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29. September 05

Rückschau auf ein Jahr Japan II: Leben in Japan

von Thomas

Unser Dasein hier in Japan besteht ja nicht nur aus Arbeit, wir leben ja auch einfach hier. Und daher nun ein Rückblick auf das erste Jahr unseres Lebens hier Japan. Leben in Japan, das wollten wir so nah und echt wie möglich erleben, und so war es für uns von Anfang an klar, dass wir nicht in eines der für Wissenschaftler extra eingerichteten Wohngethos wollten, sondern irgendwo in einem ganz normalen japanischen Mietshaus mit japanischen Nachbarn leben wollten. Ansonsten hätten wir ja auch in Neukoelln wohnen bleiben können, da gibts ein ähnlich buntes Voelkergemisch.

Jetzt leben wir also seit fast einem Jahr (den ersten Monat hatten wir ja im Gästehaus des Instituts verbracht) in Ami-machi, ganz in der Nähe der Bahnstation Arakawaoki. Und wir haben es bisher nicht bereut. Wir leben hier mitten unter Japanern, Ausländer sind hier so selten, wie Palmen am Nordpol. In den Geschäften, Restaurants, der Post, am Bahnhof usw. sprechen alle nur Japanisch, natürlich auch unsere Nachbarn oder unsere Vermieterin. Aber es geht, es hindert uns letztlich nicht daran, alles zu bekommen was wir wollen, wenn es auch nicht einfach ist. Dafür kann man sehr viel beobachten, aus dem ganz normalen japanischen Alltag, die brummigen Männer, die Morgens ganz früh aus dem Haus gehen und abends spät nach Hause kommen, die Hausfrauen, die quatschend auf der Straße stehen, wenn ich zur Arbeit fahre, die Kinder, die einen neugierig ansehen oder auch mal ganz mutig ansprechen und dann ganz perplex sind, wenn man ihnen antworten kann. Man sieht, was die Leute im Supermarkt so kaufen (der ganze Supermarkt ist schon Erlebnis für sich, mit seiner Unruhe, der Musik, dem Durcheinander von Ansagen, die Fischabteilung, mit ihren Unmengen an merkwürdig aussehenden Meerestieren, usw.), was im Restaurant gegessen wird, man sieht Leute beim Joggen oder Walken, manchmal mitten in der Nacht, man kann die Mode der Jugendlichen studieren, was Kinder so spielen, man sieht alten Leuten bei ihrer Freizeitbeschäftigung zu (besonders beliebt ist hier Croquet), da gibts dem Mann vom Fahrradladen, der auch Gemüse verkauft, den Opa, der immer hinter der Scheibe von seiner Verandatuer hockt, die Leute, die jeden Tag ihre stoffbezogene Klobrille zum trocknen nach draußen legen, die ganzen kleinen Laedchen und Geschäfte, die bunten Haeuser, manche in pink oder türkis, orange ist auch beliebt, meist einfach aus Plastik- oder Aluprofilen bestehend, dazwischen dann ein altes, verrottetes japanisches Holzhaus, an das dann wieder eine große Villa grenzt, die neben einem mehrgeschossigen Mietshaus steht und mitten drin, ein kleiner Schrein. Kurz, ein kunterbuntes Durcheinander an ganz verschiedenen Eindrücken, eine ständig sprudelnde Quelle an neuen Erfahrungen und Anregungen und wir mittendrin...

Am Anfang hatte man ständig das Gefühl, das man auffällt, angestarrt wird, wenn es auch nur Kinder waren, die mit offenem Mund stehen blieben und einen mit großen Augen ansahen, aber auch von den Erwachsenen fühlte man sich immer etwas beobachtet. Das Gefühl habe ich inzwischen nicht mehr so sehr. Zu selbstverständlich und normal ist vieles geworden. Man kennt seine Wege, weiß, wo was ist, muss nicht mehr suchen und entdeckt trotzdem immer noch was neues. Was kann es besseres geben?

Zwischendurch war ich aber sogar einmal darüber erschreckt, wie schnell man sich an seine Umgebung gewöhnt, das Gefühl, fremd zu sein, geht bei vielen Dingen doch durch Routine verloren, z.B. beim täglichen Weg zur Arbeit, wenn man immer an den gleichen Orten vorbeikommt, bekommt alles Normalität und Vertrautheit. Das ändert sich natürlich sofort, wenn man direkten Kontakt mit seiner Umwelt aufnehmen muss, nicht nur das wir schon rein optisch immer als fremd zu identifizieren sind, die Sprachbariere ist einem ständig bewusst. Man kann vieles nicht lesen, wenn man jemanden fragt, ist das immer ein Problem. Kommunikation ist hier nie unproblematisch, sie macht einem ständig bewusst, dass man hier fremd und ein Außenseiter ist.

Und so leben wir zwar mitten unter Japanern, aber wir leben nur sehr begrenzt mit ihnen, wir sind Beobachter (und Beobachtete), aber wir sind nicht wirklich ein Teil  des  alltäglichen Lebens. Und das, was wir beobachten können, ist fast ausschließlich auf das öffentliche Leben beschränkt, das private Leben der Japaner ist für ganz weit weg.

Zwar haben wir einige japanische Freunde, aber die stammen eben aus Tokyo und so läuft der Kontakt fast nur über e-mail. Ab und zu sieht man sich mal, aber das ist dann letztlich doch die Ausnahme. Jedenfalls für mich. Bei Gunda sieht das etwas besser aus, da sie durch ihre Privatstunden doch viel dran ist, an japanischem Alltagsleben und davon viel mehr mitbekommt. Daran wird sich auch wohl nicht viel ändern, da müsste uns schon über Nacht die Gabe zufliegen, perfekt Japanisch sprechen zu können.

Was sonst noch? Natürlich unsere Wohnung. Damit haben wir wirklich Glück gehabt. Sie ist schön groß und billig, sauber (nicht eine Kakerlake hatten wir!), nicht zu warm und nicht zu kalt, manchmal haben wir wegen der hohen Luftfeuchtigkeit etwas Schimmel, aber im Vergleich zu dem, was wir schon von anderen gehört haben und auch selbst gesehen haben, ist das nicht der Rede wert. Und inzwischen haben wir uns auch so richtig gemütlich eingerichtet. Die Wohnung hat kaum noch etwas provisorisches, was ich ja eigentlich vorher befürchtet habe. Und wenn wir in einem Jahr dort rausmuessen, dann wird mir das zumindestens sehr schwer fallen.

Schwer fallen... Die Wohnung ist da nicht das Einzige, was ich vermissen werde. Wenn es auch immer wieder viele Schwierigkeiten im Alltag gibt, so ist doch Japan einfach ein Land, in dem das Leben sehr bequem ist. Nur z.B. die Post. Ist man bei einer Paketlieferung nicht da, dann bekommt man ein Kärtchen und da schreibt man drauf, wann es einem denn passen würde und dann wird einem das Paket gebracht. Und dieser Service findet sich eigentlich überall. Dazu sind die Leute sehr freundlich und hilfsbereit und vor allem sehr geduldig mit uns Ausländern. Wenn ich da schon wieder an die mürrischen Gesichter deutscher Verkaeuferinen denke, an die ständigen Hinweise, das etwas nicht geht, usw. Hier geht auch vieles nicht, aber wenigstens entschuldigt man sich dann dafür...

Kurz, Leben in Japan finde ich sehr angenehm und das wiegt manches, was man sonst an Schwierigkeiten hier hat, wieder auf. Aber trotzdem, zwei Jahre sind da auch genug, denn irgendwann will man ja dann doch wieder in die vertraute Umgebung zurück, sich wieder ohne Probleme unterhalten können, aber es wird nicht so einfach werden und das Heimweh nach Japan wird vielleicht größer sein, als jetzt das Heimweh nach Deutschland, denn ich weiß ja jetzt, dass ich wieder dorthin zurückgehen werde, aber in Japan leben, werde ich nie wieder. In vielerlei Hinsicht kein angenehmer Gedanke.

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Kommentare

Tim

"stoffbezogene Klobrille"
Mahn glaubt es kaum ... Was ist denn das? Davon habe ich noch nie gehört, und kann es mir nicht vorstellen...

Thomas

Eigentlich genau das, wonach es klingt :)

Es ist hier relativ beliebt, nicht nur den Klodeckel, sondern auch die Klobrille selbst mit Stoff zu beziehen. Der wird dann natuerlich feucht und man muss ihn trocknen lassen... Das abziehen des Stoffs ist wohl etwas umstaendlich, also stellen diese Leute gleich die ganze Klobrille nach draussen in die Sonne, damit alles schoen trocknet.

Der Grund fuer den Ueberzug liegt darin begruendet, dass es dann eben weicher udn waermer beim sitzen ist. Beliebt sind hier ja auch beheizbare Klobrillen.

Manche Klos haben hier Amaturen wie ein Auto, da kann man dann die Brillentemperatur einstellen, irgendwelche Soundeffekte und diverse "Wasserspielchen". Ueber japansiche Klos koennte man auch mal einen ganzen Bericht schreiben *lach*

Carsten

Oh ja, den Bericht über die Klobrillen wünsche ich mir... ;-)

Noga

Ja - unbedingt! Ich warte auf den Klobrillen- und Kloarmaturenbeitrag. Foto von den Wasserspielen wäre auch schön ;-)

Viele Grüße
Noga

Tilman

Hallo ihr! Ich hab bei Kilians Podcast euer Interview gehört und mich an unseren Mailwechsel erinnert. Ich bin inzwischen wieder in Deutschland und fange gerade mein Physikstudium in Göttingen an. Dieser Rückblick erinnert mich sehr an meine Zeit in Japan, und diese typische japanische Straßenszene ist auch ehrlich gesagt eine der Dinge, die ich am meisten vermisse! Ich beneide euch sehr, dass ihr jetzt dort seid.
Ich hatte ja in Japan einmal in der Woche im örtlichen Gemeindezentrum einen Japanischkurs. Habt ihr euch mal in eurer Umgebung umgeguckt, ob es sowas gibt? Mir hat das unglaublich geholfen, da mich die lieben Menschen dort natürlich auch überall hin mitgenommen und mir alles erklärt haben.
Aber generell bei Problemen: Wenn man auf die Japaner zugeht löst es sich meistens von selbst! Ich wünsche euch noch ganz viel Spaß und viel Mut zu allem was euch dort umgibt!

Tim

Ich schließe mich dem Winsch von Noga an, die Neugier treibt mich dazu :-)

Thomas

Der Klo-Report ist schon in Arbeit, wir machen schon eifrig Photos... :)

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