Geheimnisse der Teezeremonie
von Gunda
Am Samstag waren wir zu einer Teezeremonie (in einer Art
Gemeinschaftshaus in Tokyo während eines „Volksfestes“) eingeladen, was
wirklich für Ausländer eine große Ehre ist. Die Teezeremonie ist
nämlich für die meisten Japaner eine religiöse Handlung, und sie haben
Angst, daß Ausländer sich falsch verhalten und somit das Ganze
„ruinieren“ könnten. Da wir ja aber eigentlich ganz artige Ausländer
(Gaijin) sind, hat sich Akapu, eine Bekannte von mir, bei ihrer Teemeisterin für uns eingesetzt
und konnte uns tatsächlich in die „heiligen Hallen“ einladen, was uns
sehr gerührt hat. - Normalerweise bekommen Ausländer nämlich nur eine
offizielle Version extra für sie, sozusagen als „Schauspiel“,
dargeboten.
Wir wurden von Akapu im Vorfeld gebeten, an diesem Tag kein Parfum oder
ähnlich stark Riechendes zu benutzen, damit der Geruch des Tees nicht
gestört werden würde; weiter sollten wir vor der Zeremonie unsere Ringe
ablegen, um das kostbare Geschirr nicht zu beschädigen und weiße Socken
mitbringen, um die empfindlichen Tatami-Matten sauberzuhalten, auf
denen z.T. auch die Utensilien direkt abgelegt wurden.
Damit das alles besser verständlich ist, schreibe ich erstmal (kurz) generell was über die Teezeremonie:
Die Teezeremonie ist vom Zen-Buddhismus beeinflußt, der hier, im
Gegensatz zum in Europa verbreiteten Buddhismus, sonst eher eine
geringere Rolle spielt. Teetrinken wurde im 9. Jhdt. n.Chr. von einem
chinesischen Mönch in Japan eingeführt und wurde sofort poulär.
Bei der Teezeremonie wird Puder aus grünem Tee (matcha) benutzt, der
preislich und geschmacklich sehr unterschiedlich sein kann und die
Kosistenz des Tees maßgeblich beeinflußt. Diese Art von Tee wird immer
nur einer kleinen Gruppe geladener Gäste serviert und ist nicht für den
Alltag bestimmt.
Tee heißt auf Japanisch „cha“, bzw. „ocha“ (Höflichkeitsform). Es gibt
drei verschiedene Sorten Teezeremonie: Cha-no-yu (=heißes Wasser für
Tee), Sado oder Chado (=der Weg / die Art des Tees) und Cha-ji (volle
Teezeremonie). Cha-no-yu beinhaltet ein einziges Mal dünnen Tee
zuzubereiten und auf eine bestimmte Art zu trinken. Sado oder Chado
wird zum Studium und der Lehre der Teezeremonie abgehalten. Cha-ji
letztlich ist die volle Teezeremonie, die ein kleines leichtes Essen
(kaiseki), Süßigkeiten (kashi), dünnen Tee (usuicha) und anschließend
dicken Tee (koicha) in der Konsistenz von ungefähr Joghurt beinhaltet.
Als erstes kamen wir also in den öffentlichen Raum, in dem wir recht
ungezwungen selbst das Teeanrühren (des dünnen Tees) und –trinken üben
konnten. Das mit dem Trinken ist gar nicht so einfach, wie es sich
anhört, denn, wie bei allen Ritualen, gibt es auch hierbei Regeln zu
beachten.
Wir haben also erst zwei Messerspitzen voll Teepulver mit dem Chashaku,
einem kleinen gebogenen löffelartigen Bambusstäbchen, in die Schalen
getan, dann heißes Wasser (aus einer Thermoskanne!) darübergegossen und
mit einer Art Bambus-Rasierpinsel, dem Chasen (unterschiedlich für
dünnen oder dicken Tee), verquirlt. Die Schalen wurden dann auf ein
Tablett gestellt und drei Süßigkeiten dazugelegt. Anschließend knieten
wir uns hin, Akapu brachte uns die Tabletts und wir mußten zuerst die
wirklich sehr süßen Süßigkeiten essen, die deshalb so süß sind, weil
der Tee entsprechend bitter ist und auf keinen Fall mit Zucker, Milch
oder sonst irgendetwas „verunreinigt“ werden darf.
Dann kam das Teetrinken: Man nimmt die Schale mit der rechten Hand auf
und setzt sie auf der linken ab. (Natürlich hat eine Teeschale keinen
Griff.) Nun hat man das „Zentrum“ des Schalenrandes vor sich, von dem
man aber nicht trinken darf. Vielmehr muß man die Teeschale zweimal
eine Achteldrehung im Uhrzeigersinn drehen, sodaß das Zentrum auf den
anschließend Trinkenden (links von einem) zeigt. Dann trinkt man mit
drei Schlucken den Tee aus.
Aber das war ja nur die Übung.
Die echte Zeremonie kam ja noch.
Für die wurden wir durch ein kleines Stück japanischen Garten (mitten
auf einem Tokyoter Hausdach) geführt und mußten in ein kleines Loch in
der Wand (nijiriguchi; ca. 1 x 1m) kriechen und dabei gleichzeitig die
obligatorischen Latschen abstreifen. – Kein leichtes Unterfangen. Aber
wir bekamen ja immer und überall Hilfe… Das Sich-in-den-Raum-Zwängen
hat zwei Funktionen: Erstens wird dadurch klargemacht, daß man sich
demütig beugen soll, wenn man diesen kleinen abgeschlossenen Kosmos
betritt; zweitens wird man automatisch dazu gezwungen, in die Knie zu
gehen, auf denen rutschend man sich auf den Tatami-Matten bewegen soll.
Wir bekamen einen Platz ganz in der Nähe der Gastgeberin zugeteilt, was
eine große Ehre war. Außer uns waren noch Akapu und vier ältere Damen
als Gäste anwesend (eine ohne Kimono). Dann gab es da noch die
Gastgeberin und eine Frau, die ihr geholfen hat und ab und zu hinten in
einem Utensilienraum verschwunden ist, um etwas zu holen. – Natürlich
gehörte der Gastgeberin der Raum nicht; es war Teil einer Art
Rollenspieles, in dem die Gastgeberin diejenige ist, die die Ehre hat,
den anderen den Tee zuzubereiten. Der Raum war mit den anwesenden
Personen gut gefüllt, die alle im Halbkreis um einen im Boden
eingelassenen Topf mit heißem Wasser saßen. Hinter Thomas und mir
befand sich eine Nische mit ein paar Blütenzweigen und einem
Spruchband, das den Geruch der Pflaumenblüten beschrieb. Links von der
Gastgeberin gab es eine niedrige mit Papier bespannte Stellwand. (Was
wir später erst mitbekommen und dann auch genutzt haben, weil Thomas
den Damen zu groß schien: Es gab auch noch eine normal große Schiebetür
in den Garten.)
Dann begann die Zeremonie, die wir, soweit wir konnten, einfach
nachgeahmt haben. Natürlich waren wir etwas unsicher, und manchmal
waren uns Fehler peinlich; aber die Damen haben es uns eigentlich ganz
leicht gemacht, das Ganze zu verstehen und mitzumachen.
Nachdem sich die Gäste hingesetzt hatten (auf dem Boden knieend, auf
den Hacken sitzend), betrat die Gastgeberin den Raum und dankte allen
in vorgeschrieben Worten dafür, daß sie aus ihrem geschäftigen Leben zu
ihr gefunden haben, um mit ihr Tee zu trinken. Die Gäste legten ihre
Fächer quer vor sich, verbeugten sich und bedankten sich in ebenso
vorgeschriebenen Sätzen für die Einladung.
Es folgte Kashi, das Servieren der Süßigkeiten: Eine Schale mit halb
handtellergroßen Süßigkeiten, die die Form einer Pflaumenblüte und die
Konsistenz von Marzipan hatten und mit Mus aus roten (Azuki-)Bohnen
gefüllt waren, wurde herumgereicht, sowie Stäbchen, mit denen sich
jeder ein Stück auf ein kleines Papier vor sich legen sollte. Dann
wurden die Stäbchen mit einer Ecke des Papiers auf eine bestimmte Weise
abgewischt, auf den Schalenrand gelegt und nach links weitergereicht.
(Zum Glück war Akapu immer vor mir dran, sodaß ich alles gut nachmachen
konnte.) Als jeder ein Stück vor sich liegen hatte, wurden die
Süßigkeiten alle gleichzeitig gegessen. (Beim Rausnehmen der Teile aus
der Schale zuckten die Damen leicht zusammen, weil sie dachten, wir
könnten nicht mit Stäbchen umgehen.)
Dann kam Kiyomeru, das rituelle Reinigen der Teeutensilien mit einem
Seidentuch (fukusa), das je nach Geschlecht, Alter oder Können eine
andere Farbe hat. Vor der Reinigung wird dieses Tuch auf eine spezielle
Art gefaltet und zunächst waagerecht gehalten, um „den Himmel auf die
Erde zu bringen“. Auch, wenn alle Utensilien sauber sind, zeigt der
Gastgeber durch die Reinigung, daß er sich gut um seine Gäste kümmert.
– Das Reinigen ist außerdem eines der zentralen Elemente der
Shinto-Religion. (Die Japaner gehören zum größten Teil dem Shintoismus
und zugleich dem Buddhismus an.)
Anschließend wurde das „Wasser Eingießen“ zelebriert. Aus dem im Boden
eingelassenen großen Metalltopf wurde mit einer Bambuskelle (hishaku)
heißes Wasser geschöpft. Die Kelle muß von der Gastgeberin in einer
bestimmten Art gehalten werden, sodaß sie sich in dem Wasser spiegelt.
In diesem Moment soll sie innehalten und in dem Spiegel ihre Seele
betrachten, um sicherzugehen, daß dort keine Unruhe zu finden ist, die
sie daran hindern könnte, den Tee angemessen zuzubereiten.
Anschließend wurde das heiße Wasser zum Chasen-toshi in die Teeschale
gefüllt. Hierbei werden alle Untensilien auf die Teezubereitung
vorbereitet: Die Teeschale wird vorgewärmt, sodaß sich der Tee leichter
mischen läßt und seinen Geschmack besser entfaltet, die Borsten des
Chasen werden weich, sodaß sich der Tee besser rühren läßt und der
Gastgeber kann entscheiden, ob das Wasser die richtige Temperatur hat.
Dieses erste Wasser wurde dann in einen anderen Topf ausgegossen und es
kam zum Teeaufguß:
Wir sollten den dicken (besonders wertvollen) Tee (koicha) bekommen.
Dieser wurde für alle Personen in einer Schale angerührt, die später
herumgereicht werden sollte.
Pro Perso kommen drei Bambuslöffelspitzen Tee in die Schale. Die
Gastgeberin hat den Tee geglättet, drei Linien in das Pulver gezogen
und den Löffel sorgfältig wieder an seinen ursprünglichen Platz
zurückgelegt. Dann wurde das Pulver mit recht wenig heißem Wasser
aufgegossen und vor unseren Augen mit dem Chasen verquirlt. Es entstand
eine dunkelgrüne Masse von joghurtähnlicher Konsistenz, die sehr bitter
war und grüne Krümel im Mund hinterließ. Alles wurde in absoluter
Stille (nur ganz selten von kurzen Erklärungen für uns unterbrochen)
vollzogen. Die Stille des Gastgebers wird auch als Anzeichen für
besondere Wertschätzung der Gäste gesehen.
Dann wurde der Tee herumgereicht. Wieder mußten wir ihn mit der rechten
Hand aufnehmen, diesmal aber gleichzeitig in der linken Hand ein
orangefarbenes Tuch (dashibukusa) ausbreiten, auf dem die Schale
abgestellt wurde. Anschließend verbeugte man sich mit der Schale in der
Hand bedankend in Richtung der Gastgeberin. Dann wurden oben
beschriebene Drehungen der Schale vollzogen. Nachdem wir drei
„Schlucke“ (Ich gebe zu, daß wir beide nur genippt haben.) genommen
hatten, mußte der Rand der Schale mit einem Papier in einer bestimmten
Art (dreimal von links nach rechts) abgewischt werden, das „Zentrum“
wieder zurückgedreht werden, und die Schale wurde nach links mit einer
Verbeugung weitergereicht.
Der letzte Gast mußte den ganzen Tee austrinken, was ziemlich viel war,
weil Thomas und ich ja nur genippt hatten. Und weil der Tee so wertvoll
war, wurde die Schale nochmal mit heißem Wasser ausgegossen, und die
letzte Dame in der Reihe trank den Sud noch aus.
Es folgte der „inoffizielle“ Teil, der aber natürlich auch offiziell
war. Zunächst wird dem Gastgeber dabei formell gedankt. Man darf sich
zwar aussuchen, welche Formeln man benutzt; aber die Art der Sätze ist
vorgeschrieben. So fragte Akapu dann anschließend, ob sie die
Untensilien einmal genauer ansehen dürfte. Dieses „genauer Ansehen“
bestand wieder in einer Art ritueller Handlung, bei der die Gegenstände
einzeln zuerst in die Hand genommen und von allen Seiten genau
betrachtet werden mußten und dann das Gleiche passieren sollte, wenn
man den Gegenstand anschließend auf dem Boden abgelegt hatte. Dann
wurde das Utensil nach links weitergereicht.
Mit dem nochmaligen Dank an die Gastgeberin und dem Verlassen des
Raumes verließen wir auch diesen stillen ruhigen Kosmos, um bald darauf
wieder in die Hektik der Großstadt einzutauchen.
Vorher hatten wir allerdings noch die Gelegenheit, uns japanische
traditionelle Tänze anzusehen und „hinter den Kulissen“ des Teeraumes
zu einigen japanischen Snacks eingeladen zu werden.
Danach besuchten wir mit Akapu noch zwei Schreine und die Todai-Uni (s. Fotos).
Auf dem Nachhauseweg fanden wir uns unversehens in einer Diskussion
wieder, ob jemand, der nicht mit der Teezeremonie als religiöser
Handlung aufgewachsen ist, je das Gleiche dabei empfinden könnte, wie
jemand, zu dessen Leben diese Zeremonie regelmäßig gehört.


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