von Gunda
"Was machst du eigentlich so den ganzen Tag?"
Die Frage habe ich mittlerweile SO oft gehört, daß ich sie hier jetzt mal für alle beantworten will, die sich noch nicht getraut haben, zu fragen.
Also, im Prinzip suche ich immernoch einen Job.
Am Anfang hatte ich wenig anderes im Kopf und habe mir tierisch viel Streß damit gemacht, daß ich unbedingt Arbeit brauche. Damit dieser Streß aufhört habe ich irgendwann beschlossen, meine Habachtstellung zu verlassen und mir vorgenommen, meine Zeit so zu verbringen, daß ich das Gefühl habe, es geht mir gut und meine Tage sind ausgefüllt. Trotzdem habe ich meine Zeit nicht so vollgepackt, daß ich vor lauter Freizeitstreß nicht mehr arbeiten könnte. Ich bin also noch jederzeit bereit. Ich habe mir die Arbeitssuche in zwei Phasen eingeteilt: Die Phase, in der ich suche und die Regenerationsphase. - Sonst geht mir die Energie aus.
Bin ich jetzt "arbeitssuchend"? Oder "Hausfrau"?
Keine Ahnung. Mit Letzterem kann ich mich zwar nicht identifizieren; aber meine Hauptaufgabe, mein "Job", wenn man so will, besteht tatsächlich im Moment zu einem großen Teil aus Hausarbeit. In Berlin hatten wir uns das geteilt; jetzt habe ich es übernommen. Erstens natürlich, weil ich mehr Zeit habe und zweitens, weil Thomas hier viel länger arbeiten muß als in Berlin. Trotzdem fühlt sich Thomas immernoch für unseren Haushalt mitverantwortlich. Donnerstag und am Wochenende kocht er meistens. Außerdem macht er auch noch alles, was ich nicht kann.
Mein Tag fängt meist damit an, daß wir zusammen abwaschen. Nach dem Frühstück geht Thomas zur Arbeit und ich setze mich an den Computer, um den Vormittag über Mails zu schreiben und zu beantworten, Fotos zu verwalten, Sachen für die Homepage zu schreiben, Infos im Internet zu suchen usw.
Mittags hole ich mir oft etwas zum Essen aus dem Supermarkt, was da frisch zubereitet wird.
Dann geht's an die Hausarbeit. Im Moment ist da viel zu tun, weil wir ein kleines bischen Schimmel in dem Teil der Wohnung haben, den man im Winter nicht heizen kann (Das ist hier völlig normal.), die Kleidung gegen die Sommerschwüle und die Vorräte gegen Ungeziefer gewappnet werden müssen. Ich mache jeden Tag ein bischen was, sodaß ich noch Freizeit danach habe. Am Anfang der Woche putze ich meist. (Manchmal wird es auch Ende der Woche.) Einmal in der Woche wasche ich Wäsche, was fast den ganzen Tag dauert, da man diese Waschmaschine immer nur halb voll machen kann, weil sie sonst beim Schleudern umkippt.
Tja, und am Nachmittag mache ich ganz viele verschiedene Sachen: Lesen (auch für die Uni und natürlich über Japan), Ausflüge in die Umgebung oder nach Tokyo, Schmuck produzieren, Fotografieren (natürlich auch das Schwein so oft wie möglich), mich mit Leuten treffen, zweimal im Monat den Konversationskurs Deutsch leiten (und das natürlich vorbereiten), versuchen, in Bewegung zu bleiben, seit Neuestem einmal im Monat Ikebana, demnächst wahrscheinlich Kaligraphie ... Eigentlich fällt mir dann auch immer spontan was ein, was ich nochmal unbedingt machen will. Z.B. bummle ich sehr gerne durch die 100-Yen-Shops, die überhaupt nicht so ramschig sind, wie die 99-cent-Läden in Deutschland, sondern viele Sachen von richtig guter Qualität haben. Das regt meine Kreativität sehr an. In Tsukuba oder den anderen Städten um uns herum zu bummeln macht natürlich auch Spaß.
Dienstags habe ich ja dann immer vormittags mit Thomas zusammen Japanisch, was wir Montagabend meist vorbereiten, bzw. von vergangener Stunde nachbereiten. Und einmal im Monat muß ich ins Krankenhaus, um mir ein neues Rezept zu holen. - Das dauert mit Anfahrt und Warten immer fast den ganzen Tag.
Zwischen 17 und 18 h gehe ich meist einkaufen und lasse mich im Supermarkt ein bischen treiben, um herauszufinden, was ich kochen will, wenn Thomas kommt. Eigentlich hat mir Kochen früher nie Spaß gemacht, und in Berlin hat Thomas fast immer gekocht. Aber seit ich hier öfter mal rumprobiere, geht es eigentlich. Und wenn ich absolut keine Idee oder Lust habe, kocht Thomas eben. - Dem macht das einfach mehr Spaß.
Zwischen 20 und 21 h kommt Thomas dann nach Hause. Wir essen, und hinterher spielen wir was, basteln am Computer rum oder jeder läßt den Tag für sich ausklingen.
Manchmal ist es so, manchmal aber auch ganz anders und alles wird über den Haufen geworfen.
Am Wochenende machen wir, wie man unserem Tagebuch entnehmen kann, oft zusammen Ausflüge oder Kurzreisen, treffen Leute, ruhen uns aus oder basteln an den ganzen Homepages.
Wie Ihr seht, wird es mir eigentlich nie langweilig. Im Prinzip kann ich hier ganz viele Dinge tun, für die ich in Deutschland oft keine Zeit oder Gelegenheit hatte. Im Moment habe ich schon das Gefühl, sehr frei zu sein. Klar, manche Dinge müssen einfach gemacht werden; auch, wenn sie keinem Spaß machen. Und natürlich wünsche ich mir auch weiterhin eine Arbeit. Ich habe auch nicht das Gefühl eines "Langzeiturlaubs".
Mal sehen, worunter ich das alles ganz am Ende verbuchen werde...
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