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19. Februar 05

Geheimnisse der Teezeremonie

von Gunda

Am Samstag waren wir zu einer Teezeremonie (in einer Art Gemeinschaftshaus in Tokyo während eines „Volksfestes“) eingeladen, was wirklich für Ausländer eine große Ehre ist. Die Teezeremonie ist nämlich für die meisten Japaner eine religiöse Handlung, und sieCimg3749_small haben Angst, daß Ausländer sich falsch verhalten und somit das Ganze „ruinieren“ könnten. Da wir ja aber eigentlich ganz artige Ausländer (Gaijin) sind, hat sich Akapu, eine Bekannte von mir, bei ihrer Teemeisterin für uns eingesetzt und konnte uns tatsächlich in die „heiligen Hallen“ einladen, was uns sehr gerührt hat. - Normalerweise bekommen Ausländer nämlich nur eine offizielle Version extra für sie, sozusagen als „Schauspiel“, dargeboten.
Wir wurden von Akapu im Vorfeld gebeten, an diesem Tag kein Parfum oder ähnlich stark Riechendes zu benutzen, damit der Geruch des Tees nicht gestört werden würde; weiter sollten wir vor der Zeremonie unsere Ringe ablegen, um das kostbare Geschirr nicht zu beschädigen und weiße Socken mitbringen, um die empfindlichen Tatami-Matten sauberzuhalten, auf denen z.T. auch die Utensilien direkt abgelegt wurden.
Damit das alles besser verständlich ist, schreibe ich erstmal (kurz) generell was über die Teezeremonie:

Die Teezeremonie ist vom Zen-Buddhismus beeinflußt, der hier, im Gegensatz zum in Europa verbreiteten Buddhismus, sonst eher eine geringere Rolle spielt. Teetrinken wurde im 9. Jhdt. n.Chr. von einem chinesischen Mönch in Japan eingeführt und wurde sofort poulär.
Bei der Teezeremonie wird Puder aus grünem Tee (matcha) benutzt, der preislich und geschmacklich sehr unterschiedlich sein kann und die Kosistenz des Tees maßgeblich beeinflußt. Diese Art von Tee wird immer nur einer kleinen Gruppe geladener Gäste serviert und ist nicht für den Alltag bestimmt.
Tee heißt auf Japanisch „cha“, bzw. „ocha“ (Höflichkeitsform). Es gibt drei verschiedene Sorten Teezeremonie: Cha-no-yu (=heißes Wasser für Tee), Sado oder Chado (=der Weg / die Art des Tees) und Cha-ji (volle Teezeremonie). Cha-no-yu beinhaltet ein einziges Mal dünnen Tee zuzubereiten und auf eine bestimmte Art zu trinken. Sado oder Chado wird zum Studium und der Lehre der Teezeremonie abgehalten. Cha-ji letztlich ist die volle Teezeremonie, die ein kleines leichtes Essen (kaiseki), Süßigkeiten (kashi), dünnen Tee (usuicha) und anschließend dicken Tee (koicha) in der Konsistenz von ungefähr Joghurt beinhaltet.

Cimg3736_small Als erstes kamen wir also in den öffentlichen Raum, in dem wir recht ungezwungen selbst das Teeanrühren (des dünnen Tees) und –trinken üben konnten. Das mit dem Trinken ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört, denn, wie bei allen Ritualen, gibt es auch hierbei Regeln zu beachten.
Wir haben also erst zwei Messerspitzen voll Teepulver mit dem Chashaku, einem kleinen gebogenen löffelartigen Bambusstäbchen, in die Schalen getan, dann heißes Wasser (aus einer Thermoskanne!) darübergegossen und mit einer Art
Cimg3742_small Bambus-Rasierpinsel, dem Chasen (unterschiedlich für dünnen oder dicken Tee), verquirlt. Die Schalen wurden dann auf ein Tablett gestellt und drei Süßigkeiten dazugelegt. Anschließend knieten wir uns hin, Akapu brachte uns die Tabletts und wir mußten zuerst die wirklich sehr süßen Süßigkeiten essen, die deshalb so süß sind, weil der Tee entsprechend bitter ist und auf keinen Fall mit Zucker, Milch oder sonst irgendetwas „verunreinigt“ werden darf.
Dann kam das Teetrinken: Man nimmt die Schale mit der rechten Hand auf und setzt sie auf der linken ab. (Natürlich hat eine Teeschale keinen Griff.) Nun hat man das „Zentrum“ des Schalenrandes vor sich, von dem man aber nicht trinken darf. Vielmehr muß man die Teeschale zweimal eine Achteldrehung im Uhrzeigersinn drehen, sodaß das Zentrum auf den anschließend Trinkenden (links von einem) zeigt. Dann trinkt man mit drei Schlucken den Tee aus.

Aber das war ja nur die Übung.
Die echte Zeremonie kam ja noch.
Für die wurden wir durch ein kleines Stück japanischen Garten (mitten auf einem Tokyoter Hausdach) geführt und mußten in ein kleines Loch in der Wand (nijiriguchi; ca. 1 x 1m) kriechen und dabei gleichzeitig die obligatorischen Latschen abstreifen. – Kein leichtes Unterfangen. Aber wir bekamen ja immer und überall Hilfe… Das Sich-in-den-Raum-Zwängen hat zwei Funktionen: Erstens wird dadurch klargemacht, daß man sich demütig beugen soll, wenn man diesen kleinen abgeschlossenen Kosmos betritt; zweitens wird man automatisch dazu gezwungen, in die Knie zu gehen, auf denen rutschend man sich auf den Tatami-Matten bewegen soll.
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Wir bekamen einen Platz ganz in der Nähe der Gastgeberin zugeteilt, was eine große Ehre war. Außer uns waren noch Akapu und vier ältere Damen als Gäste anwesend (eine ohne Kimono). Dann gab es da noch die Gastgeberin und eine Frau, die ihr geholfen hat und ab und zu hinten in einem Utensilienraum verschwunden ist, um etwas zu holen. – Natürlich gehörte der Gastgeberin der Raum nicht; es war Teil einer Art Rollenspieles, in dem die Gastgeberin diejenige ist, die die Ehre hat, den anderen den Tee zuzubereiten. Der Raum war mit den anwesenden Personen gut gefüllt, die alle im Halbkreis um einen im Boden eingelassenen Topf mit heißem Wasser saßen. Hinter Thomas Cimg3744_smallund mir befand sich eine Nische mit ein paar Blütenzweigen und einem Spruchband, das den Geruch der Pflaumenblüten beschrieb. Links von der Gastgeberin gab es eine niedrige mit Papier bespannte Stellwand. (Was wir später erst mitbekommen und dann auch genutzt haben, weil Thomas den Damen zu groß schien: Es gab auch noch eine normal große Schiebetür in den Garten.)
Dann begann die Zeremonie, die wir, soweit wir konnten, einfach nachgeahmt haben. Natürlich waren wir etwas unsicher, und manchmal waren uns Fehler peinlich; aber die Damen haben es uns eigentlich ganz leicht gemacht, das Ganze zu verstehen und mitzumachen.
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Nachdem sich die Gäste hingesetzt hatten (auf dem Boden knieend, auf den Hacken sitzend), betrat die Gastgeberin den Raum und dankte allen in vorgeschrieben Worten dafür, daß sie aus ihrem geschäftigen Leben zu ihr gefunden haben, um mit ihr Tee zu trinken. Die Gäste legten ihre Fächer quer vor sich, verbeugten sich und bedankten sich in ebenso vorgeschriebenen Sätzen für die Einladung.
Es folgte Kashi, das Servieren der Süßigkeiten: Eine Schale mit halb handtellergroßen Süßigkeiten, die die Form einer Pflaumenblüte und die Konsistenz von Marzipan hatten und mit Mus aus roten (Azuki-)Bohnen gefüllt waren, wurde herumgereicht, sowie Stäbchen, mit denen sich jeder ein Stück auf ein kleines Papier vor sich legen sollte. Dann wurden die Stäbchen mit einer Ecke des Papiers auf eine bestimmte Weise abgewischt, auf den Schalenrand gelegt und nach links weitergereicht. (Zum Glück war Akapu immer vor mir dran, sodaß ich alles gut nachmachen konnte.) Als jeder ein Stück vor sich liegen hatte, wurden die Süßigkeiten alle gleichzeitig gegessen. (Beim Rausnehmen der Teile aus der Schale zuckten die Damen leicht zusammen, weil sie dachten, wir könnten nicht mit Stäbchen umgehen.)
Dann kam Kiyomeru, das rituelle Reinigen der Teeutensilien mit einem Seidentuch (fukusa), das je nach Geschlecht, Alter oder Können eine andere Farbe hat. Vor der Reinigung wird dieses Tuch auf eine spezielle Art gefaltet und zunächst waagerecht gehalten, um „den Himmel auf die Erde zu bringen“. Auch, wenn alle Utensilien sauber sind, zeigt der Gastgeber durch die Reinigung, daß er sich gut um seine Gäste kümmert. – Das Reinigen ist außerdem eines der zentralen Elemente der Shinto-Religion. (Die Japaner gehören zum größten Teil dem Shintoismus und zugleich dem Buddhismus an.)
Anschließend wurde das „Wasser Eingießen“ zelebriert. Aus dem im Boden eingelassenenCimg3740_small großen Metalltopf wurde mit einer Bambuskelle (hishaku) heißes Wasser geschöpft. Die Kelle muß von der Gastgeberin in einer bestimmten Art gehalten werden, sodaß sie sich in dem Wasser spiegelt. In diesem Moment soll sie innehalten und in dem Spiegel ihre Seele betrachten, um sicherzugehen, daß dort keine Unruhe zu finden ist, die sie daran hindern könnte, den Tee angemessen zuzubereiten.
Anschließend wurde das heiße Wasser zum Chasen-toshi in die Teeschale gefüllt. Hierbei werden alle Untensilien auf die Teezubereitung vorbereitet: Die Teeschale wird vorgewärmt, sodaß sich der Tee leichter mischen läßt und seinen Geschmack besser entfaltet, die Borsten des Chasen werden weich, sodaß sich der Tee besser rühren läßt und der Gastgeber kann entscheiden, ob das Wasser die richtige Temperatur hat. Dieses erste Wasser wurde dann in einen anderen Topf ausgegossen und es kam zum Teeaufguß:
Wir sollten den dicken (besonders wertvollen) Tee (koicha) bekommen. Dieser wurde für alle Personen in einer Schale angerührt, die später herumgereicht werden sollte.
Pro Perso kommen drei Bambuslöffelspitzen Tee in die Schale. Die Gastgeberin hat den Tee geglättet, drei Linien in das Pulver gezogen und den Löffel sorgfältig wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückgelegt. Dann wurde das Pulver mit recht wenig heißem Wasser aufgegossen und vor unseren Augen mit dem Chasen verquirlt. Es entstand eine dunkelgrüne Masse von joghurtähnlicher Konsistenz, die sehr bitter war und grüne Krümel im Mund hinterließ. Alles wurde in absoluter Stille (nur ganz selten von kurzen Erklärungen für uns unterbrochen) vollzogen. Die Stille des Gastgebers wird auch als Anzeichen für besondere Wertschätzung der Gäste gesehen.
Dann wurde der Tee herumgereicht. Wieder mußten wir ihn mit der rechten Hand aufnehmen, diesmal aber gleichzeitig in der linken Hand ein orangefarbenes Tuch (dashibukusa) ausbreiten, auf dem die Schale abgestellt wurde. Anschließend verbeugte man sich mit der Schale in der Hand bedankend in Richtung der Gastgeberin. Dann wurden oben beschriebene Drehungen der Schale vollzogen. Nachdem wir drei „Schlucke“ (Ich gebe zu, daß wir beide nur genippt haben.) genommen hatten, mußte der Rand der Schale mit einem Papier in einer bestimmten Art (dreimal von links nach rechts) abgewischt werden, das „Zentrum“ wieder zurückgedreht werden, und die Schale wurde nach links mit einer Verbeugung weitergereicht.
Der letzte Gast mußte den ganzen Tee austrinken, was ziemlich viel war, weil Thomas und ich ja nur genippt hatten. Und weil der Tee so wertvoll war, wurde die Schale nochmal mit heißem Wasser ausgegossen, und die letzte Dame in der Reihe trank den Sud noch aus.
Es folgte der „inoffizielle“ Teil, der aber natürlich auch offiziell war. Zunächst wird dem Gastgeber dabei formell gedankt. Man darf sich zwar aussuchen, welche Formeln man benutzt; aber die Art der Sätze ist vorgeschrieben. So fragte Akapu dann anschließend, ob sie die Untensilien einmal genauer ansehen dürfte. Dieses „genauer Ansehen“ bestand wieder in einer Art ritueller Handlung, bei der die Gegenstände einzeln zuerst in die Hand genommen und von allen Seiten genau betrachtet werden mußten und dann das Gleiche passieren sollte, wenn man den Gegenstand anschließend auf dem Boden abgelegt hatte. Dann wurde das Utensil nach links weitergereicht.
Mit dem nochmaligen Dank an die Gastgeberin und dem Verlassen des Raumes verließen wir auch diesen stillen ruhigen Kosmos, um bald darauf wieder in die Hektik der Großstadt einzutauchen.
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Vorher hatten wir allerdings noch die Gelegenheit, uns japanische traditionelle Tänze anzusehen und „hinter den Kulissen“ des Teeraumes zu einigen japanischen Snacks eingeladen zu werden.
Danach besuchten wir mit Akapu noch zwei Schreine und die Todai-Uni (s. Fotos).

Auf dem Nachhauseweg fanden wir uns unversehens in einer Diskussion wieder, ob jemand, der nicht mit der Teezeremonie als religiöser Handlung aufgewachsen ist, je das Gleiche dabei empfinden könnte, wie jemand, zu dessen Leben diese Zeremonie regelmäßig gehört.

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