Naja, und dann vergisst man es wieder, denn so häufig sind sie ja auch nicht.

Also, nach dem Lesen deines Artikels dachte ich, dass es wirklich an der Zeit ist, mich nun endlich mal über Bidets aufzuklären. Wikipedia? OK, ich suchte dort und wurde fündig. Ein toller und auch lustiger Artikel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bidet

Von dort aus führte mich ein Link weiter zu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Toiletten_in_Japan

Sehr lustig und informativ. Aber wie die technischen Anschlüsse erfolgen (sind dann Wasser- und Stromanschluss hinter dem Becken in die Wand integriert, und führen Kabel/Schläuche zur Brille? vermisste ich auch dort, ebenso wie das Rätsel des Zwecks der vorderen Aussparung auf dem ersten Foto hier...


Gunda

Hallo Tim!
Sooooooooooo viele Fragen!!!
Also, wie zu vermuten gibt es in jeder Klozelle (auch bei uns zu Hause) eine Steckdose als Standardausrüstung. Auf dem einen Foto im Beitrag kann man im Hintergrund auch sehen, wie das Klo eingestöpselt ist. Da das Ganze ja eh mit Strom "belebt" ist, kann das warme Wasser auch nicht mehr weit sein. Vielleicht gibt es eine Art Durchlauferhitzer. Jedenfalls sind die Toiletten auch noch an den Spülkasten angeschlossen. (So, wie jede Toilette.) Die Lautsprecher sind, soweit ich weiß, zur Seite oder nach oben ausgerichtet und da, wo die Tastatur ist. (s. Fotos im Beitrag)
Ach ja, und zum Bidet: Das ist etwas simpler. Der Wasserstrahl wird einfach nicht wie beim Waschbecken nach unten, sondern nach oben gerichtet. Fertig ist der Springbrunnen. Die Erfindung des Herrn Bidet ist zum Powaschen gedacht und wird heute auch noch vorallem von einigen Frauen zur Intimpflege benutzt.
Und: Aussparung vorne oder nicht; Schweinereien können Kinder immer auf dem Klo machen. Und bevor sie da rauf können, reicht schon wegen der Körpergröße ja der herkömmliche Nachttopf aus. - Kinder tragen hier übrigens ziemlich lange noch Windeln...

Gunda

Noch was zur Aussparung: Diesen Teil benutzt man ja sowieso selten zum Sitzen. Ich glaube, es soll praktisch sein, wenn man eine Klobürste im Klo hat, daß man dann die Brille hochklappen kann. Statisch ist die Aussparung natürlich kompletter Unsinn.

uranjeij

how to use a japanese toilet:

http://www.flickr.com/photos/uranjeij/45990577/

Tim

Hallo Gunda, danke für die vielen guten Antworten! Wirklich erstaunlich, was in Japan so alles ganz anders ist...

Carsten

Danke für den schönen Beitrag. Wann gibt es das eigentlich hier? Ein MP3 Player auf der Toilette fehlt mir noch. WLAN und Internetradio wäre natürlich noch besser. Und dann die Klobrille eben auch Spielen lassen, wenn ich nicht drauf sitze, als Badbeschallung. ;-)

Sorry, dass ich nicht eher dazu gekommen bin, aber ich hatte unfreiwillig wenig Muße die letzen Tage (sieht man auch an der Ruhe in meinem eigenem Blog)...

Gunda

Naja, wir sind ja auch grad beschäftigt...

Helga

also ich war gerade in Japan.
Habe mich nach drei Tagen an diese
typischen "Dusch-Toiletten" gewöhnt.
Wollte schon eine elektronische "Brille"
mitbringen, aber leider ist der Stromanschluss ein anderer.

Schade

Solveigh

"Köstlicher" Beitrag! Die Online-Exkrementuntersuchung ist kein Aprilscherz??

Sen

Ich bin begeistert, man sollte annehmen, das wir (deutschen) uns nicht Gedanken darüber machen wie die Japaner auf die Toilette gehen. Doch wir machen es. Als ich meiner Japanischen Brieffreundin mal schrieb.
"Bitte entschuldige, die dreiste und unverschämte Frage, doch wie ist das in Japan mit der Toilette, es gibt da doch so viele Möglichkeiten." Ich wollte damals nicht unhöflich rüber kommen, ich habe aber wohl eine Typische Frage gestellt, denn die Antwort kam sofort.
"Warum wollen immer alle wissen wie ein Japan Klo ist"
Das war Peinlich. Darum finde ich deinen Beitrag sehr gut.

Ich bin ein großer Japan Fan (Freak) und ich würde gerne Japanologie Studieren, hab aber leider da nicht mehr die Changse zu. Darum sauge ich aber alles auf was ich über Japan finden kann. Im Moment bin ich total hinter Badezimmer, Badekultur, Toilette und putzen her.

Was für Reiniger benutzen die Japaner. Was für Tücher ...wie Putzen sie... was für Kosmetik nutzen die Frauen in Japan, warum sagt jeder immer Japanische Frauen riechen so gut nach Seife ... was benutzen die für Seife ? Im Internet kann man kaum Informationen finden und seit meine Japanische Freundin geheiratet hat, hat sie keine Zeit mehr. Ich würde gerne mal Informationen zum Baden und co. Lesen Besonders womit und wie die Japaner putzen, baden.

BilligflugThailand

na das ist mal ein super bericht über toiletten.^^ man man man

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