Ersatzlehrer
von Thomas
Da nun Gunda immer noch als Englischlehrerin durch die Provinz tourt, musste ich heute für sie in ihrem Konverstionskurs einspringen. Zum Glück ist das ja kein Sprachunterricht, sondern es geht mehr um zwanglose Plaudern, bei dem man den Japanern Deutschland etwas näher bringt. Da ja in beiden Ländern innerhalb der nächsten Tag ein neues Parlament gewählt wird, nachdem beide Parlamente fast gleichzeitig aufgelöst worden waren, bot es sich an, darüber zu diskutieren.
Konkret haben wir uns dann über Wahlwerbung unterhalten. Gunda und mir ist aufgefallen, dass japanische Wahlplakate recht langweilig sind, da sie fast alle gleich aus sehen. Man sieht den Kopf eines Politikers, das Gesicht wirkt meist sehr ernst, maximal ein kleines Lächeln, manchmal sieht man auch noch eine geballte Faust. Das wars dann auch schon. In Deutschland geht es da doch viel bunter zu und nicht nur bei den Grünen...
Eine Auswahl typischer Motive hatte ich mir aus dem Internet besorgt und als bunte Collage auf ein DIN-A4 Blatt gepackt. Den Kanzler beim Fußballspielen, Frau Merkel in kämpferischer Pose, Guido Westerwelle etwas langweilig drein schauend, ein lachender Stoiber und ein lässiger Joschka Fischer. Dazu das CDU-Kompetenzteam, ein (alleinerziehender ?) Vater mit zwei Kindern, ein fröhliches Mädchen auf einer Schaukel und eine Ministerin, die aussieht, wie die jungen Damen, die Werbung für Zahnpasta macht. Das fanden sie auch alle sehr erstaunlich und interessant und man konnte ganz vermitteln, wie sich in diesen Bildern das Verständnis der Deutschen von Politikern, aber auch von manchen gesellschaftlichen Situationen ausdrückt.
Am meisten beeindruckte sie aber ein Plakat der Grünen. Ein missmutig dreinschauender Stoiber und dazu die Überschrift "Die beleidigte Lederhose". Nein, so was wäre in Japan unmöglich, das kann sich keine Partei leisten. In Deutschland ging das vor ein paar Jahren ja auch noch nicht, aber jetzt ist es eben fast schon normal.
Insgesamt war der Kurs also nicht nur eine unterhaltsame Plauderstunde mit netten Leuten oder eine informative Einbahnstraße, sondern es ging ganz gut in beide Richtungen, denn allein aus den Reaktionen der Teilnehmer, konnte man doch ziemlich viel über die hiesige Gesellschaft lernen.
Vielleicht kann Gunda ja irgendwann wieder nicht den Kurs leiten... :)


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